
Fotos: BMLEH, Bundesregierung Julia Faßbender, Laurence Chaperon, Krause
Nachgedacht

Deutschland ist Weltmeister – unangefochten liegt das Land der Dichter und Denker mit weit über 1500 verschiedenen Wurst-Varietäten an der Spitze aller wurstenden Nationen. Dicht gefolgt von den Franzosen, den unbestrittenen Käseweltmeistern. Lange vor der Erfindung von Kühltechnik gelang es mit Salzen, Räuchern oder Trocknen von Fleisch, die wichtigste Proteinquelle unserer Vorfahren, haltbar zu machen. In 2024 verzehrte jeder „Statistik-Deutsche“ 53 Kilogramm Fleisch – rund die Hälfte davon als Wurstwaren.
Eine Frau lehnt sich auf
Über Jahrzehnte war es ruhig im Reich der Schnitzel, Würste und Schinken. Das änderte sich, als Fleischersatzprodukte sich zu einem interessanten Markt entwickelten. Einen Markt mit Zukunftspotenzial. Denn bereits heute verzichten rund 10 Prozent der Deutschen auf den Konsum von Fleisch. Was für die Lebensmittelindustrie ganz besonders interessant ist, es sind vor allen Dingen junge Leute. „Du möchtest häufiger oder komplett fleischlos essen und suchst hochwertige vegane Produkte, die dir den Verzicht auf vertraute Leckereien wie Schnitzel und Wurst leichter machen? Dann sind vegane Fleischalternativen von der Rügenwalder Mühle genau das Richtige für dich. Entdecke die große Vielfalt des veganen Sortiments – und der Umstieg wird zum Kinderspiel.“ So wirbt ein führender Anbieter von Fleischalternativprodukten auf seiner Internetseite. Ein „Kinderspiel“?
„Nicht mit mir“, sagte sich die 1982 in Toulouse in Frankreich geborene Getreidebäuerin Céline Imart und wurde aktiv.
Große Politik
Würde Céline Imart noch auf dem Hof ihrer Familie Mais anbauen, dann wäre ihr Veto ungehört verhallt. Tatsächlich sitzt sie aber seit 2024 im Europaparlament in Straßburg, ist Republikanerin und damit in der gleichen EVP-Fraktion wie die CDU/CSU. Der starke Arm der Französin erreichte, dass das Parlament am 7. Oktober 2025 darüber abstimmte, ob Schluss ist mit dem Kinderspiel. Ganz konkret: Zukünftig sollen Bezeichnungen wie „Burger“, „Wurst“ oder „Schnitzel“ für Produkte, die nicht aus Fleisch bestehen, in der EU verboten werden.

Die Parlamentarier in Straßburg sahen das Wohl der Fleischerzeuger und der Konsumenten bedroht. Für das Verbot fleischähnlicher Bezeichnungen für vegane Produkte gab es 355 Jastimmen und 247 Neinstimmen sowie 30 Enthaltungen. Von den deutschen EU-Abgeordneten stimmten 20 dafür und 61 dagegen. Innerhalb der deutschen EVP-Sektion gingen die Meinungen auseinander. Für ein Verbot waren alle AfD-Abgeordneten. Eine deutsche Verbotsbefürworterin, die auf Anfrage des SeMa Stellung bezog, ist die Juristin Marion Walsmann (CDU) aus Thüringen. Hier (leicht gekürzt) ihre Begründung:
SeMa: Die Verbraucher haben sich seit Jahren an die Fleisch-Analogbezeichnungen für fleischfreie Produkte gewöhnt. Besteht nun aus Ihrer Sicht ein Regelbedarf?
Marion Walsmann: Ich bin der Meinung, dass Schnitzel, Bratwurst oder Burger genau das beinhalten sollten, womit wir sie kennen und lieben gelernt haben: Fleisch. Wer vegetarische oder vegane Lebensmittel essen möchte, darf das gern tun. Aber ich verstehe veganes oder vegetarisches Essen als eigenständige Kategorien, nicht als Ersatz für Fleischprodukte. Das sollte sich auch in der Namensgebung wiederfinden.
SeMa: Wenn ja, müsste sich das Europaparlament nicht auch mit Scheuermilch, Katzenzungen, Fleischtomate etc. beschäftigen?
Marion Walsmann: Natürlich nicht. Man findet sicher Dutzende Beispiele, die ähnlich zweideutig sind. Aber die „Veggie“-Abstimmung war vor allem den französischen Abgeordneten wichtig. Man kann darüber diskutieren, ob so etwas in Zeiten großer Krisen sinnvoll ist. Mein Standpunkt ist: Wenn ich zu einer Abstimmung gebeten werde, sehe ich es als meine Pflicht an, im Sinne meiner Wählerinnen und Wähler abzustimmen. Wichtig ist jetzt, dass wir uns wieder den großen Themen unserer Zeit zu widmen. Und das tun wir.

Die Würfel sind gefallen
SeMa: Mediziner und Umweltschützer sind sich einig, dass ein ständig steigender Fleischkonsum weder für die Gesundheit noch für die Umwelt gut ist. Teilen Sie diese Auffassung?
Marion Walsmann: Ich teile die Auffassung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, dass Fleisch in Maßen zu essen sei. Was mir nicht gefällt, ist den Genuss von Fleisch generell zu verteufeln. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass Fleisch viele B-Vitamine, wichtige Mineralstoffe wie Eisen sowie hochwertige Eiweiße enthält. Der Umweltaspekt ist ebenfalls zu beachten. Ich empfehle daher immer Fleisch sowie Obst und Gemüse aus der Region zu kaufen. Das stärkt die regionale Wirtschaft und spart CO2.
Und nun Sie
Was den Abgeordneten recht ist, das ist auch jedem Bürger billig. Es darf diskutiert werden. Denn das letzte Wort ist noch nicht gefallen. Darüber entscheiden die Regierungen der 27 EU-Mitgliedstaaten mit. Der Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat Metzgermeister Alois Rainer ist zum Beispiel gegen ein Verbot. Eine markante Differenzierung gibt es längst: die Mehrwertsteuer für vegane Fleischalternativen beträgt 19 Prozent – die für Fleischprodukte lediglich 7 Prozent. „Honi soit qui mal y pense – Verachtet sei der, der Böses dabei denkt.“ Aber welche Bezeichnung ist nun verbraucherfreundlicher: „pflanzlicher Proteinfladen nach paniertem Vorbild“ oder „Veggi-Schnitzel“? Könnte es zur Unterscheidung ausreichen, längliche vegane Fleischersatzprodukte „veggi VVurst“ zu nennen?

Text: Franz-Josef Krause
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