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„Freude am Fahren“ macht nicht nur das Auto, sondern auch das Fahrrad.

Hochmobil im hohen Alter

Aus dem SeMa März 2026 · Beitrag · 6 Minuten

„Freude am Fahren“ macht nicht nur das Auto, sondern auch das Fahrrad.
„Freude am Fahren“ macht nicht nur das Auto, sondern auch das Fahrrad.

Fotos: Pixabay, ADAC, Hamburger Hochbahn

Wenn Hamburger nicht übers Wetter reden, dann über den Verkehr. Die mit Auto klagen über Staus oder weggegrünte Parkplätze, Radler und Fußgänger über zugeparkte oder verschneite Wege. Und Ältere? Im Januar 2026 wurde zwar der Hamburger Kurzbericht zur Studie „Mobilität in Deutschland“ präsentiert. Über Ältere stand darin nichts Besonderes. Dafür stellt Hamburg andernorts die Weichen neu: Ab 1. Mai 2026 kostet das neue hvv-Deutschlandticket für alle Hamburger ab 67 Jahren 49 Euro statt regulär 63 Euro.

Die Politik will mit dem günstigen Ticket Senioren bewegen, Bus und Bahn statt Auto zu nehmen. Doch auch Jüngere sollen umsteigen. Dafür hat 2020 die „Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation“ auf Grün gestellt. Die neue „Behörde für Verkehr und Mobilitätswende“ setzt auf eine „Verkehrswende“ und meldet im Kurzbericht 2023: Hamburger erledigten 71 Prozent ihrer Wege mit dem „Umweltverbund“ – zu Fuß, mit Fahrrad und dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Vor sechs Jahren waren es 64 Prozent.

Den größten Zulauf hatten Fußgänger – Motoren blieben öfter aus. Wer indes auf die Zahlen schaut, stellt fest, dass Hamburger insgesamt weniger unterwegs waren. 2017 waren es 6 Millionen Kilometer km täglich, 2023 nur noch 5,6 Millionen Kilometer. Folgen von Corona und Homeoffice? Dennoch stieg der Anteil des öffentlichen Verkehrs. Darüber freut sich Silke Seibel, Sprecherin des Hamburger Verkehrsverbunds (hvv), zuständig für die Organisation des ÖPNV in Hamburg und der Metropolregion – für U- und S-Bahnen, Regionalbahnen, Busse und Hafenfähren von über 30 Verkehrsunternehmen.

ÖPNV

„Ein barrierefreier ÖPNV bedeutet Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität. Mit Bus und Bahn lässt sich in Hamburg nahezu jedes Ziel einfach und sicher erreichen. Das macht aus, was Bus und Bahn leisten, um Fahrgäste pünktlich und zuverlässig an ihre Ziele zu bringen.“ Das sei nicht immer einfach, denn Busse stünden vor Widrigkeiten im Verkehr: „Baustellen, Verkehrsspitzen im Berufsverkehr sowie unvorhersehbare Ereignisse wie Unfälle führen häufig zu Verzögerungen. Hinzu kommen verengte Fahrspuren durch parkende Fahrzeuge, Lieferverkehr, Demonstrationen oder hohes Verkehrsaufkommen.“

Der Lohn für den hvv: „Beim bundesweiten ÖPNV-Kundenbarometer belegte der hvv auch in diesem Jahr Platz zwei – basierend auf den sehr gut bewerteten Merkmalen Tarifsystem, Preis-Leistungs-Verhältnis und Umsetzung des Deutschlandtickets.“

Beim bundesweiten ÖPNV-Kundenbarometer belegte der hvv auch in diesem Jahr Platz zwei.
Beim bundesweiten ÖPNV-Kundenbarometer belegte der hvv auch in diesem Jahr Platz zwei.

Wichtig für Ältere und Menschen mit Rollator oder Rollstuhl: Der barrierefreie Ausbau der Schnellbahn- und Regionalverkehrshaltestellen im hvv wird bis 2030 abgeschlossen sein. 90 Prozent sind dank erhöhter Bahnsteige oder Aufzüge bereits barrierefrei. Online ist der „aktuelle Betriebsstatus“ abrufbar. Seibel verweist auf App-Schulungen sowie Trainings, um mit Rollator sicher ein- und auszusteigen sowie Fahrkartenautomaten und Apps zu beherrschen.

90 % aller Bahnsteige sind bereits barrierefrei.

Seit einem Jahr hilft die hvv Custom App als Assistenz und Navigationshilfe seh- und höreingeschränkten Fahrgästen. Auch das subjektive Sicherheitsgefühl ist dem hvv wichtig. Die Initiative „Sicher unterwegs im hvv“ bietet Informationen und Tipps zur Sicherheit unterwegs. Ein smarter Service ist der Shuttle-Service hvv hop: E-Autos bringen Fahrgäste in ausgewählten Gebieten von der Haltestelle bis zur Haustür. All das setzt voraus, dass Ältere mit dem Smartphone mobil sind. Die Bezahl-Card sorgte zunächst für Unbehagen – abgehängt zu werden wie ein ausrangierter Waggon. Aber: Auch Ältere sind bei der Verkehrswende gemeint.

Die hvv Custom App: Assistenz und Navigationshilfe für seh- und höreingeschränkte Fahrgäste.
Die hvv Custom App: Assistenz und Navigationshilfe für seh- und höreingeschränkte Fahrgäste.

Das „Mobilitätsmagazin Nahverkehr Hamburg“ merkt an, dass Hamburger zwar weniger unterwegs sind und der Autoverkehr stärker als deutschlandweit gebremst wird. Aber: „Bus und Bahn, Fahrrad und Fußwege konnten davon nur bedingt profitieren.“

Erstens spielt die Verkehrswende im Speckgürtel kaum eine Rolle, zweitens vertrauen Pendler aufgrund von Verspätungen oder umständlichen Verbindungen nicht dem ÖPNV, drittens ist das Auto für Ältere oft erste Wahl. Schätzungen zufolge haben etwa drei Viertel von ihnen ein Auto zur Verfügung.

PKW

Christof Tietgen, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ADAC Hansa: „Für Senioren ist es wichtig, das passende Auto zu …
Christof Tietgen, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ADAC Hansa: „Für Senioren ist es wichtig, das passende Auto zu fahren, weil für viele der ÖPNV keine Alternative ist. Das gilt insbesondere für den ländlichen Raum.“

Tietgen verweist zudem auf den Dauerbrenner, wenn es um Pkw und Senioren geht, und weist Kritik an der Fahrtüchtigkeit zurück: „Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass die Gruppe der älteren Autofahrenden überdurchschnittlich viele schwere Unfälle verursache, zeigt die Unfallstatistik ein anderes Bild.“ Er rät aber, sich selbstkritisch zu hinterfragen, ob man den Anforderungen noch gewachsen ist. Dazu passen die ADAC-„Fahrfitness-Checks“: 45 Minuten im eigenen Auto durch die gewohnte Umgebung – mit Fahrlehrer.

Fahrfitness-Checks: 45 Min. mit Fahrlehrer durch die gewohnte Umgebung

Hinter welches Steuer passen Senioren am besten? Der Vorsprung durch Technik kommt ihnen zugute, wenn Pkw der altersgemäßen physischen und psychischen Fitness Rechnung tragen. Hier ist fast nichts unmöglich: Notbremsassistent, Abstandshaltung, Spurhalteassistent, Müdigkeitserkennung, Verkehrszeichenerkennung, Parkpiepser, Geschwindigkeitsmanagement. PS zählen für Ältere weniger als für Jüngere. Für Senioren zählt mehr: „Da weiß man, was man hat.“ Entsprechend werden gern solide VW-, Mercedes- oder Audi-Modelle gewählt.

Tietgen: „Für Senioren ist wichtig, dass das Ein- und Aussteigen gut machbar ist. Ein Sportwagen oder ein zu hoher SUV verbieten sich da. Ebenso wichtig ist die Rundumsicht. Und damit das Parkmanöver problemlos klappt, sollte auf ein Modell zurückgegriffen werden, das eine Länge von 4,50 Meter nicht übersteigt. Des Weiteren ist die Höhe der Ladekante vom Kofferraum nicht zu vernachlässigen. Hier empfiehlt der ADAC maximal 78 Zentimeter. Ansonsten könnte es Probleme beim Verladen der Einkäufe geben. Und man sollte vor dem Kauf testen, ob man mit den Bedienelementen im Cockpit zurechtkommt.“

PS zählen für Ältere weniger als für Jüngere. Technische Assistenten dagegen helfen sehr.
PS zählen für Ältere weniger als für Jüngere. Technische Assistenten dagegen helfen sehr.

Rad

„Freude am Fahren“ macht nicht nur das Auto, sondern auch das Fahrrad. Mit dem guten alten Drahtesel hat es heute nicht mehr viel gemein. Für viele ist das E-Bike ein Segen, weil es Strecken ermöglicht, die mit Muskelkraft unerreichbar waren. Andere schwingen sich auf Lastenräder – Ältere finden sie allerdings oft zu wuchtig. Doch das Rad ist beliebt: Zwei von drei Hamburgern über 65 Jahren haben eins. Hamburg powert pro Pedal, und der Verkehrssenator ist ein Radler vor dem Herrn. Doch Radfahren ist gefährlich, und das rote Radwegnetz verwirrt.

Elf tote Fahrradfahrer 2025 – überproportional Ältere. Dirk Lau vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Hamburg hat Gegenmittel: „Der ADFC fordert sichere Radinfrastruktur und mehr Platz fürs Rad. Wir machen Kampagnen, Lobbyarbeit und setzen uns für eine konsequente Verkehrswende ein, damit alle Spaß beim Radfahren haben und gesund an ihr Ziel kommen. Für Ältere gelten dieselben Tipps wie für alle Radfahrenden: vorausschauend und rücksichtsvoll fahren, nach außen selbstbewusst, nach innen aufmerksam und wach. Geschwindigkeit und Fahrverhalten immer der Situation anpassen und schwächeren Verkehrsteilnehmern immer den Vorrang geben.“

Lau fordert vor allem breite, sichere und auf Hauptstraßen geschützte Radwege. Wer unsicher ist, übt beim ADFC-Fahrsicherheitstraining.

Dass Spaß und Sicherheit beim Radeln Hand in Hand gehen müssen, weiß auch Daniel Sauter, Chef der Elmshorner Fahrradbörse, aus der Praxis: „Gerade im Alter ist Bewegung im Freien wichtig, und dafür haben wir passende Fahrräder und Dreiräder. Senioren schätzen bei uns besonders stabile und leichte Rahmen mit bequemem Einstieg, aber auch Räder mit elektronischer Unterstützung.“

Mobilität zählt in jedem Alter, privat und im Beruf. Sie bringt aber vor allem Älteren mehr Lebensqualität und Selbstständigkeit – wenn das Auto die einzige Möglichkeit ist, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen: Per Pkw geht’s in den Seniorentreff, ins Café oder in den Supermarkt. Oder sie können Kinder samt Enkel besuchen, die ins Grüne gezogen sind. Der Pkw ist aber auch Verkehrsmittel erster Wahl, um einen Arzt zu erreichen, zur Physiotherapie zu kommen oder mit dem Koffer zur Reha zu fahren.

Text: Dr. Hergen Riedel