
Fotos: Stephanie Westphal, Archiv Nicole Jäger

„Lachen kennt kein Alter“
Künstlerin Nicole Jäger über Mut, Veränderung, Einsamkeit – und warum ältere Menschen oft unterschätzt werden
Nicole Jäger gehört zu den bekanntesten deutschen Comedians und Autorinnen. Mit viel Humor, Offenheit und Tiefgang spricht sie auf der Bühne über Gewicht, Gesundheit, Beziehungen und das Leben selbst. Im Gespräch mit dem SeMa erzählt die 43-Jährige, wie sie eher zufällig ins Rampenlicht geriet, warum Erfolg vor allem harte Arbeit ist und weshalb ältere Menschen in unserer Gesellschaft viel zu oft unterschätzt werden.
Frau Jäger, Sie sind Komikerin, Autorin und Podcasterin. Das sind ja keine klassischen Ausbildungsberufe. Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen?
Gar nicht geplant. Ich habe eigentlich etwas „Richtiges“ gelernt und Gebärdensprachdolmetschen studiert. In dem Beruf habe ich aber keinen einzigen Tag gearbeitet. Mein Weg ins Showbusiness war wirklich ungewöhnlich.
Ich habe früher über 340 Kilo gewogen und sehr viel abgenommen. Danach habe ich mit Menschen gearbeitet, die Essstörungen oder starkes Übergewicht haben. Ein Freund von mir, der aus dem Fernsehbereich kommt, meinte irgendwann: „Das ist so eine besondere Geschichte, daraus muss man etwas machen.“ Dann entstand erst eine Dokumentation fürs ZDF, und später kam ein Verlag auf mich zu und fragte, ob ich ein Buch schreiben möchte.
Ich dachte damals ehrlich gesagt: Das liest doch kein Mensch. Aber das Buch wurde überraschend erfolgreich und landete direkt auf der Bestsellerliste.
Danach ging plötzlich alles ganz schnell. Bühnenprogramm, Lesereisen, Fernsehen – und irgendwann stand ich vor ausverkauften Häusern. Heute bin ich beim fünften Bühnenprogramm und beim vierten Bestseller angekommen. Manchmal kann ich das selbst kaum glauben.
Viele träumen davon, im Showbusiness erfolgreich zu sein. Warum hat es bei Ihnen funktioniert?
Am Ende ist es vor allem Arbeit. Von außen wirkt das oft nach Glamour und Glück. Aber Glück macht vielleicht ein Prozent aus. Der Rest ist extrem viel Arbeit. Ich bin seit fast zehn Jahren praktisch durchgehend auf Tour, mache kaum Urlaub und arbeite auch an Wochenenden.
Natürlich hilft es, Menschen an seiner Seite zu haben, die an einen glauben. Mein Manager hat mich immer gepusht – auch an Tagen, an denen ich selbst gezweifelt habe. Aber ohne eigene Disziplin funktioniert es nicht. Das ist eigentlich wie in jedem anderen Beruf auch.
Ihr Buch „Die Fettlöserin“ hat viele Menschen bewegt. Gibt es denn ein Geheimrezept zum Abnehmen?
Nein. Und genau das ist die wichtigste Erkenntnis. Das Geheimrezept ist, dass es kein Geheimrezept gibt. Diäten funktionieren meistens nur kurzfristig. Wenn sie dauerhaft funktionieren würden, gäbe es dieses riesige Geschäft mit immer neuen Diäten ja gar nicht mehr.
Ich glaube, man muss verstehen, dass jeder Mensch anders ist. Ernährung muss zum eigenen Leben passen. Wenn jemand abends gerne isst, bringt es nichts, ihm zu sagen: „Iss abends nur einen Apfel.“ Das hält niemand dauerhaft durch.
Für mich war entscheidend, mich nicht mehr auf die Zahl auf der Waage zu konzentrieren, sondern darauf, womit sich mein Körper wirklich wohlfühlt. Mein Kopf hätte gerne ständig Pizza – aber mein Körper nicht unbedingt. Wenn man lernt, sich für das eigene Wohlbefinden zu ernähren, verändert sich oft automatisch auch das Gewicht.
Ist das Leben auf Tour nicht besonders schwierig, wenn man gesund leben möchte?
Absolut. Das wird oft unterschätzt. Wenn du ständig unterwegs bist, bekommst du abends nach einer Show oft nur noch Fast Food oder Raststättenessen. Gesundes Essen zu finden ist unterwegs wirklich schwer.
Ich versuche deshalb, viel vorzubereiten und lieber mal nur einen Apfel zu essen als irgendeinen Mist. Nicht aus Diätwahn, sondern weil ich Energie brauche. Ich stehe abends auf der Bühne und muss funktionieren.
Sie wirken auf der Bühne sehr offen und extrovertiert. Trotzdem sagen Sie von sich selbst, dass Sie introvertiert sind. Wie passt das zusammen?
Das überrascht viele. Aber ich bin tatsächlich eher introvertiert. Deshalb halte ich mein Privatleben heute sogar noch privater als früher. Ich liebe es, einfach zu Hause zu sein und meine Ruhe zu haben.
Die Öffentlichkeit gehört zwar zu meinem Beruf, aber ich suche sie nicht aktiv. Nach einer Show freue ich mich meistens einfach darauf, wieder allein auf dem Sofa zu sitzen und nichts mehr zu müssen.
Ein wichtiges Thema für Sie ist die Gesundheit von Frauen, etwa Herzinfarkte bei Frauen. Warum engagieren Sie sich dafür?
Weil Frauen medizinisch oft noch immer nicht ausreichend berücksichtigt werden. Viele Krankheiten äußern sich bei Frauen anders als bei Männern. Beim Herzinfarkt denken alle sofort an den starken Schmerz im linken Arm. Das ist aber oft eher bei Männern ein Symptom.
Bei Frauen können die Beschwerden ganz anders aussehen – Rückenschmerzen, Oberbauchschmerzen oder Übelkeit. Deshalb erkennen viele Frauen einen Herzinfarkt zu spät. Wenn ich mit meiner Reichweite dazu beitragen kann, dass Menschen besser informiert sind und vielleicht schneller zum Arzt gehen, dann möchte ich das nutzen.
Unser Magazin wird vor allem von älteren Menschen gelesen. Wie blicken Sie auf Senioren in unserer Gesellschaft?
Ich finde, ältere Menschen werden oft unterschätzt. Dabei steckt unglaublich viel Wissen und Lebenserfahrung in ihnen. Viele Dinge lernt man eben nicht aus Büchern, sondern nur durchs Leben selbst.
Eine meiner engsten Vertrauten ist über 80 und einer der inspirierendsten Menschen, die ich kenne. Von solchen Menschen kann man unglaublich viel lernen. Ich glaube, wir machen als Gesellschaft einen Fehler, wenn wir das Älterwerden nur negativ sehen oder ältere Menschen ausblenden. Alt werden ist schließlich ein Privileg.
Viele ältere Menschen beschäftigt das Thema Einsamkeit. Haben Sie dazu einen Gedanken?
Einsamkeit ist etwas sehr Schweres. Aber ich glaube nicht, dass man jemals zu alt für Liebe oder neue Begegnungen ist. Ich kenne Menschen, die sich mit über 70 oder 80 noch verliebt haben – und zwar richtig.
Außerdem müssten wir als Gesellschaft Generationen wieder stärker zusammenbringen. In manchen Ländern gibt es Projekte, bei denen Kindergärten und Altenheime zusammenarbeiten. Solche Ideen finde ich großartig. Denn am Ende brauchen Menschen Begegnungen – egal wie alt sie sind.
Zum Schluss: Haben Sie eine lustige Anekdote aus Ihrer Karriere?
Oh ja. Bei einer Show saß ganz vorne ein älteres Ehepaar, beide über 80. Ich dachte sofort: „Oh Gott, die verlassen in der Pause den Saal.“ Mein Programm ist teilweise schwarzer Humor und ziemlich direkt.
Aber nach wenigen Minuten haben die beiden Tränen gelacht. Hinterher war das Make-up komplett verlaufen, und beide hatten den Spaß ihres Lebens. Das war ein schöner Moment für mich, weil ich gemerkt habe: Humor kennt wirklich kein Alter. Und ältere Menschen sind oft viel offener und cooler, als man denkt.
GRANDE DAME
ist Nicole Jägers aktuelles Bühnenprogramm. Unter anderem tritt sie am 19. und 20.9. in Alma Hoppes Lustspielhaus in Hamburg auf. Alle Termine finden Sie auf www.nicole-jaeger.de.
Text: Jan Philipp Platenius
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