
Foto: Jörg Eggers Stockholms Auktionswerk Hamburg, Arne Eggers https://www.frisches-aus-hamburg.de/, Krause
Es ist gar nicht so alt, das Lied vom Bauern, den Rösslein, der Bäuerin und den Mägden: Gedruckt erschien es erstmals 1905 in Josef Pommers Liederbuch für die Deutschen in Österreich.
Obwohl die „Rösslein“ von der Technik bis auf wenige Ausnahmen abgelöst wurden und aus der „Magd“ inzwischen eine „landwirtschaftliche Mitarbeiterin“ geworden ist, hält es sich wacker – das Lied vom unermüdlichen Landvolk, das von früh bis spät die Hände regt und im Winter fröhlich schmaust.
Im Lied wird Landwirtschaft arg vereinfacht und idealisiert dargestellt – doch selbst Mozart hätte sicher ein Problem gehabt, auf „landwirtschaftliche Mitarbeiterin“ eine Melodie zu erfinden. Also werden auch in diesem Jahr wieder die Rösslein angespannt – musikalisch und ganz real. Auch in der Freien und Hansestadt Hamburg.
Es grünt so grün
Eliza Doolittle bringt es im Musical „My Fair Lady“ auf den Punkt. Auch Hamburg „grünt so grün“. Nur wenige Städte haben ein so üppiges Grün aufzuweisen. Schon seit dem Mittelalter gehörten landwirtschaftliche Flächen zur Stadt.
Mit dem „Groß-Hamburg-Gesetz“ von 1937 wurden nicht nur die Städte Altona, Wandsbek und Harburg Hamburg zugeschlagen, sondern etliche Gemeinden mit überwiegend landwirtschaftlichem Charakter.
Hamburg vergrößerte sich um 415 Quadratkilometer und weist heute eine Gesamtfläche von 755,09 Quadratkilometer auf. Mit anderen Worten: Paris mit seinen mickrigen 105,40 km² passt locker siebenmal auf die Fläche der Hansestadt!
Nicht nur Hände regen sich
Es gackert, muht, grunzt, blüht und wächst auch in der Hansestadt. Stand 2023 bewirtschaften 510 (2016: 625) landwirtschaftliche Betriebe 14 000 Hektar und damit fast 2 Prozent des Stadtgebiets. 3297 Personen in 1747 Arbeitskräfteeinheiten (AK-E) in der Landwirtschaft.
Nicht nur Airbus, Hafen und Kupfer prägen das Gesicht Hamburgs. Der zweifelhafte Ruhm, Namensgeber für eine platt gedrückte Frikadelle im Pappbrötchen zu sein, klebt auch an der Stadt. Rot, saftig und gesund sind hingegen die Tomaten, die als „Vierländer Platte“ und „Vierländer Runde“ sozusagen als Undercover-Hamburgerinnen ein Alleinstellungsmerkmal haben.

Oft handelt es sich bei Lebensmitteln mit Städtenamen um verarbeitete Produkte. Die Vierländerinnen sind dagegen solo ein Genuss. Von April bis November werden sie auf Märkten und in vielen REWE-Märkten angeboten.
Gegen den „Ewig haltbar“-Strom schwimmt die „Platte“. Sie ist „dick“ (bis zu 600 Gramm), dünnhäutig und will rasch verzehrt werden. Dafür belohnt sie mit einem Geschmackserlebnis, das sich deutlich von der Masse abhebt.
Zum Beispiel Zitrone
Vereinfacht gesagt kommt Obst für Hamburg aus dem Alten Land, und Blumen und Gemüse kommen aus den Vier- und Marschlanden. Die vier Lande sind Altengamme, Curslack, Kirchwerder und Neuengamme. Die Stadtteile Allermöhe, Billwerder, Moorfleet, Neuallermöhe, Ochsenwerder, Reitbrook, Spadenland und Tatenberg sind die Marschlande. Gemeinsam nehmen die Vier- und Marschlande gut 17 Prozent des Hamburger Stadtgebiets ein.
Und Zitrone? Die fühlt sich in Hamburg – genauer gesagt auf dem Milchhof Reitbrook – wohl. Zitrone ist eine von 185 Kühen des Milchhofs, die, wenn die Natur es wieder zulässt, auf den weiten Wiesen rund um den Hof weiden.
Die Kühe werden täglich zweimal gemolken – ihre Milch ist nicht nur ein wertvoller Kalziumspender, sondern steht im Sprachgebrauch für Fülle und Wohlstand. An Letzterem hapert es nicht selten.
Zu viel Milch am Markt führt dazu, dass der monatlich amtlich veröffentlichte Grundpreis unter die Selbstkosten der Landwirte fällt. Das kann sich auf die Preise milchbasierter Produkte auswirken – so wie zuletzt Ende 2025 auf den Butterpreis.
Übrigens: Kuh Zitrone wurde „trockengelegt“. Weil sie trächtig ist, wird sie nicht gemolken. Erst für ihr Kälbchen wird sie wieder Milch haben!
Kühe atmen nicht
Preisschwankungen bei Milch haben auch damit zu tun, dass Kühe nicht „atmen“. Zumindest nicht so, wie Peter Hartz – VW-Vorstand und Vater von Hartz IV – es in den 1990er Jahren für die VW-Fabriken einführte.
Mit „atmen“ bezeichnete er eine flexible Anpassung der Arbeitszeiten und Produktionsmengen an die aktuelle Auftragslage. Bei schwacher Nachfrage sinkt die Arbeitszeit, bei hoher Nachfrage steigt sie.

Kühe produzieren täglich Milch – sie nicht zu melken ist keine Option. Wird ihr Bestand bei sinkender Nachfrage reduziert, lässt sich die Milchproduktion nicht sofort wieder hochfahren.
Landwirte leiten keine Fabriken. Veränderungen wirken sich oft erst mit erheblicher Verzögerung aus. Bauern müssen erfinderisch sein, um dem Preisautomatismus von Angebot und Nachfrage sowie dem Druck der Handelsketten zu entkommen.
Selbstvermarktung heißt in Reitbrook das Zauberwort. Nicht nur mit Hofladen und Café – im Einzugsgebiet versorgt der Milchhof seine Kunden sogar bis an die Haustür.

„Wie viel Erde braucht der Mensch?“
So heißt eine Erzählung von Lew Tolstoi. Zeitlos gültig, berichtet sie von der Gier nach immer mehr – mehr von dem, was sich nicht vermehren lässt: Grund und Boden. Reichlich vorhanden ist dagegen Geld – Geld, das untergebracht werden will. Landwirte benötigen Land, sonst können sie nicht arbeiten.
Zwar schützen Gesetze landwirtschaftlich genutzte Flächen unter bestimmten Voraussetzungen vor Spekulationen, doch ist externer Landerwerb nicht grundsätzlich unmöglich.
Da viele Landwirte nicht nur eigenes, sondern auch Pachtland bewirtschaften, hat vagabundierendes Geld Einfluss auf die Pacht – und damit auf die Kosten.
Wie viel Stempel braucht das Land?
Jedenfalls nicht so viele, wie die Bürokratie bereithält. Obwohl Politiker ständig versichern, Bürokratie abbauen zu wollen, fehlt offensichtlich die Kraft dazu – auch für die den Landwirten zugemutete Bürokratie.
Reinhard Meys Chanson vom „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“ ist auch in der digitalen Welt Realität.
Befürchtungen der Bauern, dass landwirtschaftliche Produkte aus den Mercosur-Ländern mit geringeren Futter-, Lohn- und Bürokratiekosten belastet sind, dürften berechtigt sein.
Text: Franz-Josef Krause
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