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Eine Schulter zum Anlehnen

Eine Schulter zum Anlehnen

Aus dem SeMa Oktober 2025 · Beitrag · 2 Minuten

Eine Schulter zum Anlehnen

Fotos: Pixabay

Manchmal schreibt das Leben die schönsten Geschichten. Gerade in schwierigen Zeiten kann ein kleiner Schritt den entscheidenden Unterschied machen. Eine Leserin hat uns ihre sehr persönliche Erfahrung anvertraut – eine Geschichte über Mut, Hoffnung und die wunderbare Überraschung, noch einmal eine große Liebe zu finden.

Bei meiner Suche nach einem Partner habe ich großes Glück gehabt, auch wenn der Weg dorthin nicht einfach war. 2017 verstarb mein langjähriger Lebensgefährte – im selben Jahr, in dem ich in den Ruhestand ging. Ein tiefer Einschnitt. Um meinen Schmerz zu verarbeiten und mir selbst etwas Gutes zu tun, begann ich 2018 meine Weltreise. Ich entdeckte ferne Länder, 2019 reiste ich weiter – und dann kam 2020 Corona.

2021 fühlte ich mich einsamer denn je. Die Welt stand still, an Reisen war nicht zu denken. In dieser Stille kam mir ein Gedanke, den ich vorher nie ernsthaft erwogen hatte: eine Kontaktanzeige. Also schrieb ich ins „Hamburger Abendblatt“:

EINE SCHULTER ZUM ANLEH – NEN. 67 J., REISELUSTIG, INTE-RESSIERT AN ALLEM SCHÖNEN, SUCHT WITWER. TRAU DICH!

Die Resonanz war klasse: Ich erhielt Zuschriften und beantwortete jede einzelne. Manche Begegnungen fanden nur am Telefon statt, andere führten zu Spaziergängen oder einem Kaffee. Es waren interessante Gespräche, jeder Kontakt hatte etwas Eigenes – aber die „richtige“ Begegnung war nicht dabei. Nach einigen Wochen beschloss ich, meinen Weg weiterhin allein zu gehen.

Doch dann, drei Wochen später, flatterte ein einzelner Brief ins Haus. Am Computer geschrieben, kurz und klar: Witwer, 71 J., 1,79 m, 75 kg, Nichtraucher, sportlich, offen für Kultur und alle Dinge, die das Leben bereichern. Wünscht sich Kontakt für ein persönliches Gespräch. Trau dich auch. Alles Gute, H. M.

Dieser Brief veränderte mein Leben. Ein Treffen im Café war wegen Corona nicht möglich, also kam er zu mir nach Hause. Nur wenige Tage später besuchte ich ihn wiederum. Aus Gesprächen wurden gemeinsame Stunden, aus Stunden wuchs Vertrauen. Wir beschlossen, unseren Kontakt fortzuführen – und dabei jeder sein eigenes Heim zu behalten.

Heute leben wir glücklich genau mit diesem Arrangement: Von Freitag bis Dienstag besuchen wir uns abwechselnd, mittwochs und donnerstags kümmert sich jeder um seine eigenen Dinge. Die Freude auf das Wiedersehen ist jedes Mal groß. Gemeinsam konnten wir sogar meine Weltreise fortsetzen: Neuseeland und Kuba waren unsere Ziele.

Nicht aufgeben – das ist mein Rat. Auch wenn der Weg manchmal steinig scheint, das Glück kann immer noch anklopfen, manchmal in Form eines unscheinbaren Briefes. Unsere Familien haben uns herzlich aufgenommen und freuen sich mit uns über unser Glück. Ich kann nur bestätigen: Das Leben hat auch nach schweren Verlusten noch Überraschungen bereit – wenn man sich traut.

Text: eine Leserin