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Ausstellungsansicht „Hello Image. Die Inszenierung der Dinge“, MK&G. Foto: Henning Rogge, Hamburg

Design im Alter: Der Style der späten Jahre

Aus dem SeMa Oktober 2025 · Beitrag · 6 Minuten

Ausstellungsansicht „Hello Image. Die Inszenierung der Dinge“, MK&G. Foto: Henning Rogge, Hamburg
Ausstellungsansicht „Hello Image. Die Inszenierung der Dinge“, MK&G. Foto: Henning Rogge, Hamburg

Bis Frühjahr 2026 zeigt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, wie sich Design von Alltagsdingen wandelte. Beispiel: Kaffee HAG. Er ist vielen Älteren vertraut, obwohl das koffeinfreie Heißgetränk nicht speziell für sie geröstet wurde. Und auch Design, Gestaltung, Farbe und Form der Packung oder Tassen waren nicht auf sie ausgerichtet. Doch viele kennen es, weil es lange so blieb, wie es war. Das Design kam in die Jahre und wurde zum Klassiker. Kaffee HAG wurde gleichbedeutend mit koffeinfreiem Kaffee.

Albert Renger-Patzsch (1897–1966), Werbung für Kaffee Hag, 1925, © Albert Renger-Patzsch Archiv | Ann und Jürgen Wilde, …
Albert Renger-Patzsch (1897–1966), Werbung für Kaffee Hag, 1925, © Albert Renger-Patzsch Archiv | Ann und Jürgen Wilde, Zülpich | VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Doch selten findet das Design von Dingen Eingang in das Habitat der Älteren. Es gibt zwar das Konzept vom barrierefreien Design. Das meint aber in erster Linie praktische Gegebenheiten wie barrierefreie Wohnungen mit breiten Türen und leicht tastbaren Lichtschaltern. Und auch bei Hightech wird an das Design gedacht: Computer und Smartphones sollten so sein, dass jedermann damit umgehen kann. Doch im analogen Alltag ist Design für Senioren Mangelware. Es gibt Ausnahmen: die Salatschleuder, die mit einer Hand Grünzeug vom Wasser trennt, der Sparschäler für Rechts- und Linkshänder oder das Weinetikett mit Brailleschrift. Praktische Handhabbarkeit statt verspieltes Design führt zu Essbestecken mit großen Griffen bei fehlender Feinmotorik, damit das Auswickeln der Kohlroulade kein Verletzungsrisiko birgt. Möbeldesigner kreieren Anti-Kipp-Möbel. Goldschmiede entwerfen Schmuck, der den Notruf in das Collier integriert.

Konzepte

Dahinter steckt ein Konzept: das Design für alle. Einer derer, die es beherzigen, ist Mathias Knigge, Geschäftsführer des Design- und Beratungsbüros Grauwert, das Produkte und Dienstleistungen für die Generation 50+ entwirft, etwa seniorengerechte Handys mit Notruftaste oder altentaugliche Heckenscheren. Er votiert für ein Design, „das mehrwertorientiert Komfort und Gestaltung in den Vordergrund stellt und auf defizitorientierte Speziallösungen verzichtet“. Dabei kommen seine zwei beruflichen Perspektiven zum Tragen: Er ist Ingenieur und Produktdesigner zugleich. So erklärt sich, warum er sich als Ingenieur für Funktion und Technik und als Produktdesigner für Gestaltung stark macht: Er ist Vorsitzender des Kompetenznetzwerks EDAD – Design für Alle Deutschland e. V. Hier konzentriert sich Knigge darauf, barrierefreie Zugänglichkeit zu steigern und dabei auf eine stigmatisierende Anmutung zu verzichten. Es geht darum, attraktive Mehrwerte für alle zu schaffen. Er kann indessen bis heute „keine erfolgreiche Gestaltung erkennen, die sich ausschließlich auf Senioren ausrichtet, denn gerade ältere Menschen wollen nicht durch spezielle Lösungen nur aufs Alter reduziert werden.“

Aber die Zukunft sieht anders aus: Fast jeder fünfte Hamburger ist über 65 Jahre alt. Die Babyboomer-Generation der 55- bis 75-Jährigen ist für die Hälfte aller privaten Konsumausgaben verantwortlich, so eine Studie. Und diese Generation ist damit aufgewachsen, dass manches schön und praktisch sein sollte. Knigge: „Die Zukunft ist sicher generationsübergreifend.“

Barrieren

Das lässt der Ästhetik auch Raum, bei Rollator und Hörgerät inklusiv zu sein: „Natürlich gibt es Hilfsmittel und bei diesen einen Bedarf an einem guten Design – praktisch, einfach nutzbar und trotzdem gut gestaltet. Das bedeutet, dass sich Lösungen gut in den Alltag eingliedern lassen sollen und nicht sofort als etwas Spezielles wahrgenommen werden. Bei Rollatoren, Rollstühlen und Gehhilfen kann man das schon gut an der Gestaltung ablesen, noch deutlicher wird es bei Hörgeräten.“ Hier hat Knigge genau hingesehen: Das grobschlächtige Kassenmodell ging in Pension. Neu ist die kaum noch sichtbare Akustik-Hightech hinterm Ohr. Funktionalität und Gestaltung wachsen zusammen.

Foto: Pixabay
Foto: Pixabay

Beim „Design für alle“ sind Anmutung und Ästhetik kein Selbstzweck, sondern dienen immer der Gebrauchsfreundlichkeit. Ziel ist, dass Dinge des Alltags auch bei individuellen Anforderungen, z. B. aufgrund des Alters oder einer Behinderung, benutzt werden. Dahinter verbirgt sich das gesellschaftspolitische Konzept der Barrierefreiheit. Ursprünglich bezog es sich auf das gleichberechtigte Dabeisein behinderter Menschen. Erst später wurde Barrierefreiheit mehr als nur „Zugänglichkeit“. Damit geht es um viel mehr als nur funktionale Barrierefreiheit – vielmehr um kreative Lösungen, die für eine gleichberechtigte Teilhabe für alle Menschen sorgen, egal ob mit oder ohne Einschränkungen.

Schriften

Das sieht auch Ilka Zentgraf von der Hamburger Agentur Deerns & Jungs so, die für „Pflegen und Wohnen“, eines der größten Hamburger Unternehmen für Pflege und Betreuung, Werbekampagnen entwirft: Hier geht es weniger um handfeste Dinge als um Botschaften, also um Broschüren, Plakate oder Anzeigen, die aber ebenso kreativ wie verständlich sein wollen. „Im Kommunikationsdesign gibt es einen Trend, barrierefreier zu gestalten. Höhere Kontraste, größere Schriften. Davon profitieren alle, auch Senioren, die oft höhere Kontraste in den Farben und größere Schriften für die Erkennbarkeit und Lesbarkeit benötigen. Für Designer ist Design nie ein Selbstzweck. Design unterscheidet sich von der freien Kunst darin, dass es nutzerorientiert ist. Form follows function.“

Ilka Zentgraf, Diplom-Designerin: „Höhere Kontraste und größere Schriften sorgen für bessere Lesbarkeit.“ Foto: Ilka Zentgraf
Ilka Zentgraf, Diplom-Designerin: „Höhere Kontraste und größere Schriften sorgen für bessere Lesbarkeit.“ Foto: Ilka Zentgraf

Moden

Dabei haben es solche Dinge zuweilen schwer wie die eierlegende Wollmilchsau. Sie sollen einfach im Gebrauch sein, für jeden – unabhängig von körperlichen Fähigkeiten nutzbar, ästhetisch und verkäuflich. In der Mode heißt „Design“ aber oft noch: Klettverschlüsse statt Knöpfe, weite Baumwollpullover, Hosen und Co., die so richtig bequem sind beim Kaffeekränzchen. Oft herrschen unter Modedesignern zudem noch Vorlieben für eine bestimmte Farbe, und die heißt „Beige“. Dabei trägt der Hamburger gern admiralitätsblauen Kaschmir, wenn er ihn sich leisten kann und um die Alster flaniert.

Bequem und gemütlich soll es sein. Foto: Pixabay
Bequem und gemütlich soll es sein. Foto: Pixabay

Autos

Wenn er dann vom Alsterlauf zurück ins Auto steigt, kann das durchaus ein Pkw sein, bei dem die Autodesigner auf das Alter geachtet haben: Ergonomischer Einstieg, gute Übersicht, große Tasten und Assistenzsysteme zum Spurhalten und Einparken machen Freude am Fahren und zeigen Vorsprung durch Technik für Ältere. Doch kaum ein Autobauer kommt auf die verrückte Idee zu betonen, sein Produkt sei speziell für die ältere Generation gebaut. Ein Tabu?

Es gibt selbstbewusste Ausnahmen für den Style der späten Jahre: so etwa den CityCaddy, entworfen von der emeritierten Hamburger Designprofessorin Elke Jensen. Ihn Rollator zu nennen tut ihm unrecht. Der Caddy interpretiert sich als stilvolle Gehhilfe mit Shopper- und Trolley-Funktion. Er vereint Funktionalität mit Manufakturarbeit made in Germany. Anette Bethune, Gründerin des Portals Stildate: „Tatsächlich ist gutes Design längst kein Thema mehr, das nur junge Menschen interessiert. Im Gegenteil: Vielen älteren Menschen ist es sogar sehr wichtig, ihre Vorstellungen von Lifestyle leben zu können. Warum? Weil Menschen dieses Alters endlich das Geld dafür haben, sich auch mal mit etwas Besonderem, vielleicht sogar Maßgefertigtem, zu umgeben. Die Wertschätzung für Dinge abseits des Mainstreams steigt also offenbar mit zunehmendem Alter – und wahrscheinlich ist in dieser Phase des Lebens auch das Budget dafür mehr vorhanden.“

„Mein Anliegen war es, eine praktische und vor allem ästhetische Gehhilfe zu entwickeln.“ Elke Jensen, Produktdesignerin …
„Mein Anliegen war es, eine praktische und vor allem ästhetische Gehhilfe zu entwickeln.“ Elke Jensen, Produktdesignerin und Entwicklerin von CityCaddy. Fotos: CityCaddy/Enver Hirsch

Die Bloggerin, selbst um die 60, hat sicher recht: Laut „Allianz Global Wealth Report“ sind die Babyboomer die reichste Generation, die je gelebt hat – und sie nimmt weiter zu.

Text: Dr. Hergen Riedel