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Deutsche Geschichte in komprimierter Form

Deutsche Geschichte in komprimierter Form

Aus dem SeMa Mai 2025 · Beitrag · 4 Minuten

Deutsche Geschichte in komprimierter Form

Foto: © Felix Rabas

Gil Mehmert inszeniert Erfolgsroman am Ernst Deutsch Theater

Am 1. Mai 2025 gibt es im Ernst Deutsch Theater (EDT) eine ganz besondere Uraufführung: „Töchter einer neuen Zeit“. Gil Mehmert hat den Erfolgsroman von Carmen Korn dramatisiert und auch selbst Regie geführt. Der erste Roman der Trilogie aus dem Jahr 2017 spielt viel in Uhlenhorst, also rund um das EDT. Es geht um vier Frauen Jahrgang 1900. So verschieden Henny, Käthe, Lina und Ida sind, so eng ist ihre Freundschaft. Henny Godhusen beginnt voller Lebensfreude 1919 die Ausbildung zur Hebamme an der Hamburger Frauenklinik Finkenau. Ihr Plan ist es, nach dem Ersten Weltkrieg einer neuen, einer friedlichen Generation auf die Welt zu helfen. Doch sie und ihre Freundinnen erleben den Aufstieg der Nationalsozialisten, und der drohende Zweite Weltkrieg erschüttert ihr Leben. Wir sprachen mit Regisseur Gil Mehmert über seine Arbeit am Stück.

SeMa: Sie haben in den letzten Jahren große Bühnen mit Musicals bespielt. Wie ist jetzt die Zusammenarbeit mit dem EDT entstanden?

Gil Mehmert: Tatsächlich war der Stoff im Kontext mit einer eventuellen Musical-Umsetzung bei mir gelandet, aber es muss ja nicht alles ein Musical werden. Durch die Spielorte im Roman bot es sich an, mit dem EDT in Kontakt zu treten, und die wunderbare Isabella Vértes-Schütter hat gleich großen Gefallen an dem Material gefunden. Ich wollte mich diesbezüglich auch gar nicht als Regisseur aufdrängen, sondern mitinitiieren, dass diese Geschichte auf der Bühne gezeigt wird. In unseren ersten Gesprächen waren jedoch die gegenseitige Wertschätzung und Sympathie so groß, dass sich das Weitere ergeben hat.

SeMa: Was hat Sie an dem Stoff gereizt?

GM: Deutsche Geschichte in so komprimierter Form, immer im Wechsel zwischen ganz persönlichen Ereignissen und dem politischen Geschehen in der Gesellschaft – da ist eine derartige Ansammlung von wichtigen Motiven und Themen, die leider 100 Jahre später wieder sehr aktuell sind, sodass dieser Roman nach einer Bühnenadaption schreit. Auch wenn, oder gerade weil die konkrete Umsetzung eine große Herausforderung ist.

SeMa: Das Buch wurde von Carmen Korn geschrieben, vier Frauen sind die Heldinnen dieses Romans. So viel Frauenpower – wie nähert man sich da als Mann?

GM: Als Theatermacher sehe ich mich nicht einer geschlechtsspezifischen Perspektive zugehörig, sondern immer als Anwalt der zu erzählenden Figuren. Und alle meine diesbezüglichen Einschränkungen im Blickwinkel werden mir in Zusammenarbeit mit den großartigen Darstellerinnen immens erweitert.

SeMa: Gab es Rücksprachen/Absprachen mit Carmen Korn zur Dramatisierung?

GM: Hier geht man als Bearbeiter ja erst mal in Vorleistung und legt dann das Material vor, um ein Feedback zu bekommen. Und das war erst mal Zustimmung. Natürlich kann man nicht über 500 Seiten Buch eins zu eins umsetzen. Es ging darum, den Kern zu erfassen und sich auf die wesentliche Handlung und die wesentlichen Figuren zu konzentrieren. Wie in einem Drehbuch. Bei manchen Situationen hat man in der Bearbeitung als Regisseur natürlich auch schon mögliche szenische Umsetzungen im Kopf, sodass vieles eben auch durch Bilder, also nonverbal erzählt wird.

SeMa: Das Buch ist ja „ganz großes Kino“, episch, viele Jahrzehnte umspannend – worauf haben Sie den Fokus gelegt?

GM: Zunächst bin ich von dem Kosmos der vier Mittelpunktscharaktere HENNY, KÄTHE, LINA und IDA ausgegangen, habe aber schnell gemerkt, dass LOUISE, wenn sie auch später dazukommt, eigentlich die fünfte Hauptfigur ist. Dann ging es darum, die jeweiligen Handlungsstränge und das persönliche Umfeld einzukreisen und gegebenenfalls einzugrenzen. In der szenischen Umsetzung erscheint mir der Wechsel zwischen Ereignissen in der Gesellschaft, also Festivitäten, Versammlungen, Demonstrationen, Krieg – eben wenn viele Leute öffentlich agieren – im Wechsel zu den privaten und intimen Szenen sehr reizvoll, sodass der Rhythmus dieser Kontraste und die gegenseitige Bedeutung in der Bearbeitung und entsprechend auch in der Umsetzung eine Rolle spielen.

SeMa: Wie schwer war es, die Rollen – in Ihren Augen passend – zu besetzen?

GM: Wir haben natürlich zunächst auch im Umfeld des EDTs geschaut, wer von dem DarstellerInnen-Kreis in die Rollenprofile passen könnte. Hinzu kam, dass wir mit insgesamt zwölf SchauspielerInnen und zwei Musikern dieses Universum abdecken wollten. Das bedeutet natürlich für nicht wenige SchauspielerInnen, mehrere Rollen zu übernehmen. So gibt es z. B. ein Paar, das immer die Elterngeneration verkörpert. Natürlich gleicht man zu Beginn der Proben die Charaktere immer wieder mit den Vorgaben aus dem Roman ab, aber dann verselbstständigen sich das Spiel und die Umsetzung. In den Szenen und durch die Persönlichkeiten unserer Besetzung geht es nicht mehr darum, ein Buch „nachzuspielen“, sondern es zum Leben zu erwecken und in eine Dreidimensionalität zu überführen.

SeMa: Danke für das Gespräch.

Text: Rosbiegal © SeMa