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Hamse jedient? … die Diskussion über die Neubelebung der Wehrpflicht nimmt Fahrt auf

Hamse jedient? … die Diskussion über die Neubelebung der Wehrpflicht nimmt Fahrt auf

Aus dem SeMa November 2025 · Beitrag · 5 Minuten

Hamse jedient? … die Diskussion über die Neubelebung der Wehrpflicht nimmt Fahrt auf

Foto: Franz-Josef Krause

Es hat Gott durch sein Wort dies runde Haus gebauet, Und was man drinnen merkt, und was man draußen schauet: Der Teufel hat ein Wort, wodurch er Vorsatz hat, Zu tilgen, was Gott schuf, und dieses heißt: Soldat Friedrich von Logau (1605–1655)

Der Dreißigjährige Krieg, den Logau ganz miterlebte, tobte von 1618–1648 und war tatsächlich dabei, „zu tilgen was Gott schuf“. Zwar waren es die Mächtigen, die den Krieg schürten, doch Soldaten waren es, die töteten und getötet wurden. Zwang oder nackter Not folgend, gerieten junge Männer „unter die Soldaten“. Sie wurden wie Spielsteine auf dem Feld der Politik hin und her geschoben – wurden an fremde Mächte vermietet, kämpften und starben, weil ihre Landesherren für ihre feudale Geltungssucht und ihren Lebensstil Geld brauchten. Ohnehin aus den untersten, armen Schichten stammend, war ihr Ruf häufig schlecht. In der „Mitte der Gesellschaft“ hatten sie nichts zu suchen. Das änderte sich – zumindest in Preußen – durch die Hartnäckigkeit des preußischen Generalfeldmarschalls und Heeresreformers Graf Neidhardt von Gneisenau (1760– 1831). Weil er aus ärmlichen Verhältnissen stammte, verdächtigten ihn seine Gegner, er würde mit einer allgemeinen Wehrpflicht Gedanken der Französischen Revolution aufgreifen. Die Erfolge der „Volksarmee“ aus Frankreich und Gneisenaus Überzeugungskraft führten zur allgemeinen Wehrpflicht für Männer.

Vom Söldner zum Bürger in Uniform

Das Militär wurde im 19. Jahrhundert fast verklärend zur „Schule der Nation“ – Soldat zu sein oder „gedient“ zu haben war eine Auszeichnung, die Türen öffnete. Mit Heinz Rühmann in der Titelrolle scheiterte im Film das ersehnte bürgerliche Leben von Friedrich Wilhelm Voigt, dem Hauptmann von Köpenick, an der Frage „Hamse jedient?“ Vom „Wort des Teufels“ hatte es der Soldat in rund 250 Jahren zu einer tragenden Säule der Gesellschaft gebracht. Eine Säule, an der allerdings zwei verlorene Weltkriege und die Verbrechen der Wehrmacht in der NS-Zeit deutliche Spuren hinterlassen hatten. In der jungen Bundesrepublik ging daher die Hoffnung auf „nie wieder Krieg“ mit „nie wieder Soldaten“ Hand in Hand.

Nachdem schon 1953 auf freiwilliger Basis die Bundeswehr neu erstanden war, erfolgte am 21. Juli 1956 mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer der zweite Schritt zur Wiederbewaffnung. Der „Bürger in Uniform“ war geboren. Die nächste Wende kam 2011. Vermeintlich in der Stärke überdimensioniert, mangels Ausbildungskapazität unfähig, für Wehrgerechtigkeit zu sorgen und aus Geldmangel beschloss das Kabinett Angela Merkel, die Wehrpflicht auszusetzen.

Soldat – ein Beruf mit hohem Risiko. Denn auch ohne Sonnenschein steht im Ernstfall vor oder hinter jedem Soldaten ein …
Soldat – ein Beruf mit hohem Risiko. Denn auch ohne Sonnenschein steht im Ernstfall vor oder hinter jedem Soldaten ein ebenfalls bewaffneter Gegner.

Rolle rückwärts?

Vierzehn Jahre danach, unter dem Eindruck des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und eines amerikanischen Präsidenten, der oft wirkt, als wisse er selbst nicht, was er gestern gesagt hat oder morgen tun wolle, ist die Politik daran, den Dienst an der Waffe wieder populär zu machen. Je nach Parteimeinung als Einladung zunächst nur für junge Männer, eine bestimmte Zeit ihres Lebens beim Militär zu verbringen oder gleich als Wehrpflichtiger eingezogen zu werden. Damit wäre Deutschland das einzige große westeuropäische Land mit praktizierter Wehrpflicht. Der Großteil der NATO-Staaten hat eine Freiwilligen- oder Berufsarmee. Politiker in Demokratien sollten bei Entscheidungen von großer Tragweite ausschließlich ihrem Gewissen folgen. Dass sie im Regelfall auch auf ihre Wiederwahl bedacht sind, könnte im Fall der Wehrpflicht zu einem schwer zu bewältigenden Spagat werden. Denn nicht jeder Wahlberechtigte würde ein „Pflichtjahr“ begrüßen.

Was denkt man so in Deutschland?

Das Institut Ipsos veröffentlichte eine Erhebung vom Juni 2025 und fasste zusammen: „Sowohl Frauen (56 Prozent) als auch Männer (69 Prozent) sprechen sich mehrheitlich für die Wiedereinführung der Wehrpflicht aus. Uneins sind sich Frauen und Männer darüber, ob die Wehrpflicht nur für Männer oder geschlechtsunabhängig eingeführt werden sollte. Unter den männlichen Befragten bevorzugen 55 Prozent eine Wehrpflicht für beide Geschlechter, während sich nur 14 Prozent für eine auf Männer beschränkte Wehrpflicht aussprechen. Bei den Frauen zeigt sich ein anderes Bild: Nur ein Drittel der weiblichen Befragten (33 Prozent) präferiert eine Wehrpflicht für beide Geschlechter. Im Verhältnis zu den Männern ist der Anteil der Frauen, die eine Dienstpflicht nur für Männer befürworten, mit 23 Prozent relativ groß. Auch zwischen den Generationen gibt es große Unterschiede, was die Einstellung zur Wehrpflicht betrifft. Während sich die über 60-Jährigen mit 72 Prozent relativ einig sind und die Wiedereinführung der Wehrpflicht mehrheitlich unterstützen, liegt der Anteil der Befürworter:innen bei den 40- bis 59-Jährigen mit 63 Prozent schon etwas niedriger. Unter den 18- bis 39-Jährigen, die vermutlich am ehesten von einer Wiedereinführung betroffen wären, spricht sich immerhin knapp die Hälfte (52 Prozent) für die Wehrpflicht aus, während 40 Prozent sie klar ablehnen. Unstrittig ist, dass es neben dem Dienst an der Waffe wie vor 2011 auch einen Ersatzdienst geben muss.“

Das ARD-Fernsehen beschäftigte sich am 6. Oktober in seiner Reihe „Die 100 – was Deutschland bewegt“ mit der Wehrpflicht. Auch hier zeigte sich eine deutliche Mehrheit zugunsten der Wehrpflicht – wieder waren die Bedenken in den Reihen der möglicherweise direkt Betroffenen groß. Unstrittig ist, dass die Bundeswehr mangels Personals, Materials und Kasernen eine allgemeine Wehrpflicht nicht umsetzen kann. Ob Auslosung – nur bei Männern oder auch bei Frauen – ein Ausweg aus dem Dilemma sein könnte, ist ungewiss. Die berechtigte Frage, ob im Zeitalter der Drohnenkriegsführung eine Armee im herkömmlichen Sinn überhaupt kriegsentscheidend ist, bleibt offen.

Ein Appell aus dem vorherigen Jahrhundert

Offen ist auch, welche Antwort heute die junge Generation auf den Appell des US-Präsident John F. Kennedy hat. Bei seiner Amtsantrittsrede am 20. Januar 1961 sagte er: „Und deshalb, meine amerikanischen Mitbürger: Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt. Meine Mitbürger in der ganzen Welt: Fragt nicht, was Amerika für euch tun wird, sondern fragt, was wir gemeinsam tun können für die Freiheit des Menschen.“

Text: Franz-Josef Krause