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Hamburg wird älter und anders.

Hamburg wird älter und anders.

Aus dem SeMa Juni 2025 · Beitrag · 7 Minuten

Hamburg wird älter und anders.

Fotos: © Pixabay

Demografischer Wandel an der Elbe

Wer älter und ehrlich ist, wird zugeben müssen. In der Bundes-, aber auch in der Hamburger Landespolitik geht wenig ohne den Blick auf Ältere. Erstens: Die neue Koalition hat mit Blick auf die vielen älteren Wähler nicht am Rentensystem gerüttelt. Zweitens: Die Wirtschaft ruft nach längerer Lebensarbeitszeit. Immer geht’s um Ältere, wenn der demografische Wandel gemeint ist. Dabei geht’s nicht nur um eine statistische Größe zum steigenden Durchschnittsalter der Hamburger. Vieles wird anders. In der Freizeit, beim Wohnen, in der Arbeit …

ALTERSFREUNDLICH

So auch in Hamburg: Vor Kurzem hat die Weltgesundheitsorganisation Hamburg in das „Global Network for Age-friendly Cities and Communities“ aufgenommen. Weltweit sind 1700 Städte und Gemeinden dabei – Hamburg ist die erste deutsche Millionenstadt im Netzwerk. Hamburg könne, so die (damalige) Gleichstellungssenatorin Katharina Fegebank, internationale Erfahrung nutzen, „um allen Hamburgerinnen und Hamburgern ein möglichst aktives, selbstständiges und selbstbestimmtes Leben von hoher Qualität bis ins höchste Alter zu ermöglichen. Ob Stadtentwicklung, Mobilität, Teilhabe oder barrierefreies Wohnen: Wir machen Hamburg fit für die Zukunft“. Allerdings: Im neuen Senat wanderte die Zuständigkeit für Senioren von der Zweiten – grünen – Bürgermeisterin in die von der (älteren) SPD geführte Sozialbehörde.

JUNG

Hamburg ist zwar im Bundesvergleich eine junge Stadt. Ende 2023 lebten hier rund 1,91 Millionen Menschen. Prognosen zufolge wird 2030 erstmals die Zwei-Millionen-Marke überschritten, bis 2040 könnte es 2,02 Millionen geben, weil viele Jungs und Deerns herziehen. Dennoch altert die Bevölkerung: Aktuell sind rund 18 Prozent 65 Jahre und älter. Das sind etwa 350 000. Zum Vergleich: In Altona leben etwa 280 000 Menschen. Und die nahe Zukunft? 2035 wird etwa jeder Fünfte an der Elbe über 65 Jahre alt sein. Das sind 420 000 Hamburger. 2040 werden 433 000 erwartet.

Hamburg wird älter und anders.

WOHNEN

Dabei wohnen 65-Jährige und Ältere meist in zentrumsfernen Stadtteilen – oft in Ein- und Zweifamilienhäusern oder häufig allein in größeren Wohnungen. Die Ü65-Top-Lagen jetzt und 2035: Poppenbüttel, Rissen, Blankenese. In der City wohnen eher Jüngere. Das hat Folgen: Zum einen verändert sich, wie man wohnt. Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte nimmt zu. Zum anderen leben Ältere wie bisher eher in Stadtrandlagen. Das bedeutet, sie müssen mobil sein. Wer künftig in der City einkaufen will, ist auf Parkplatz oder Bahn und Bus angewiesen. das Gleiche gilt für den Besuch beim Arzt oder im Seniorentreff.

2035 wird etwa jeder Fünfte an der Elbe über 65 Jahre alt sein.
2035 wird etwa jeder Fünfte an der Elbe über 65 Jahre alt sein.

Auf dem Papier hat Hamburg auf den Weg gebracht, dem demografischen Wandel Paroli zu bieten. Dass – auch – Hamburgs Bevölkerung älter wird und dieser Wandel nahezu alle Bereiche von Leben, Arbeit, Wohnen. Mobilität, Freizeit erfasst, ist seit Jahrzehnten kein Geheimnis. Um das Los des Älterwerdens zu mindern, mussten schon immer Altersdiskriminierung, Einsamkeit oder Zugangsbarrieren überwunden werden. Heute kommt digitale Ausgrenzung dazu. Bereits 2014 legte der Senat ein 80-seitiges Demografie-Konzept auf und nannte es, damals auf gut Deutsch: „Hamburg 2030: Mehr. Älter. Vielfältiger.“ 2018 wurde es auf über 470 Seiten fortgeschrieben. Das Programm hieß immer noch auf Deutsch: „Stadt im Wandel“. Jetzt liegt Age-friendly City auf Englisch und modern auf dem Tisch. Damals hieß es: vielfältig. Heute würde man „divers“ schreiben.

POLITIK

Nicht nur die Sprache ändert sich: Auf etwa 200 Seiten listet der Senat über 100 Arbeitsfelder auf, um mit „Maßnahmen“ der Alterung Paroli zu bieten. Zuvor hatte der Senat den Puls an der alternden Gesellschaft, indem er „Meinungen von einzelnen älteren Hamburger*innen“ einholte, um die Rahmenbedingungen für „eine gute dritte Lebensphase und ein „ein würdevolles Älter werden“ zu erkunden. Wichtig waren den Befragten etwa barrierefreies Wohnen, barrierearme Alltagswege, ausreichende Nahversorgung, ein guter öffentlicher Personennahverkehr, Sicherheit zu Hause und außerhalb, Seniorentreffs, aufsuchende Angebote. Vieles war wenig überraschend. Es verdichtet sich zu einer „Gesamtstrategie – nicht nur, weil Papier geduldig ist, sondern um „ Leitlinien für ein altersfreundliches Hamburg“ vor zugeben. Sie sollen die Politik lenken, die sich kümmert um: Kultur, Beschäftigung, soziale und kulturelle Teilhabe, Wohnen, Mobilität, Gesundheitsversorgung und Pflege und mehr. Dabei heißt es zu jedem Bereich: „Das wollen wir erreichen.“ Damit wird – irgendwann – messbar, was aus der Gesamtstrategie wurde. So geht es beim Bereich „Gesundheit“ u. a. darum, „wohnortnah bedarfsgerechte, qualitätsorientierte medizinische Versorgungsstrukturen sicherzustellen“, also die ambulante und stationäre Versorgung zu verbessern und geriatrische und gerontopsychiatrische Hilfen zu stärken.

PFLEGE

Klar wird, dass die Bereiche verflochten sind. So gehören Wohnen und Pflege zusammen. „Wir brauchen viel mehr barrierefreie Wohnungen und eine bessere Förderung des barrierefreien Umbaus, damit auch pflegebedürftige oder mobil eingeschränkte Menschen lange zu Hause wohnen bleiben können. Die Pflege der zunehmenden Anzahl hochaltriger Menschen wird, so wie heute, nicht komplett stationär stattfinden können“, sagt Kristin Alheit, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hamburg: „Die eine Stellschraube, um alle unsere Zukunftsprobleme zu lösen, gibt es nicht. Wichtig ist, dass wir es schaffen, die Mobilität und Gesundheit von älteren und hochaltrigen Menschen möglichst lange zu erhalten. 65 oder 70 Jahre sind per se nicht problematisch, wenn man fit und in ein soziales Umfeld eingebunden ist. Daher muss in Hamburg das Wohnquartier viel mehr mitgedacht werden: wohnortnahe Selbstversorgung, soziale Einrichtungen und Netzwerke sowie medizinische Einrichtungen in kurzer Distanz barrierefrei erreichbar, niedrigschwellige Angebote zur sozialen und kulturellen Teilhabe für alle, vor allem für Ältere. Wer arm ist, ist häufiger und stärker krank, daher muss die Politik dafür sorgen, dass die Altersarmut bekämpft wird.“

ARM UND REICH

Doch der Wandel muss nicht unbedingt ein düsteres Bild der Zukunft malen. Professor Dr. Ulrich Reinhardt, Zukunftswissenschaftler und Wissenschaftlicher Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen“, schaut nach vorn: „Der demografische Wandel ist keine Bedrohung, sondern eine Gestaltungsaufgabe. Hamburg wird älter, bunter und individueller – das bietet Chancen für neue Formen des Zusammenlebens, des Lernens und des Wirtschaftens. Dabei darf nicht über ,die Altenʻ gesprochen werden, sondern mit ihnen.“ Er appelliert an die Senioren der Stadt: „Erinnert euch, wie wichtig Vorbilder für euch als Heranwachsende waren – jetzt seid ihr gefordert, eine Vorbildfunktion für die junge Generation zu übernehmen!“

Die Freizeit nimmt zu und die Art verändert sich, sie zu verbringen.
Die Freizeit nimmt zu und die Art verändert sich, sie zu verbringen.

FREIZEIT

In der Zukunft in 20 Jahren wird sich, so der Zukunftswissenschaftler, viel geändert haben, nicht nur die Demografie: „Wir werden dann hoffentlich weniger über Altersarmut und mehr über Alterskompetenz sprechen. Einsamkeit bleibt eine Herausforderung, daher sollte jeder heute 50-Jährige nicht nur an die finanzielle Absicherung, sondern auch über eine gesundheitliche und vor allem soziale Vorsorge nachdenken – allein möchte schließlich keiner im Alter sein.“

Die Freizeit nimmt zu und die Art verändert sich, sie zu verbringen. Der rührige Tanztee war gestern. Heute nennt sich ein Tanz-Treff für Ältere „Faltenrock“, weil dort die Rolling Stones aufs Parkett locken. Reinhardt rechnet mit mehr Menschen, die als „Silver Surfer“ digital unterwegs, in ihrer freien Zeit neue Formen der Arbeit finden oder auch in realen Welt unterwegs sein werden: „Viele sind Lebenspraktiker mit Erfahrungsschatz. Auch werden viele Ältere in Zukunft in Teilzeit weiterarbeiten, nicht unbedingt aus Not, sondern weil sie es können und wollen. Die Zukunft gehört auch den Älteren – weil sie bereit sind, diese mitzugestalten.“

ARBEIT

„Nur wer sich ändert, wird bestehen.“ Das schrieb Neu-Kanzler Friedrich Merz 2004. Etwa 2500 Jahre früher wussten die Griechen: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ Im besten Fall leuchtet die Zukunft hell auf: Es gibt eine alters gerechte Infrastruktur und lebenslanges Lernen, Künstliche Intelligenz löst den Fachkräftemangel, Grundeinkommens-Modelle machen Schluss mit Altersarmut, es gibt genug bezahlbaren Wohnraum für alle Generationen, keine Kinderarmut, die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter zu, es gibt sozial gerechten Klimaschutz, die Integration klappt, (Alters-)Diskriminierung ist ein Fremdwort. Und die Wirtschaft läuft. Heute indes warnt die Handelskammer Hamburg: „Anfang der 2040er Jahre fehlen der Hamburger Wirtschaft annähernd 200 000 Fachkräfte, wenn wir jetzt nicht gegensteuern.“ Dr. Malte Heyne, Hauptgeschäftsführer der Kammer, sieht nach vorn: „Automatisierungen und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz können gerade in stark betroffenen Branchen, wie Logistik und Industrie, eine Lösung sein. Und die Politik ist gefordert, endlich wirksame Schritte zu gehen: Wir werden mehr und länger arbeiten müssen, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen.“

Hamburg wird älter und anders.

RENTE

Der demografische Wandel ist kein Thema, das nur die Älteren auslösen und das nur sie betrifft. Sie sind es ein wichtiger Faktor im demografischen Wandel, weil ihre Zahl zunimmt. Doch der Wandel geht auch junge Menschen an. Die sinkende Geburtenrate kann zu Schüler- und Studentenmangel in Schulen und Universitäten bedeuten. Scheiden mehr Menschen im Betrieb aus als nachrücken, fehlen Sozialkassen und Rentenversicherung Beitragszahler – und die Jungen müssen eventuell „für zwei“ ranklotzen. Und die Rente ist in Zukunft alles andere als sicher. Das kann zu Konflikten zwischen Generationen führen. Motto: Früher war alles besser.

Text: Dr. Riedel