
Fotos: Magnific
Der Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln, leuchtende Buden, Tannengrün und Weihnachtsmusik: Weihnachtsmärkte gehören heute so selbstverständlich zum Advent wie Plätzchen und der geschmückte Baum. Dabei ging es auf ihren Vorläufern weder um Romantik noch um einen gemütlichen Abend mit Freunden. Ihre Geschichte reicht bis ins späte Mittelalter zurück und erzählt davon, wie aus einem notwendigen Markt vor dem Winter eines unserer beliebtesten Weihnachtsrituale wurde.
Wenn Ende November auf Marktplätzen die ersten Buden öffnen und Lichterketten die Innenstädte erhellen, beginnt für Millionen Menschen die Weihnachtszeit. Weihnachtsmärkte gibt es heute in beinahe jeder größeren Stadt und in unzähligen kleineren Orten. Doch wer einige Jahrhunderte zurückreist, würde die Vorläufer unserer heutigen Weihnachtsmärkte kaum wiedererkennen.
Im Mittelalter waren Märkte vor allem eines: notwendig. Einkaufsmöglichkeiten waren begrenzt. Der Winter stellte die Menschen vor besondere Herausforderungen. Deshalb erlaubten Landesherren und Städte zu bestimmten Zeiten besondere Märkte, auf denen sich die Bevölkerung mit Lebensmitteln und Dingen für die kalte Jahreszeit eindecken konnte. Händler und Handwerker kamen zusammen und boten Fleisch, Stoffe, Körbe, Werkzeuge und andere Waren an.
Von Lichterglanz, Weihnachtsmusik und Glühwein konnte keine Rede sein. Der Markt erfüllte zunächst einen ganz praktischen Zweck.
Ein Markt für den Weihnachtsbraten
Einer der berühmtesten frühen Vorläufer heutiger Weihnachtsmärkte entstand in Dresden: Im Jahr 1434 erteilten Kurfürst Friedrich II. und sein Bruder Herzog Sigismund der Stadt das Recht, kurz vor dem Heiligen Abend einen freien Markt abzuhalten.
Der erste Dresdner Striezelmarkt war allerdings etwas völlig anderes als das wochenlange Adventsereignis unserer Tage. Er dauerte nur einen Tag und diente zunächst vor allem als Fleischmarkt. Nach den vorweihnachtlichen Fastentagen konnten sich die Bürger dort mit dem Festtagsbraten versorgen. Doch der Markt war erfolgreich. Nach und nach kamen weitere Händler und Waren hinzu. Handwerker verkauften ihre Erzeugnisse, und auch Lebensmittel, die nicht allein der notwendigen Versorgung dienten, wurden wichtiger.

Seinen heutigen Namen verdankt der Striezelmarkt einem Gebäck. „Strutzel“ oder „Striezel“ bezeichnete ein längliches Hefegebäck, aus dem sich später der berühmte Dresdner Christstollen entwickelte. Aus dem Markt für den Festtagsbraten war allmählich ein Markt geworden, auf dem auch weihnachtliche Genüsse eine Rolle spielten.
Als Weihnachten zum Fest der Geschenke wurde
Eine entscheidende Veränderung brachte die Reformation im 16. Jahrhundert: Geschenke für Kinder waren bis dahin besonders mit dem Nikolaustag am 6. Dezember verbunden. In protestantischen Gebieten gewann stattdessen das Christkind als Gabenbringer an Bedeutung, und die Bescherung verlagerte sich stärker auf Weihnachten.
Das veränderte auch die Märkte. Nun wurden in der Zeit vor Weihnachten zunehmend Dinge angeboten, die sich als Geschenke eigneten: Spielzeug, Puppen, Holzarbeiten, Süßigkeiten und andere kleine Kostbarkeiten. Aus dem Markt zur Versorgung vor dem Winter entwickelte sich immer stärker ein Markt für das Weihnachtsfest. Besonders deutlich lässt sich diese Entwicklung in Nürnberg beobachten: Die Wurzeln des dortigen Christkindlesmarktes werden in der Reformationszeit im 16. Jahrhundert gesehen. Ein historischer Nachweis eines „Kindles-Marck“ stammt aus dem 17. Jahrhundert. Handwerker wie Lebküchner, Buchbinder, Puppenmacher und Holzschnitzer boten dort ihre Waren an. Aus einem zunächst wenige Tage dauernden Markt wurde schließlich ein mehrwöchiges Ereignis.
Interessant ist dabei schon der Name: Weihnachtsmarkt, Christmarkt, Christkindlmarkt oder Christkindlesmarkt. Bis heute haben sich regional unterschiedliche Bezeichnungen erhalten. Gemeinsam ist ihnen die Verbindung von Handel und Weihnachtsfest.
Spielzeug, Lebkuchen und Handwerkskunst

Je stärker sich das Schenken zu Weihnachten verbreitete, desto vielfältiger wurde das Angebot auf den Märkten. Besonders Handwerker profitierten davon. Holzschnitzer, Spielzeugmacher, Kerzenzieher, Töpfer und andere Gewerke fanden hier ihre Kundschaft. Vieles, was wir heute als traditionellen Weihnachtsschmuck kennen, war eng mit bestimmten Regionen und ihren Handwerkstraditionen verbunden. Im Erzgebirge entstanden beispielsweise Figuren, Pyramiden, Nussknacker und Schwibbögen. Nürnberg war für Lebkuchen und Spielzeug bekannt. Andere Regionen entwickelten ihre eigenen Spezialitäten.
Damit änderte sich auch die Funktion der Märkte: Die Menschen kamen nicht mehr ausschließlich, weil sie etwas benötigten. Sie kamen zunehmend, um zu schauen, auszuwählen und sich auf Weihnachten vorzubereiten. Der Weihnachtsmarkt wurde langsam zum Erlebnis.
Wann kam der Glühwein?

Heute ist der Glühwein vom Weihnachtsmarkt kaum wegzudenken. Zu dessen mittelalterlichen Ursprüngen gehörte er allerdings noch nicht. Gewürzte Weine kannte man zwar schon in der Antike, und im 19. Jahrhundert finden sich bereits Rezepte, die unserem heutigen Glühwein sehr nahekommen. Wann genau der heiße Gewürzwein seinen festen Platz auf den Weihnachtsmärkten fand, lässt sich dagegen nicht auf ein bestimmtes Jahr festlegen.
Einen interessanten Meilenstein gibt es aber: 1956 entwickelte der Augsburger Weinhändler Rudolf Kunzmann einen fertig gewürzten Glühwein, füllte ihn in Flaschen ab und benannte ihn nach dem Augsburger Christkindlmarkt. Damit war die Verbindung sogar auf dem Etikett angekommen. Was einst mit gewürztem Wein begonnen hatte, entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts endgültig zu einem der bekanntesten Weihnachtsmarktgetränke.
Ähnliches gilt für viele Speisen, die wir heute automatisch mit Weihnachtsmärkten verbinden: Gebrannte Mandeln, Lebkuchen, Bratwurst und andere Spezialitäten kamen je nach Region und Zeit hinzu. So entstand über Jahrhunderte jene Mischung, die bis heute funktioniert: etwas kaufen, etwas essen, etwas trinken. Und dabei Menschen treffen.
Vom Einkaufsort zum Treffpunkt
Im 19. Jahrhundert veränderte sich der Weihnachtsmarkt noch einmal. Die Städte wuchsen, neue Geschäfte entstanden, und die industrielle Produktion machte Waren leichter verfügbar. Wer einen Topf, ein Kleidungsstück oder ein Werkzeug benötigte, musste längst nicht mehr auf einen besonderen Wintermarkt warten.
Damit verlor der Markt einen Teil seiner ursprünglichen wirtschaftlichen Funktion. Gleichzeitig gewann etwas anderes an Bedeutung: seine Atmosphäre. Weihnachten wurde im 19. Jahrhundert zunehmend zu dem Familienfest, wie wir es heute kennen. Der Weihnachtsbaum verbreitete sich, das Schenken gewann weiter an Bedeutung, und viele heute vertraute Bräuche wurden populärer. Die Weihnachtsmärkte passten hervorragend in diese neue Weihnachtskultur. Nun ging man nicht mehr nur dorthin, um einzukaufen. Der Markt selbst wurde Teil des Festes.

Auch die Beleuchtung veränderte die Atmosphäre: Wo früher Feuer, Fackeln und Kerzen Licht spendeten, eröffneten Gas- und später elektrische Beleuchtung ganz neue Möglichkeiten. Aus einem winterlichen Handelsplatz konnte eine leuchtende Weihnachtskulisse werden.
Nicht immer eine Erfolgsgeschichte
Allerdings verlief diese Entwicklung keineswegs geradlinig: Manche traditionellen Weihnachtsmärkte verloren zeitweise an Bedeutung oder mussten ihren Standort wechseln. Neue Kaufhäuser und moderne Einkaufsmöglichkeiten machten ihnen Konkurrenz. Auch politische Ereignisse hinterließen Spuren. Im 20. Jahrhundert wurden Traditionen teilweise politisch vereinnahmt. Der Zweite Weltkrieg brachte viele Weihnachtsmärkte ganz zum Erliegen.
Nach Kriegsende kehrten sie jedoch zurück. In Nürnberg wurde der Christkindlesmarkt 1948 wieder eröffnet. Sein Erscheinungsbild mit Lichtern, geschmückten Straßen und der feierlichen Eröffnung durch das Christkind prägt den Markt in ähnlicher Form bis heute. Während des Wirtschaftswunders wurden Weihnachtsmärkte schließlich zu einem immer selbstverständlicheren Bestandteil der Adventszeit.
Vom Marktplatz zum Millionenereignis

Seitdem hat der Weihnachtsmarkt eine erstaunliche Karriere gemacht: Aus einer ursprünglich regionalen Tradition ist ein touristisches Phänomen geworden. Große deutsche Weihnachtsmärkte ziehen heute Besucher aus aller Welt an. Allein der Nürnberger Christkindlesmarkt verzeichnet in vielen Jahren mehr als zwei Millionen Gäste. Gleichzeitig hat sich die Saison verlängert: Während historische Märkte teilweise nur einen oder wenige Tage dauerten, beginnen heutige Weihnachtsmärkte häufig bereits Ende November und bleiben bis kurz vor Weihnachten geöffnet. Manche sind sogar bis in die Tage nach dem Fest geöffnet.
Auch das Angebot hat sich verändert: Neben traditionellem Handwerk und regionalen Spezialitäten stehen längst internationale Speisen, Geschenkartikel und aufwendige Unterhaltungsprogramme. Mancher Weihnachtsmarkt gleicht inzwischen einem großen Volksfest. Und trotzdem hat sich in seinem Kern erstaunlich wenig verändert.
Text: Jan Philipp Platenius
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