
Fotos: Andreas Lattner-Czerny, Archiv Maria Kittl
Maria Kittl ist fast 95 Jahre alt – und denkt noch lange nicht ans Aufhören. Die Österreicherin klettert bis heute, macht täglich Gymnastik und hat sich ein großes Ziel gesetzt: ihren 100. Geburtstag in der Felswand zu feiern. Im Gespräch mit dem SeMa erzählt sie, warum Bewegung für sie alles ist, weshalb Ziele im Leben so wichtig sind und warum man auch im hohen Alter immer wieder aufstehen muss.
SeMa: Frau Kittl, Sie sind über 90 Jahre alt und gehen noch immer klettern. Was gibt Ihnen das Klettern heute, was Ihnen ein gewöhnlicher Spaziergang nicht geben könnte?
In einer steilen Wand geht mir das Herz auf. Es sind jene Stunden am Tag, wo ich keine Schmerzen spüre. Das Klettern stärkt meinen Körper und meine Muskeln – aber genauso meinen Kopf. Es ist wie Rätsel zu lösen. Allein das Sichern gibt mir sehr viel im hohen Alter, denn dabei muss ich immer sehr konzentriert sein: Wie viel Seil muss ich durch mein Sicherungsgerät geben, damit mein Bergführer schnell genug vorwärtskommt? Beim Klettern bin ich immer in bester Gesellschaft, weil ich mit meinen Bergführern unterwegs bin, die mich von oben am Seil straff sichern. Jeder junge Mensch wirkt wie eine Frischzellenkur. Das Balancegefühl schwindet außerdem zunehmend mit dem Alter. Ohne meine Stöcke käme ich nicht mehr zur Wand. Beim Klettern habe ich ja immer einen Griff zum Anhalten.

SeMa: Sie haben einmal gesagt, Sie möchten 100 Jahre alt werden und dann immer noch klettern können. Warum ist Ihnen gerade dieses Ziel so wichtig?
Ziele sind das Wichtigste im Leben. Mit 80 habe ich mir jeden Morgen vorgesagt: Ich möchte 90 werden – im Klettern. An meinem 90. Geburtstag war ich mit Freunden tatsächlich in der Felswand klettern. Seither hab ich mein neues Ziel: Ich möchte 100 werden – mit Klettern. Ob ich es schaffe? Ich weiß es nicht. Aber ich kann es versuchen und unternehme jeden Tag etwas dafür. Ich hatte mein ganzes Leben lang außergewöhnliche und ausgeflippte Ziele.
SeMa: Wenn Sie heute in eine Kletterwand einsteigen: Haben Sie noch Angst – oder verändert sich das Verhältnis zur Angst, wenn man so viel erlebt hat wie Sie?
Ich habe heute vor nichts mehr Angst. Ich weiß, dass jeder Tag mein letzter sein könnte. Das ist bei einem jungen Menschen nicht anders, nur ist man sich als junger Mensch dessen nicht so bewusst.
SeMa: Sie haben als junge Frau in einer Zeit mit dem Klettern begonnen, in der Frauen am Berg noch eine Ausnahme waren. Mussten Sie sich damals mehr beweisen als die Männer?
Ja sicher. Männer haben ja auf Frauen heruntergeschaut im Grunde, da musste man sich auf die Füße stellen. Es ist auch so im Leben: Frauen müssen immer ein bisschen besser sein als Männer, damit sie gleich bewertet werden.

SeMa: Sie haben in Ihrem Leben schwere Verluste erlebt, vor allem den Tod Ihres erst 16-jährigen Sohnes und später den Ihres Mannes. Was hat Ihnen geholfen, nach solchen Schicksalsschlägen wieder Halt im Leben zu finden?
Entweder du gibst auf oder du wirst stärker. Das Unglück meines Sohnes hat mich sehr aus meinem Leben gerissen. Das war das Schlimmste, was dir im Leben passieren kann. Aber irgendwann musste es auch hier wieder weitergehen. Man muss den Blick immer wieder nach vorne richten. Jammern bringt einen am wenigsten weiter im Leben. Man kann die Welt nicht immer verändern. Aber man kann entscheiden, worauf man schaut.
SeMa: Sie haben Krieg und Armut erlebt und sind in einer völlig anderen Welt aufgewachsen. Wenn Sie die jungen Menschen von heute beobachten: Was hat sich zum Guten verändert – und was ist vielleicht verloren gegangen?
Ich bin zu wenig mit jungen Menschen in Kontakt, um darüber wirklich ein Urteil abgeben zu können. Die Aufklärung ist heute viel besser. Man weiß, was für einen gut ist, und was man besser lassen soll. Gesunde Ernährung, keine Zigaretten und keinen Alkohol – das wusste man damals noch nicht. Dafür hing man damals nicht ständig am Handy. Selbst am Gehsteig seh ich die Jugend ständig auf ihr Smartphone blicken. Das kann auch nicht gesund sein.
SeMa: Viele Menschen werden im Alter vorsichtiger und verzichten auf Dinge, die ihnen früher Freude gemacht haben. Sie scheinen eher das Gegenteil zu tun. Was würden Sie einem 70- oder 80-Jährigen sagen, der denkt: „Dafür bin ich inzwischen zu alt“?
Das sind ja erwachsene Menschen, denen muss man nichts sagen. Die wissen, was sie tun sollen – man muss nur tun! Alles muss man einfach tun. Wenn man nichts tun will, dann wird man auch nichts erreichen. Du musst dir immer Ziele setzen.
SeMa: Sie bewegen sich bis heute sehr viel und machen sogar täglich Gymnastik. War Bewegung für Sie immer selbstverständlich – und glauben Sie, dass sie einer der Gründe dafür ist, dass Sie heute noch so aktiv sind?
Bewegung ist alles. Und zwar nicht nur heute, sondern ein Leben lang. Ich komme mit meinen großen Rückenbeschwerden und fast 95 Jahre alten Gelenken morgens kaum aus dem Bett. Würde ich meinen Tag nicht mit dem Turnen starten, dann käme ich nicht in die Gänge. Ich weiß, die ersten zehn Minuten tun weh. Dann wird’s aber besser. Jemand anderes bleibt vielleicht liegen bei Schmerzen. Immer wieder aufzustehen, das macht den entscheidenden Unterschied.
SeMa: Was ist für Sie persönlich das Schönste am Älterwerden – und was ist das Schwierigste daran?
Ich bin heute am Gipfel des Lebens angekommen. In der Zeit des Genießens. Ich habe keinen Stress mehr. Es geht nichts mehr schnell, nichts von heute auf morgen. Aber alles, was ich noch selber machen kann, versuche ich selber zu erledigen. In der Vergangenheit ist nicht alles Butter gewesen. In der Zukunft ist noch weniger Butter. Ich bin auf der Butterseite ganz oben gelandet.
SeMa: Wenn Sie auf fast ein ganzes Jahrhundert Leben zurückblicken: Was haben Sie über ein gutes Leben gelernt? Was sollte man unbedingt tun, solange man noch die Möglichkeit dazu hat?
Sich bewegen, solange es geht! Das ist das Wichtigste. Und dass man das Leben nicht zu ernst nehmen darf. Man muss immer wissen: Ich kann morgen sterben. Das ist auch bei Jungen möglich, aber bei mir ist es sicher, dass es vor der Haustüre steht.
BUCHTIPP: Mit fast 100 durch die Wand

Maria Kittls außergewöhnliches Leben hat die Journalistin und Alpinistin Marlies Lattner-Czerny in einer Biografie festgehalten. „Mit fast 100 durch die Wand“ erzählt von Kittls Aufstieg zu einer der besten Kletterinnen ihrer Zeit, von einer Bergwelt, in der Frauen lange die Ausnahme waren, aber auch von schweren Schicksalsschlägen, Krankheit und ihrem unbeirrbaren Willen, immer wieder weiterzumachen. Entstanden ist das Porträt einer Frau, die dem Alter ihre ganz eigene Haltung entgegensetzt.
Marlies Lattner-Czerny: „Mit fast 100 durch die Wand – Der erstaunliche Aufstieg der Kletterin Maria Kittl“, Tyrolia-Verlag, 208 Seiten, 28 Euro.
Interview: Marlies Lattner-Czerny/Jan Philipp Platenius
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