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Nicole Jäger: „Ich versuche, ein gutes Gefühl zu schenken“

Nicole Jäger: „Ich versuche, ein gutes Gefühl zu schenken“

Aus dem SeMa April 2025 · Beitrag · 4 Minuten

Nicole Jäger: „Ich versuche, ein gutes Gefühl zu schenken“

Fotos: Hennig Heide

SeMa: Wie schafft man es lustig zu sein, wenn einem eigentlich zum Weinen ist?

Nicole Jäger: Wir fragen uns das wohl immer, weil wir glauben, dass Lachen die Abwesenheit von Schmerz ist. Das stimmt nicht. Schmerz und Humor sind Geschwister oder zumindest eng verwandt. Humor bricht an den Stellen hervor, an denen wir kaputtgegangen sind. „Ich sehe wahnsinnig gut aus, bin stinkreich und sehr erfolgreich“ – das ist nicht witzig. An den Punkten, an denen wir scheitern, können wir uns verbinden und lachen. Da entsteht Humor. Je kaputter man ist, desto witziger ist man auch häufig. Egal, wie der Tag ist, wenn ich raus- gehe auf die Bühne, bleibt die Welt draußen, und der Humor geht an. Und das macht die anderen und auch mich ein bisschen heile.

SeMa: War das Schreiben des neuen Buchs therapeutisch für Sie oder haben Sie beim Schreiben die Leserinnen und Leser immer im Blick?

Nicole Jäger: Therapeutisch war der Roadtrip. Das Schreiben hinterher mache ich aus einer Perspektive heraus, dass ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man mit einer Sache allein ist. Oder man das Gefühl hat, alle bekommen es hin, und ich bin der einzige Vollidiot, dem es nicht gelingt. Aber diese Gefühle sind falsch, jedem geht es mal so, wir reden nur leider nicht darüber. Ich möchte durch meine Bücher, dass sich die Menschen gesehen und verstanden fühlen. Ich versuche, ein gutes Gefühl zu schenken.

SeMa: Es gibt beim Thema „Dicksein“ zwei Seiten einer Medaille – Männer sind stattlich, Frauen sind dick oder gar fett. Woher kommt Ihrer Meinung nach die Diskrepanz dieser Wahrnehmung?

Nicole Jäger: In einem Wort zusammengefasst: Misogynie. Bei Bewertung von Körpern geht es meist um die Bewertung und um die Unterdrückung von Frauen. Es gibt spannende Studien darüber, dass, solange Frauen sich um ihren Körper Gedanken machen, ihre Leistungsfähigkeit in allen Dingen, die Erfolg bringen, abnimmt.

Es geht gesellschaftlich darum, Frauen ein schlechtes Gefühl zu geben und ihnen zu suggerieren, dass sie nie gut genug sind. Es ist ein Mittel der Kontrolle. Selbst meiner Generation, ich bin Jahrgang 1982, wurde vermittelt, dass es die Aufgabe einer Frau sei, einem Mann zu gefallen. Es gehe darum, gefällig zu sein für das andere Geschlecht. Männer werden nicht dazu erzogen, sich selbst zu hassen; Frauen schon. Bei Männern kommt es auf andere Attribute an: Dominanz oder Erfolg. Aber bei Frauen ist es immer die Optik, auf die sie reduziert werden. Sie können als Frau 16 Jahre dieses Land regieren und bis zum letzten Tag reden die Menschen darüber, ob sie Falten haben oder etwas haben machen lassen oder ob sie hässliche Knie haben.

SeMa: Warum kommen dicke Frauen so wenig in den Medien vor? Und wenn, dann nur als die Dummen? Dabei sind über 50 Prozent der Deutschen übergewichtig.

Nicole Jäger: Es ist ein Abbild von dem, was Menschen über übergewichtige Menschen denken. Das kann man in den Medien ziemlich gut sehen. Übergewichtige Menschen haben hohe Einschaltquoten, und trotzdem wird in den Sendern gesagt: ,Ah, ich weiß nicht, ob wir die zeigen wollen.‘ Es ist sehr deutsch, singulär zu denken. Der Dicke kann nur dick sein – oder abnehmen, das Modell kann nur schön sein, der Arzt kann nur Medizin. Alles, was nicht in das Bild des normschönen Menschen fällt, wird erst einmal als minderwertig behandelt. Bei Übergewicht schwingen ja ganz viele Vorurteile mit wie geminderte Intelligenz, geminderte Leistungsfähigkeit, Faulheit und Vernachlässigung. Es besteht das Bild, dass Menschen nur normschöne Menschen sehen wollen. Jeder zweite Mensch in Deutschland ist übergewichtig. Und in den Medien wird so getan, als ob dicke Menschen eine Randgruppenerscheinung wären. So passiert es, dass sich sehr viele Menschen gar nicht gesehen fühlen. Und so entsteht leider auch die Wahrnehmung, dass Erfolg zu haben mit Schlanksein einhergeht.

SeMa: Sie sprechen viele Themen an, die in der Gesellschaft tabuisiert werden – häusliche Gewalt, schlechtere bzw. falsche Behandlung von Frauen in der Medizin, Übergewicht. Was wünschen Sie sich, sollte sich geändert haben, wenn Sie alt sind?

Nicole Jäger: Es gibt die Wunschvorstellung, dass wir alle in Bullerbü leben, aber das wird nicht geschehen. Ich fände es schön, wenn wir irgendwann alle dazu in der Lage wären, offener darüber zu reden, dass nicht immer alles toll ist im Leben. Ich glaube, wir würden alle besser miteinander auskommen, und das Leben wäre nicht so schwer, wenn wir uns eingestehen, dass wir verletzlich sind, dass wir Probleme haben und nicht immer alles allein schaffen und das auch unserem Gegenüber eingestehen. Ich wünsche mir in der Zukunft mehr Offenheit und Vergebung – den anderen und uns selbst gegenüber.

SeMa: Danke für das Gespräch.

Nicole Jäger: „Ich versuche, ein gutes Gefühl zu schenken“

„Du hast ein Recht darauf, glücklich zu sein“

Nicole Jäger ist Stand-up-Comedian und Buchautorin. Erfolgreich, aber das heißt nicht automatisch glücklich. Schon losgefahren Richtung Meer, berichtet sie ihrer Freundin am Telefon von ihrem Unglücklichsein, von dem Roadtrip, den sie begonnen hat nach Süden. Auf dem Weg sinniert sie über ihre Familie, ihr Aufwachsen, ihren Beruf, ihr Leben. Der Weg zum Glücklichsein ist steinig und schön, braucht Überwindung und Mut. Mit ihrem unverwechselbaren Ton, der gefühlvoll, ehrlich und witzig ist, begleiten wir sie bis nach Spanien und erkennen uns oft in ihr wieder.

Was bei vielen Büchern gern überblättert wird, sollten Sie in diesem Buch lesen: die Danksagungen. Selten liest man so liebevolle und witzige Zeilen, wenn die Geschichte doch schon zu Ende ist.

Erschienen im Rowohlt Verlag, ISBN 9783499015076, 18 Euro

Text: Rosbiegal © SeMa