
Mehr als 40 Bücher hat Jürgen Brater bereits geschrieben – über den menschlichen Körper, das Älterwerden und die kleinen Absurditäten des Lebens. In seinem neuen Roman „Alleinsein ist ein Elend, Gesellschaft manchmal auch“ nimmt der 78-Jährige den Optimierungswahn im Alter mit viel Humor aufs Korn. Im Interview spricht er über Gelassenheit, die guten Seiten des Älterwerdens und darüber, warum sich im Leben nicht alles planen lässt.
Herr Brater, wer sind Sie, was machen Sie und wie sind Sie zu dem geworden, der Sie heute sind?
Ich habe Medizin und Zahnmedizin studiert. Anschließend habe ich mich als Zahnarzt niedergelassen und 25 Jahre lang eine eigene Praxis geführt. Irgendwann habe ich allerdings gemerkt, dass mir die Arbeit nicht mehr die Freude bereitet wie früher. Also habe ich die Praxis verkauft und mich dem Schreiben gewidmet.
Neben meiner Tätigkeit als Zahnarzt hatte ich an einer Berufsschule unterrichtet. Aus dieser Arbeit heraus entstand die Idee für mein erstes Buch. Später folgte das „Lexikon der rätselhaften Körpervorgänge“, das sehr erfolgreich wurde, danach weitere populärwissenschaftliche Bücher über medizinische Themen. Irgendwann kam dann das Alter als Thema hinzu. „Pfeif drauf – morgen hast du’s eh vergessen!“ war ebenfalls sehr erfolgreich. Mit 78 Jahren kenne ich mich mit dem Älterwerden natürlich auch aus eigener Erfahrung ganz gut aus.
Was hat sich für Sie persönlich mit dem Älterwerden am stärksten verändert?
Ein großer Vorteil ist die Zeit. Früher war ich in der Praxis häufig in Zeitnot, ein Patient kam nach dem anderen. Heute kann ich vieles ruhiger angehen. Dazu kommt eine zunehmende Gelassenheit. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, hat man schließlich schon einiges erlebt und überstanden. Man weiß: Irgendwie wird es schon weitergehen.
Natürlich gibt es auch Nachteile. Die körperlichen Fähigkeiten lassen nach. Wenn ich beispielsweise im Garten arbeite, bin ich schneller erschöpft als früher. Aber dann lässt man sich für bestimmte Dinge eben etwas mehr Zeit. Auch das Gedächtnis wird nicht unbedingt besser. Insgesamt finde ich: Wenn man nicht schwer krank ist oder unter großen Einschränkungen leidet, kann das Alter eine der besten Lebensphasen überhaupt sein.
Der Titel Ihres Buches lautet wunderbar widersprüchlich: „Alleinsein ist ein Elend, Gesellschaft manchmal auch“. Ist das ein Thema, das Sie im Alltag viel umtreibt?
Im Buch ist Walter ein etwas vertrottelter älterer Mann, der von seiner Umgebung dazu gebracht werden soll, wieder aktiver zu werden und mehr zu unternehmen. Ich selbst bin da durchaus anders. Aber natürlich beobachte ich auch, dass soziale Kontakte im Alter zwangsläufig weniger werden können. Menschen aus dem eigenen Umfeld sterben, andere haben nicht mehr so große Lust, etwas zu unternehmen, und man selbst wird vielleicht ebenfalls etwas träger. Die großen Feste und Unternehmungen wie früher gibt es dann seltener. Das ist aber nichts Außergewöhnliches, sondern es geht vielen Menschen so.
Abgesehen von dem interessanten und amüsanten Titel: Worum geht es in Ihrem Buch?
Die Grundidee habe ich gemeinsam mit einem Mitarbeiter des Verlags entwickelt. Er fragte mich irgendwann, ob ich nicht Lust hätte, über dieses Thema zu schreiben. Daraus entstand Walter: ein etwas tüdeliger älterer Mann, dessen Tochter möchte, dass er wieder stärker am Leben teilnimmt. Daraufhin probiert Walter alle möglichen Aktivitäten aus. Vieles davon wird im Buch bewusst ein bisschen ironisch betrachtet.
Haben Sie den Eindruck, dass heute auch ältere Menschen unter einem gewissen Optimierungsdruck stehen?
Das ist sicherlich sehr unterschiedlich. Es gibt ältere Menschen, die von sich aus ausgesprochen aktiv sind. Ich selbst wandere zum Beispiel, arbeite im Garten und schreibe meine Bücher. Deshalb würde ich nicht pauschal sagen, dass alle älteren Menschen unter einem solchen Druck stehen.
Aber wenn man Fernsehen schaut oder Zeitungen liest, bekommt man natürlich ständig Ratschläge: Das sollte man unbedingt machen, jenes ist besonders gesund, und wenn man dieses oder jenes beachtet, lebt man angeblich besser. Genau damit beschäftige ich mich auch ironisch in einem der nächsten Bücher: Ein Ehepaar wird krank, anschließend wieder gesund und versucht danach, möglichst sämtliche, sich teilweise auch widersprechende Gesundheitsempfehlungen umzusetzen. Das kann schnell ziemlich absurd werden.
Wie läuft das überhaupt mit dem Schreiben? Viele Menschen haben ja den Traum, einmal ein eigenes Buch zu schreiben.
Zunächst einmal steckt sehr viel mehr Arbeit in einem Buch, als die meisten Menschen wahrscheinlich glauben. Ich habe inzwischen den Vorteil, dass ich schon mit vielen Verlagen zusammengearbeitet habe.
Wer noch keinen Verlag hat, muss zunächst mit einer guten Idee überzeugen. Häufig schickt man ein Konzept und beispielsweise 50 Seiten als Leseprobe. Und dann braucht man neben Qualität auch ein bisschen Glück. In den Verlagen kommen jeden Tag neue Vorschläge an. Vielleicht hat ein Lektor gerade viel zu tun, vielleicht sucht der Verlag im Moment ein ganz anderes Thema. Oder die Idee passt zufällig genau in die Planung.
Die Literaturgeschichte ist voll von später sehr erfolgreichen Büchern, die zunächst von Verlagen abgelehnt wurden. Man muss hartnäckig bleiben und darf nicht gleich aufgeben.
Was wünschen Sie sich, was der Leser nach der letzten Seite Ihres Buches denkt?
Vielleicht vor allem, dass das Älterwerden gar nicht so schlecht ist. Und dass dieses krampfhafte Bemühen, sich selbst und sein Leben immer weiter zu optimieren, die Dinge nicht automatisch besser macht.
Walter erlebt das im Buch selbst. Seine neue Liebe findet er nicht beim Dating und auch nicht durch irgendeine ausgeklügelte Strategie, sondern ganz zufällig an der Supermarktkasse. Das gefällt mir als Gedanke sehr gut: Man kann sich um vieles bemühen und offen für Neues bleiben. Aber man kann im Leben eben nicht alles planen und schon gar nicht alles erzwingen.
Buchtipp

Jürgen Brater: „Alleinsein ist ein Elend – Gesellschaft manchmal auch Ein Witwer wagt den Neuanfang“
Walter, Mitte 70, möchte seinen Lebensabend eigentlich in aller Ruhe genießen. Doch seine Familie befürchtet, dass er vereinsamt – und schickt ihn auf die Suche nach neuen Aktivitäten und neuem Glück. Ein humorvoller Roman über das Älterwerden, Einsamkeit, Neuanfänge und die Erkenntnis, dass sich das Leben nicht immer planen lässt.
Yes Publishing | 160 Seiten | Softcover | 15 Euro ISBN: 978-3-96905-463-5 Erscheinungstermin: 22. September 2026
Text: Jan Philipp Platenius
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