Nachdem sich der Sänger, Schauspieler, Artist und erfolgreichste Künstler der 50er und 60er Jahre vor fast 15 Jahren aus der Öffentlichkeit verabschiedete, sind seine Fans sehr erfreut, dass er jetzt die Autobiografie mit dem Titel „Wie es wirklich war“ veröffentlichte. Ich habe die 264 Seiten gelesen, um in erster Linie zu erfahren, was ich bisher nicht wusste. Es sind auch Einblicke in seine Seele, die er früher nie zuließ.
Er schreibt auf der Rückseite: ,,Nach all den Jahren fühlt es sich fast wie eine Befreiung an, dies endlich auszusprechen.“ Auf den 264 Seiten erzählt er sein ganzes Leben und macht auch Schluss mit den Mythen vom einsamen Seemann und dem traurigen Einzelgänger. Er berichtet über sein Leben voller Musik, schönen und dramatischen Augenblicken, über die Liebe, dass es ihm gut geht, er mit seiner Frau Rosi und ihrer Familie glücklich ist und keinesfalls einsam. Er bedankt sich, sagt tschüs und betont, dass es kein „Junge, komm bald wieder“ geben wird.
Freddy Quinn stellte immer seine Arbeit in den Vordergrund – nie sich selbst
Dass Freddy Quinn, wenn es um das Beschreiben seines Lebens ging, ab und zu flunkerte, war mir bewusst. Ich dachte immer, dass er wohl seine Gründe dafür hatte und fragte in meinen Interviews immer nur nach seinen derzeitigen beruflichen Aufgaben.
Wenn Sie von dem inzwischen 93-Jährigen, der sieben Sprachen spricht und in elf Sprachen sang, die authentische Lebensgeschichte erfahren möchten, schlage ich Ihnen vor, dieses Buch zu lesen. Der Journalist Daniel Böcking setzte alles in Worte um, was Freddy Quinn ihm in langen Gesprächen verriet und diktierte.
Dass er sich selbst nie in den Vordergrund stellte, sondern immer seine Arbeit, wusste ich schon, bevor ich jetzt seine Autobiografie gelesen habe.
Mehrmals durfte ich ihn mit meiner Kamera begleiten, obwohl ich wusste, dass er keine Journalisten und noch weniger Fotografen mochte. Vielleicht lag es daran, dass er mir das Du anbot, weil ich Heidi Kabel Jahrzehnte als Fotografin begleitete und Freddy sie sehr mochte und verehrte. In der Serie „Heidi und Erni“, die Anfang der 90er Jahre in Bayern gedreht wurde, spielte Freddy Quinn einen Artisten. Bei dem sogenannten Bergfest, welches in der Mitte der Arbeiten nach Drehschluss gefeiert wurde, war er nicht dabei. Ich entdeckte ihn gegen Mitternacht auf dem Gelände allein in dem Zirkuszelt bei der Probe zu seinem Hochseilauftritt am nächsten Tag. Ich hörte: „Was machst Du denn hier? Ich hoffe, nicht fotografieren?“ Nach kurzem Grummeln ließ er es zu. Er bewies auch hier bei dem Training seine Disziplin und Professionalität.
Später erlebte ich von ihm auch sehr persönliche Momente der Freude und der Traurigkeit. Als seine Lebenspartnerin, Vertraute und Managerin Lilli Blessmann, im Januar 2008 starb, brach für ihn eine Welt zusammen. Monatelang besuchte er Orte, an denen er mit ihr glücklich war, wie mir ein Freund berichtete. Als Freddy eine einseitige Traueranzeige in der „BILD“-Zeitung veröffentlichte, ließ er es zu, dass ich ihn mit dieser fotografierte. Dies war ein sehr privater Moment, in dem ich den Entertainer allein in seiner Garderobe besuchen konnte und sah, dass er Tränen in den Augen hatte. Aber auch seine Tränen der Freude und Rührung möchte ich erwähnen, die auch jetzt noch bei YouTube zu sehen sind. Jonny Hill trug 2001 die von ihm extra für den Anlass komponierte und getextete Hommage während einer Gala zum 70. Geburtstag von Freddy Quinn in Hamburg vor. In seiner Autobiografie schreibt der 93-Jährige auf den Seiten 257 – 259 dazu:,,Wenn mich jemand später nach meiner Lebensgeschichte fragte, habe ich geantwortet: Hör dir dieses Lied an. Das ist die schönste Lebensgeschichte, die man sich vorstellen kann. Mit ihr ist alles gesagt.“
Glücklich erlebte ich den gebürtigen Österreicher, wenn er auf Bühnen stand, um in Theaterstücken oder bei Musikveranstaltungen sein Publikum zu erfreuen, und auch, während er als Sam Hawkins 1993 und 1994 in der Arena der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg bei Wind und Wetter seine komische Seite zeigen konnte. Ich war auch bei einem seiner letzten musikalischen Abende in Hamburg in der Musikhalle dabei. Es gab noch keine Handys, aber Kameras, mit denen das Publikum ihre Idole fotografierten. Freddy trat am Anfang seines Konzertes an den Rand der Bühne und bat darum, ihn jetzt nicht abzulichten und, dass er Gelegenheit dazu geben würde. „So, jetzt können Sie ihre Kameras zücken.“ Er nahm sich die Zeit, von einer Seite der Bühne zur anderen zu gehen und den Besuchern dabei die Möglichkeit zu geben, ihn während dieser Momente zu fotografieren. Alle waren zufrieden, und er setzte sein Konzert ohne Störungen fort. Eine schöne Geste, dachte ich damals.
Bewegende Minuten waren auch, als ich nur zwei Meter von ihm entfernt an Deck des Schiffes stehen und fotografieren durfte, von dem aus er 2004 über 88 000 Besucher zum Hafengeburtstag begrüßte und mit ihnen sein Lied „La Paloma“ sang. Dieser Moment verschaffte ihm, zusammen mit dem größten Chor der Welt, einen Eintrag ins „Guinness-Buch der Rekorde“.
Bei einem Exklusiv-Fototermin im Circus Charles in Hannover kam er pünktlich an und erklärte gleich deutlich, dass er eigentlich gar keine Zeit habe. Als die für ihn unangenehme Fotografiererei im Zelt vorbei war, überredete ihn die Familie Maatz, gemeinsam im Wohnwagen eine Tasse Kaffee zu trinken. Später war nicht mehr die Rede von „keine Zeit“. Freddy war in seinem Element bei Artisten, die er immer bewunderte, da sie hart und ohne Netz und doppelten Boden arbeiten. Schnell holte er seinen legendären Pilotenkoffer aus dem Auto und zeigte u. a. seine Foto- und Dokumentenschätze, die er immer bei sich trug.
Freddy Quinn liebte asiatische Menschen und deren Essen. Oft waren diese fernen Länder Ziele seiner Urlaube. Aber auch in chinesischen Restaurants auf und neben der Reeperbahn, ließ er sich kulinarisch verwöhnen. Auf einem seiner T-Shirts und auf der Krawatte entdeckte ich chinesische Zeichen. Mit einem Foto davon bat ich die Chefin eines Restaurants, mir diese zu übersetzen. Ich erfuhr, dass es „ich mag chinesische Freunde“ heißt, was zu 100 Prozent auf ihn zutrifft.
Privat hatte der Künstler Spaß daran, seine Fans zu verblüffen. Er verteilte z. B. Visitenkarten nach der Frage: „Wollen Sie meine Karte haben?“, die immer mit Ja, gern beantwortet wurde. Allerdings überreichte er dann eine blanke weiße Karte, auf der nur zu lesen war „Meine Karte“.
„Ist sie auch so zickig wie ich?“
Der Tausendsassa hasste es, wenn geraucht wurde. Selbst Helmut Schmidt bat er, aus der Garderobe zu gehen, als er sich eine Zigarette anzünden wollte. Der Politiker rauchte dann im Foyer. Wenn Freddy Raucher in seiner Nähe sah, gab er ihnen gern schmunzelnd ein kleines Streichholzbriefchen mit Hölzern, deren Brennköpfe abgeschnitten waren. Auch einen 1000-Dollar-Schein mit seinem Konterfei und seiner Adresse auf der Rückseite verschenkte er gern als Werbemittel. Seine Schlagfertigkeit und seinen Humor lernte ich auch persönlich kennen, als ich ihm seine Frage beantwortete, wen ich denn nicht mehr gern fotografiere. Als ich antwortete „Marika Rökk und Freddy Quinn“, bekam ich schmunzelnd als Antwort: „Ist sie auch so zickig wie ich?“
Ich könnte Ihnen noch viel mehr über den Tausendsassa berichten, dafür fehlt leider der Platz. Wenn Sie sich die Autobiografie kaufen oder bei einem Wien-Urlaub das Freddy-Quinn-Museum (www.freddy-quinn-archiv.at) der Familie Klinger besuchen, bleiben zu dieser Künstler-Legende fast keine Fragen offen.
Das Team des SeMa bedankt sich bei Freddy Quinn für über 60 Jahre Unterhaltung. Seine Lieder, Filme und artistischen Höchstleistungen berührten Generationen von Menschen. Wir wünschen ihm alles Gute und, dass er am 27. September 2031 seinen 100. Geburtstag glücklich feiern kann.
Text: © Marion Schröder
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