
Foto: Manfred Esser
Michael Holm erzählt in seiner Autobiografie nicht nur von einer außergewöhnlichen Karriere – sondern von einer Zeit, als deutsche Musikgeschichte noch in verrauchten Studios, überfüllten Fernsehshows und langen Nächten entstand.
Sein Sommerhit „Mendocino“ läuft 1969 überall, die Menschen strömen zu seinen Auftritten – und ausgerechnet bei einem seiner eigenen Konzerte wird der Sänger zunächst nicht eingelassen. Der Andrang ist so groß, dass niemand glaubt, der unscheinbare und noch unbekannte junge Mann vor dem Eingang sei tatsächlich der Star des Abends. Erst ein Anruf Holms beim Veranstalter aus einer nahe gelegenen Gastwirtschaft schafft Klarheit.
Solche humorvollen und oft selbstironisch geschilderten Anekdoten machen den Reiz von Holms Autobiografie „Rückkehr nach Mendocino“ aus. Sie erzählt nicht nur den Lebensweg eines erfolgreichen Musikers, sondern nimmt den Leser mit in eine Zeit, als Schlager, Pop und Rock’n’Roll Deutschland neu eroberten.
Dabei begann alles denkbar bescheiden. Der 1943 in Stettin geborene Lothar Walter – so sein bürgerlicher Name – flüchtete mit seiner Mutter im April 1945 im letzten Zug vor der heranrückenden Roten Armee. Aufgewachsen in Erlangen, schuftete er als 15-Jähriger fünf Wochen lang auf einem Bauernhof, um sich die erste Gitarre leisten zu können. Schon wenige Wochen später komponierte er seine erste Melodie, die Jahrzehnte unter anderem Namen zur Titelmusik eines erfolgreichen japanischen Films werden sollte. Plötzlich spielte er auf Klassenfesten, gründete seine erste Band und erhielt bereits als Schüler Einladungen von Plattenfirmen. Auf einer Fahrt erfand er schließlich spontan seinen Künstlernamen: Michael Holm.
Zwischen Zigarettenqualm und großen Träumen
Besonders spannend sind Holms Erinnerungen an das deutsche Musikgeschäft der 1960er und 1970er Jahre. Das wirkt keineswegs so romantisch, wie viele es heute verklären. In den Studios wurde bis tief in die Nacht gearbeitet, auf dem Boden geschlafen und geraucht, was das Zeug hielt. Sexismus, Machotum und raue Umgangsformen gehörten zum Alltag.
Gleichzeitig herrschte eine ungeheure Aufbruchsstimmung. München war damals ein Zentrum der Musikbranche – mit über 100 Tonstudios. Komponisten, Produzenten und Sänger begegneten sich – wie schon an Holms vorherigen Wohnort Berlin – täglich. Namen wie Roy Black, Drafi Deutscher, Howard Carpendale oder Christian Anders tauchen im Buch beinahe nebenbei auf.
Holm schildert diese Zeit mit sichtbarer Freude. Er beschreibt, wie Ralph Siegel die Melodie zu „Fiesta Mexicana“ innerhalb weniger Minuten erfand, während Holm anschließend zwei Wochen am passenden Text feilte. Oder wie Giorgio Moroder angeblich in einer einzigen Nacht gleich fünf Welthits schrieb.
Auch die Anfänge der „ZDF Hitparade“ erleben die Leser aus nächster Nähe. Dieter Thomas Heck war nicht nur Moderator, sondern enger Freund: Trauzeuge bei Holms Hochzeit, später wurde Holm Taufpate von einem seiner Kinder. Vor jedem Auftritt sei Heck so nervös gewesen, dass er manchmal zwei Zigaretten gleichzeitig rauchte – kaum betrat er die Bühne, war alle Aufregung wie weggeblasen.
Wie ein Hit entsteht
Natürlich fehlen auch Holms größte Erfolge nicht. Die Entstehung von „Mendocino“ oder „Tränen lügen nicht“ gehören zu den stärksten Kapiteln des Buches.
Als Holm die Melodie von „Mendocino“ hörte, wollte er eigentlich nur den deutschen Text schreiben. Seine Plattenfirma bestand jedoch darauf, dass er das Lied selbst singt. Eine Entscheidung, die sein Leben veränderte. Der Sommerhit verkaufte sich über 1,2 Millionen Mal.
Fast noch spannender ist die Geschichte von „Tränen lügen nicht“: Wochenlang suchte Holm nach einem passenden Titel für das Lied, dessen italienische Version er bei Radio Luxemburg gehört hatte, und dessen Melodie bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Erst bei einem Spaziergang an der Isar fiel ihm der entscheidende Satz ein. Beim ersten Einsingen wusste er sofort: Das wird ein Millionenhit.
Kurios verlief allerdings der Verkaufsstart. Obwohl das Lied bereits überall im Radio lief, war die Single wochenlang nicht lieferbar. Verärgerte Kunden beschimpften Verkäufer in den Plattenläden, weil sie die Platte nirgendwo kaufen konnten. Als sie schließlich erschien, lagen bereits rund eine halbe Million Vorbestellungen vor.
Mehr als nur Schlagersänger
Das Buch zeigt außerdem einen Michael Holm, den viele kaum kennen. Er war erfolgreicher Komponist und Produzent für andere Künstler, später sogar in den USA und Japan – und kam auf diese Weise wirklich einmal nach Mendocino, wo er in einer Bar sein Lied anstimmte. In den 1990er Jahren verhalf er Guildo Horn zum Durchbruch, nachdem andere Produzenten zuvor an dessen ungewöhnlichem Bühnenstil gescheitert waren.
Privat fand Holm mit Ende 30 die Frau seines Lebens. Gemeinsam bauten sie einen großen Reiterhof am Starnberger See auf, gründeten eine Familie und schufen sich ein ruhigeres Leben fern des Showgeschäfts. Trotzdem blieb die Musik stets sein Mittelpunkt.
„Rückkehr nach Mendocino“ ist keine Skandalbiografie oder tiefgehende Analyse, sondern eine flott geschriebene Erinnerung. Das Buch besticht durch den warmherzigen Ton, den Humor und die Fülle an Anekdoten. Ein unterhaltsamer Blick hinter die Kulissen.

Text: Jan Philipp Platenius
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