
Fotos: Pflege ABC, Magnific
Demenz beginnt selten mit einem großen Knall. Meist sind es kleine Veränderungen, die sich in den Alltag schleichen. Ein Termin wird vergessen. Der Schlüssel liegt plötzlich an einem ungewöhnlichen Ort. Jemand erzählt dieselbe Geschichte mehrfach oder findet ein vertrautes Wort nicht. All das kann auch zum gesunden Älterwerden gehören. Aufmerksam sollten wir werden, wenn solche Veränderungen neu sind, häufiger auftreten und den Alltag zunehmend erschweren. Dann sollte man sie ärztlich abklären lassen.
Ich kenne diese Unsicherheit aus meiner eigenen Familie. Als meine Großmutter an Demenz erkrankte, haben wir lange nicht verstanden, was mit ihr geschah. Wir wollten helfen, sie beschützen – und vor allem, dass alles wieder so wird wie vorher. Heute weiß ich: Gerade dieser Wunsch kann den Umgang miteinander schwer machen.
Denn Demenz verändert nicht nur das Gedächtnis. Sie kann beeinflussen, wie ein Mensch Situationen wahrnimmt, Sprache versteht, sich orientiert oder Gefühle ausdrückt. Angehörige erleben, dass Mutter, Vater oder Partner plötzlich anders reagieren, misstrauisch oder unruhig werden oder sich zurückziehen. Und ganz automatisch versuchen wir dann, mit Vernunft zu erklären, zu korrigieren oder zu überzeugen.
Gerade am Anfang hilft Wissen über Demenz und die veränderte Wahrnehmung. Auch Online-Kurse können Angehörigen helfen, Verhaltensweisen besser einzuordnen und im Alltag sicherer zu reagieren. Solche Angebote gibt es teilweise sogar kostenlos für gesetzlich Versicherte, zum Beispiel den Demenzkurs beim Pflege ABC (www.pflegeabc.de/course/demenz).
„Aber Mama, das habe ich dir doch gerade gesagt.“ „Papa, deine Mutter lebt doch schon lange nicht mehr.“ Solche Sätze sind menschlich. Sie entstehen meist aus Hilflosigkeit und dem Wunsch, Ordnung in eine Situation zu bringen, die sich immer weniger geordnet anfühlt. Für einen Menschen mit Demenz kann eine Korrektur jedoch bedeuten, immer wieder mit der eigenen Veränderung konfrontiert zu werden.
Einer der wichtigsten Perspektivwechsel für mich war deshalb: Ich muss nicht immer klären, was objektiv richtig ist. Viel wichtiger ist die Frage: Welches Gefühl steckt hinter dem, was mein Gegenüber gerade sagt? Wer dieses Gefühl erkennt, kann oft auch dann Verbindung schaffen, wenn eine sachliche Verständigung kaum noch möglich ist.
Wenn eine Frau jeden Nachmittag fragt, wann ihre Mutter sie abholt, hilft es wenig, ihr zu erklären, dass die Mutter seit Jahrzehnten tot ist. Vielleicht steckt dahinter vielmehr das Bedürfnis nach Sicherheit, Geborgenheit oder Zuhause. Eine Antwort wie „Du vermisst deine Mutter gerade sehr“ kann dann eine ganz andere Tür öffnen.

Gute Kommunikation bei Demenz bedeutet nicht, besonders ausgefeilte Sätze zu finden. Im Gegenteil: Weniger ist oft mehr. Blickkontakt, ein ruhiger Ton, kurze Sätze und nur eine Frage auf einmal können viel verändern. Geben Sie Zeit zum Antworten und begrenzen Sie Auswahlmöglichkeiten. Wenn Worte schwieriger werden, gewinnen andere Formen der Verständigung an Bedeutung: ein Lächeln, eine Berührung, Musik oder ein gemeinsamer Spaziergang.
Ein Mensch verliert durch Demenz nicht seine Würde, Persönlichkeit oder sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Auch wenn Erinnerungen verblassen, bleiben Gefühle oft sehr lange erhalten. Vielleicht weiß ein Mensch später nicht mehr, wer genau zu Besuch war. Aber er kann noch spüren, dass dieser Besuch schön war.
In der Pflege geraten wir schnell in einen Modus des Funktionierens. Medikamente, Arzttermine, Einkäufe, Wäsche, Formulare – die Liste scheint endlos. Ich kenne das aus meiner eigenen Familie. Rückblickend denke ich manchmal: Wir waren so beschäftigt damit, alles richtig zu machen, dass wir Gelegenheiten für schöne gemeinsame Zeit übersehen haben.
Dabei müssen diese Momente gar nicht groß sein. Gemeinsam in der Sonne sitzen. Ein altes Lied hören. Kuchen essen. Fotos anschauen – ohne abzufragen, wer darauf zu sehen ist. Zusammen Gemüse schneiden, Wäsche falten oder Blumen gießen. Etwas tun, das vertraut ist und bei dem der Mensch nicht ständig erleben muss, was er nicht mehr kann.
Mein Rat lautet deshalb: Prüfen Sie nicht das Gedächtnis, suchen Sie die Begegnung. Fragen Sie nicht: „Weißt du noch?“ Erzählen Sie lieber selbst: „Schau, hier waren wir damals an der Ostsee. Das war ein schöner Tag.“ Aus einer Prüfung wird so ein gemeinsamer Moment.
Und erlauben Sie sich Humor. Wir haben oft Angst, bei einer so schweren Erkrankung lachen zu dürfen. Aber Lachen kann verbinden, entspannen und Leichtigkeit schaffen – nicht über den Menschen mit Demenz, sondern gemeinsam mit ihm.
Natürlich gibt es Tage, an denen all das schwerfällt. Angehörige dürfen erschöpft, traurig oder wütend sein. Niemand kann rund um die Uhr geduldig und liebevoll reagieren. Hilfe anzunehmen ist deshalb wichtig, damit Beziehung Beziehung bleiben kann und nicht nur noch aus Pflege besteht.
Demenz verändert vieles. Aber sie nimmt uns nicht die Möglichkeit, einander nah zu sein. Vielleicht verändert sich die Sprache der Beziehung. Vielleicht müssen wir lernen, weniger zu erklären und mehr zu fühlen, weniger zu korrigieren und genauer hinzusehen.
Denn am Ende geht es nicht darum, jeden Tag perfekt zu meistern. Es geht darum, den Menschen hinter der Erkrankung nicht aus den Augen zu verlieren – und die Augenblicke zu erkennen, in denen Verbindung noch immer möglich ist. Manchmal sind es gerade diese kleinen Augenblicke, die besonders lange im Gedächtnis der Angehörigen bleiben.
Über Sophie Rosentreter:

Sophie Rosentreter ist Demenz-Aktivistin, Autorin und Gründerin von „Ilses weite Welt“. Auslöser für ihr Engagement waren die Erfahrungen mit ihrer an Demenz erkrankten Großmutter, die sie gemeinsam mit ihrer Familie begleitete und pflegte. Seit vielen Jahren setzt sie sich dafür ein, Angehörigen Wissen, Verständnis und einen neuen Blick auf das Leben mit Demenz zu vermitteln. Als Expertin hat sie außerdem Demenzkurse für das Pflege ABC entwickelt (www.pflegeabc.de), über die Angehörige praxisnah und kostenlos mehr über den Umgang mit demenziell veränderten Menschen lernen können.
Text: Sophie Rosentreter
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