
„Marlene Dietrich an der Front“
Seit dem Frühjahr 1944 war die Hollywood-Ikone Marlene Dietrich wie keine andere aus dem amerikanischen Showbusiness an vorderster Front in der Truppenbetreuung tätig. Sie gehörte zu einer Crew von Künstlerinnen und Künst lern, die die Soldatinnen und Soldaten an der Front bei Laune hielten und sie im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland moralisch unterstützten. Ihre Auslandstourneen führten sie nach Italien, Frankreich, Belgien und an viele Orte in Deutschland. Von den Frontlinien im Hürtgenwald und Aachen über Frankfurt und Heidelberg bis nach Berlin begab sich Marlene Dietrich furchtlos und mit großer Hartnäckigkeit mitten ins europäische Kriegsgeschehen – trotz Kälte, Ratten, Beschuss und der ständigen Gefahr, von der Wehrmacht verhaftet zu werden. Anhand zahlrei cher unveröffentlichter Fotos erzählt jetzt der „F.A.Z.“ Journalist Reiner Burger eine bisher wenig bekannte Geschichte von Marlene Dietrich im Zweiten Weltkrieg.
SeMa: Wie kamen Sie auf das Thema „Marlene Dietrich“?
Reiner Burger: Meine besondere Leidenschaft sind zeithistorische Themen. Auf Marlene Dietrich hat mich Ernest Hemingway gebracht.
SeMa: Wie das?
R. B.: Hemingway war Ende 1944 als Kriegsberichterstatter unter anderem auch bei heftigen Kämpfen in der Eifel mit dabei. Bei der Recherche für einen längeren Artikel im „F.A.Z“. Magazin dazu fiel mir auf, dass er und Marlene sich nicht nur im Oktober davor im befreiten Paris trafen, sondern dann auch noch mal im Raum Aachen. Mich faszinierte, dass die Dietrich sich mit ihrer kleinen Entertainer-Crew schon seit Frühjahr zunächst in Nordafrika, dann in Italien und nun Ende bei den in Frankreich und Belgien vorrückenden alliierten Soldaten als Truppenbetreuerin engagierte. Ich dachte mir: Das ist noch viel interessanter als die Hemingway-Story.
SeMa: Was hat Sie bei Ihrer Arbeit an dem Buch an der Person Dietrich am meisten überrascht?
R. B.: Dass sie viel, viel länger als andere Schauspieler und Sänger als Truppenbetreuerin für die „United Service Organizations“ (U.S.O.) unterwegs und dabei alles andere als eine „Diva“ war. Bei ihren zwei Touren, die sie im Frühjahr 1944 zunächst durch Nordafrika und Italien führten und dann ab Herbst 1944 durch Frankreich, Belgien und eben Deutschland, absolvierte sie rund 500 Auftritte. Bei der zweiten Tour ging sie – gerade als gebürtige Deutsche, die 1939 die US-Bürgerschaft angenommen hatte, ein großes persönliches Risiko ein. Denn sie hielt sich furchtlos dicht hinter der Front auf, um abgekämpfte, müde und traumatisierte Soldaten mit Auftritten in Scheunen, Kneipen oder freiem Himmel aufzuheitern. Ohne Allüren ertrug sie widriges Wetter, Eiseskälte.
SeMa: Sie haben sich lange und intensiv mit ihr beschäftigt. Wie erklären Sie das Besondere, das Einzigartige dieser Frau? Was macht (Ihrer Meinung nach) die Dietrich zur Dietrich?
R. B.: Der Mythos Marlene setzt sich vermutlich aus mehreren Elementen zusammen: Dass sie schon mit ihrer ersten Film rolle – im „Blauen Engel“ – zum Star geworden war. Dass sie unmittelbar danach als Deutsche sofort in Hollywood unglaublich erfolgreich war. Dass sie schon in den 1930ern auch zur Stil-Ikone avancierte. Seit Marlene Dietrich damals ihr Alltagskostüm gegen einen grauen Herrenanzug getauscht hatte, waren „Marlene-Dietrich-Stil“ und „Marlenehose“ weithin bekannte Begriffe. Und schließlich: Dass sie es anders als viele andere Stars verstand, ihre internationale Karriere nach ihrer großen Kino-Zeit noch um mehrere Jahrzehnte zu verlängern – eben als Sängerin. Und diese Karriere als Sängerin entwickelte sie mit der ihr eigenen Konsequenz aus ihrer Zeit als Truppenbetreuerin.
SeMa: Warum ist das Buch von der Thematik her immer noch aktuell und möglicherweise auch für Menschen interessant, die Marlene Dietrich nicht (mehr) aus ihren Filmen/ von der Bühne kennen?
R. B.: Marlene Dietrich ist eine Jahrhundertfigur – nicht wegen ihrer zahlreichen Filme, über die mit wenigen Ausnahmen die Zeit hinweggegangen ist, sondern weil sie instinktsicher mit Erwartungen und Geschlechter klischees spielend und zugleich Konventionen brechend als kompromisslos freie, selbstbestimmte Frau lebte. Ihre Zeit als Truppenbetreuerin führt das besonders vor Augen.
SeMa: Warum lohnt es sich, sich mit Marlene Dietrich zu beschäftigen?
R. B.: Weil sie unerhört modern ist. Und weil sie für das Amerika steht, das uns die Demokratie brachte. In diesen wilden Trump-Zeiten lohnt es sich, an dieses großartige Amerika zu erinnern – und sich klar zu werden, dass es nun vor allem an uns Europäern ist, die Fackel der Freiheit hochzuhalten.

Text: Corinna Chateaubourg
Weitere Beiträge
Freizeit
Wohin soll es 2027 gehen?
Stimmen Sie jetzt über die neuen SeMa-Reisen ab! Wohin möchten Sie im kommenden Jahr mit uns reisen? Nach Groningen oder St. Peter-Ording?…
Das bewegt mich
„Mahlzeiten sind mehr als Nahrungsaufnahme“
Prof. Dr. Margit Bölts (IU Internationale Hochschule) über gemeinsame Mahlzeiten als Schutz vor Einsamkeit im Alter. Mehr als jede dritte Person ab…
