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Manche Ältere kennen ihn noch: Goethe, Dichter und Reisender vor dem Herrn. In jungen Jahren kutschierte er nach Italien, als gesetzter Herr mochte er es bequemer im Rheinischen und im Böhmischen. Fast wie heute, wenn Senioren ihre Koffer packen. Ganz nach dem dänischen Märchendichter H. C. Andersen, der über 30 Mal Hamburg besuchte: „Zu reisen ist zu leben.“ Das gilt auch im Alter.
Der Deutschen größter Dichter wusste: „Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen. Dabei war Reisen beschwerlich. Als der Mittsechziger ins Rheinische oder nach Marienbad aufbrach, stand nur die Kutsche bereit. Erst drei Jahre nach Goethes Tod dampfte die erste deutsche Eisenbahn.
Heute ist Reisen kein Privileg der Jugend mehr. Man reist global, und Best Ager gelten als Best Traveller und Wachstumsmotor der Reisebranche: Ein Drittel macht mehrmals im Jahr Urlaub mit mehr als sechs Nächten. Fast drei Viertel freuen sich pro Jahr auf eine oder mehrere Urlaubsreisen. Ein Drittel entspannt im Inland, an der Küste, im Mittelgebirge und in den Alpen, vom Camping in Schillig bis zum Wandern in Mittenwald. Zwei Drittel zieht es ins Ausland.
Dabei wandelt sich die Einstellung. Ältere wollen immer noch die Welt sehen, reisen aber lieber gemütlich. So unternehmen Babyboomer meist längere Reisen, auch weil sie oft zu zweit sind und eine gefüllte Reisekasse haben: Die Kinder gießen zu Hause die Blumen und müssen nicht mehr mit. Wer als Senior jetzt im Frühjahr reist, spart sich sommers überfüllte Strände, volle Städte, teure Tickets … Und dazu gibtʼs ein gemäßigtes Klima, das manche Ältere schätzen.

Rüstig reiselustig
Die Babyboomer-Generation ist nicht nur zahlenmäßig stark, sondern auch reiseerfahren. Manche erinnern das Interrail-Ticket, mit dem man per Zug durch Europa fuhr. Den Rucksack dazu haben heute manche noch auf dem Dachboden, aber nicht mehr auf dem Buckel. Und mal eben los, das klappt auch nicht mehr so wie in jungen Jahren. Das sagt auch Christian W. Ruge, Inhaber der Consulting-Agentur BestAgeHolidays. Er berät Reisebüros und Veranstalter. Ihnen empfiehlt er, noch stärker auf Best Ager und ihre Bedürfnisse einzugehen.
„Spontan war früher. Mit zunehmendem Alter wollen die Menschen generell mehr im Voraus planen. So mögen sie auch beim Reisen mehr Planungssicherheit. Manche suchen ein dreiviertel oder halbes Jahr vor dem Start ein Reisebüro auf oder recherchieren im Internet nach Reiseziel, Unterkunft und Aktionsprogramm. Beliebt sind Bustouren, ebenso Kreuzfahrten und gerade Flusskreuzfahrten. „Hier finden Senioren auf kleinem Platz vieles, was gewünscht wird – und zu den Möglichkeiten passt. Wer mobil ist, kann vom Schiff aus die Umgebung erkunden. Wer nicht so fit ist, nimmt den Bus.“ Hier sieht Ruge Nachholbedarf angesichts der steigenden Zahl von älteren Urlaubern, die nicht mehr fit sind. „Wenn es keinen Begleitservice oder Hilfe am Urlaubsort oder während der Anreise gibt, fällt der Urlaub oft flach. Ein schönes Hotel, etwas Wellness, Spazierengehen, Radfahren und ein Kultur- und Unterhaltungsprogramm – das ist, was Senioren mögen.“

Gerade Kreuzfahrten stehen in Hamburg hoch im Kurs. Nicht nur, weil von hier viele Traumschiffe in See stechen, sondern auch weil hier Anbieter wie Hapag-Lloyd Cruises HLC zu Hause sind. HLC ist oft mit seinen fünf Schiffen, darunter die „Europa“ oder die „Europa 2“, auf der Elbe zu sehen. Dass vornehmlich Ältere Kreuzfahrten machen, ist offenbar ein Vorurteil. Allerdings haben Best Ager mehr Zeit und sind reiselustiger als vor Jahren, beobachtet Karen Schmidt, Pressesprecherin HLC: „Kreuzfahrten begeistern alle Altersgruppen. Besonders ältere Gäste schätzen den Komfort einer stilvollen Unterbringung und die Möglichkeit, gut erreichbare Ausflugsziele entspannt zu erkunden. Sie genießen es, die Welt zu entdecken, ohne ständig den Koffer packen zu müssen, und legen Wert auf Sicherheit, Service und inspirierende kulturelle Erlebnisse. Gleichzeitig erleben wir, dass Kreuzfahrten immer häufiger generationsübergreifend unternommen werden, denn an Bord wird für jedes Alter das passende Angebot geschaffen.“
Schmidt sieht einen Trend zu längeren Transatlantik- und Etappenreisen, um von Hafen zu Hafen zu kreuzen. Dabei geht es nicht nur um „Gourmet-Genüsse“, sondern auch um Kunst oder Gesundheit an Bord. Was manchen entgegenkommt: „Die Bordsprache spielt eine entscheidende Rolle, um Sprachbarrieren zu vermeiden. Gerade auf unseren Expeditionen kann es anspruchsvoll sein, den Ausführungen der Experten über die Tier- und Pflanzenwelt in voller Tiefe zu folgen, selbst für Gäste mit sehr guten Englischkenntnissen. Umso mehr wird geschätzt, dass auf all unseren Schiffen Deutsch die Bordsprache ist“, sagt Schmidt.

Stadt Land Bus
Rundum-sorglos-Reisen zu Lande verspricht dagegen etwa der Reisering Hamburg, der auf Busreisen spezialisiert ist. Dabei werden die 30 roten Vier-Sterne-Busse weniger von „Strandliegeurlaubern“ (Marketing-Chefin Svenja Simao) als von denen gebucht, die in ganz Europa Erlebnisziele ansteuern wollen. Sie fahren nicht selbst. Sie lassen sich kutschieren: Busreisen sind Älteren lieb und etwas teurer, weil sie eine Art geschützter Raum sind, so Simao. Die Reisenden werden zu Hause per Taxi abgeholt, inklusive Koffer. Dann geht’s los: drei, sieben oder zwölf Tage zum Beispiel. Wichtig sind drei Dinge, so Simao: „Erlebnis, Bequemlichkeit und Sicherheit.“
Allerdings ist das „A–Z-Geplant-Programm“ nicht so billig wie einst, als Busse Urlauber nur von A nach B transportierten. Kein Reisering-Bus ist allerdings proppenvoll: „Wir belegen nur 30 statt der möglichen 44 Plätze.“ Dabei hat Reisering die demografischen Zeichen der Zeit erkannt, denn immer mehr Hamburger haben auch als Single die Reiselust behalten. Und die haben gern eine „Solo-Sitzreihe“. Sie sind dann für sich – und dennoch nicht allein. Dazu kommt: In der Gruppe fühlen sich ältere Alleinreisende sicherer. Das gilt auch, wenn der Reisering zu Wasser unterwegs ist: Bei Flusskreuzfahrten fährt der Bus quasi parallel zu Donau oder Rhein nebenher. Am Hafen sagt der Busfahrer dann: „Ick bün all hier.“ Und auch an anderen Häfen gilt, so Simao, das All-inclusive-Prinzip: Bei Flugreisen sorgen Reisebegleiter dafür, dass der Check-in klappt oder das TV-Gerät auf Gran Canaria funktioniert. Manche Ältere kommen mit der Sprache am Urlaubsort nicht zurecht, auch da hilft die Reisebegleitung.
Der Weg ist nicht das Ziel, aber schon Urlaub, so die Reisering-Philosophie. Auf der Busfahrt gibtʼs Kaffee, Cola, Wasser und mehr, „weil Ältere ja nun mal viel trinken sollen“. Zwischen Raststätten-Stopps sorgt die Bord-Toilette für weniger Stress. Und am Ziel sind Hotels und Ausflüge geplant. Wer also nicht auf die neue Oper in Hamburg warten, sondern kühn die alte in Verona erleben will, bucht schon in Hamburg. Simao weiß, dass Reisen viel mit Psychologie zu tun hat: „Niemand will im Bus das Gefühl haben, andere aufzuhalten.“ Daher hat Reisering auch ein Angebot für Menschen, die mit Rollator oder Gehhilfen reisen und langsamer unterwegs sind als der Durchschnitt: „Dieses Rollator-freundliche Programm ist übrigens das einzige dieser Art in Hamburg und Umgebung.“

Reisen und Fragen
Weniger online als klassisch im Reisebüro arbeitet Inessa Nazarenko, Filialleiterin beim Hamburger ADAC-Reisebüro Papendick: „Bei uns buchen die Best Ager überwiegend Pauschalreisen.“ Das Ziel der Auszeit: baden, golfen oder Städte entdecken. Sie bucht für ihre Kunden auch „viele Hochsee-, aber auch Flusskreuzfahrten!“ Allerdings: Die Nachfrage nach Angeboten speziell für Singles sei „gering bis gar nicht vorhanden“. Bei Problemen rund um Reisen sieht sich das Reisebüro gerüstet: „Unser Fokus liegt auf dem persönlichen Service und dem persönlichen Gespräch. Wir unterstützen bei technischen Themen, auch bei Online-Check-ins und Einreiseformalitäten.“
Und wenn alles klar ist, geht’s ab in den Urlaub, so Nazarenko, nach Spanien und das westliche Mittelmeer, nach Frankreich, wo Seine oder Loire locken, oder nach Skandinavien und Italien (wie einst Goethe).
Text: Riedel © SeMa
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