
Fotos: Causalux-Fotografie
Prof. Dr. Margit Bölts (IU Internationale Hochschule) über gemeinsame Mahlzeiten als Schutz vor Einsamkeit im Alter.
Mehr als jede dritte Person ab 65 Jahren lebt in Deutschland allein. Bei den über 85-Jährigen ist es mehr als die Hälfte.¹ Für viele ist der Essenslieferdienst der einzige Kontakt des Tages. Kein gemeinsames Essen, kein Gespräch über den Tag. Dabei ist eine Mahlzeit mehr als Nahrungsaufnahme. Essen ist Gemeinschaft, indem es soziale Bindungen schafft und stärkt, es verbindet in der Familie aber auch mit anderen sozialen Gruppen und trägt so zum psychischen Wohlbefinden bei. Was Jüngeren selbstverständlich scheint, fällt im Alter für viele weg
Forschungsergebnisse zeigen, wie wichtig soziale Kontakte im Alter sind. Austausch und Gemeinschaft können dazu beitragen, Erkrankungen wie Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen vorzubeugen. Einsamkeit dagegen beeinträchtigt nachweislich die Gesundheit.²
Gemeinsames Essen stärkt
Ein offener Mittagstisch könnte doppelt helfen: Er wirkt sozialer Isolation und Ernährungsarmut entgegen – zwei Problemen, die im Alter häufig zusammenkommen. Rund 19,5 Prozent der Menschen über 65 Jahren sind armutsgefährdet.³ Für Frauen mit einer Gesamtrente von 800 oder 900 Euro. sind selbst vier oder fünf Euro für ein Mittagessen oft nicht bezahlbar.
Offene Mittagstische gibt es bei karitativen Einrichtungen, Senioreneinrichtungen oder der Tafel – flächendeckend aber leider nicht. In einigen Städten, wie zum Beispiel Augsburg, Düsseldorf, Hamburg, bestehen gut organisierte Strukturen, in vielen ländlichen Regionen fehlen sie oder finden nur einmal pro Woche statt.
Hinzu kommt die unzureichende Datenlage: Wie viele Angebote bestehen, wen sie erreichen und wie sie finanziert werden, ist kaum bekannt. Wenn über ältere Menschen geforscht wird, geht es meist um Krankheiten – nicht darum, wie und mit wem gegessen wird. Dabei müsste Prävention vor Alterseinsamkeit viel ganzheitlicher und früher ansetzen.
Was wir tun können
Offene Mittagstische dürfen deshalb nicht allein vom Einsatz Einzelner abhängen. Nötig sind verlässliche, gut erreichbare und bezahlbare Angebote. Kommunen sollten sichtbar machen, wo Mittagstische, Seniorencafés und Treffpunkte bestehen – und dafür sorgen, dass Informationen über Pflegedienste, Arztpraxen, Apotheken und Beratungsstellen ankommen.
Gemeinschaftliches Essen sollte als Teil der Daseinsvorsorge verstanden werden. Solange fehlende Strukturen aber nicht belegbar sind, bleibt der Weg zur Veränderung lang – doch die Wissenschaft arbeitet bereits daran. Aktuell bedeutet das nach wie vor: Wenn Kommunen, soziale Einrichtungen und engagierte Personen zusammenarbeiten, wird aus einer Mahlzeit mehr als praktische Hilfe: nämlich ein Stück Gemeinschaft. Was vielerorts bereits funktioniert, verdankt sich dem Einsatz engagierter Menschen in Vereinen, karitativen Einrichtungen und Kirchengemeinden – ein Engagement, das höchsten Respekt verdient und das es zu stützen gilt.
Quellenangaben: 1 Statistisches Bundesamt (2026). 17,3 Millionen Menschen in Deutschland leben allein. Pressemitteilung Nr. N041 vom 24. Juni 2026; 2 Z.B.: Nakou, A., Dragioti, E., Bastas, N.-S., Zagorianakou, N., Kakaidi, V., Tsartsalis, D., Mantzoukas, S., Tatsis, F., Veronese, N., Solmi, M., & Gouva, M. (2025). Loneliness, social isolation, and living alone: a comprehensive systematic review, meta-analysis, and meta-regression of mortality risks in older adults. Aging Clinical and Experimental Research (2025) 37:29; https://doi.org/10.1007/s40520-024-02925-1, Hajek, A., Volkmar, A., & König, H.-H. (2025). Prevalence and correlates of loneliness and social isolation in the oldest old: a systematic review, meta-analysis and meta-regression. Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology (2025) 60:993–1015; https://doi.org/10.1007/s00127-023-02602-0, Chawla, K., Kunonga, T. P., Stow, D., Barker, R., Craig, D., & Hanratty B. (2021) Prevalence of loneliness amongst older people in high-income countries: A systematic review and meta-analysis. PLoS ONE 16(7): e0255088. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0255088 3 Statistisches Bundesamt (Hrsg.). (2026). Armutsgefährdung (monetäre Armut) nach soziodemografischen Merkmalen. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/Tabellen/armutsgef-sozdem-zvgl.html#fussnote-1-1369560
Text: Prof. Dr. Margit Bölts
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