
Fotos: Pixabay, Corinna Chateaubourg
Wenn Dagmar Hirche über ältere Menschen spricht, ist sie ganz in ihrem Element. Die Mitgründerin und Vorsitzende des Vereins Wege aus der Einsamkeit e. V. sieht das Alter als Lebensphase voller Chancen. Mit Projekten wie „Wir versilbern das Netz“ sorgt sie seit Jahren dafür, dass Seniorinnen und Senioren den Anschluss an die digitale Welt behalten.
Der Verein wurde 2007 gegründet, um ein positiveres Bild vom Alter zu vermitteln und das Tabuthema Einsamkeit sichtbar zu machen. Bald stellte Hirche fest: Für Menschen ab 65 gab es so gut wie keine Angebote zu Smartphone und Tablet. Während Computerclubs Excel und Word erklärten, fehlte die alltagsnahe Praxis. Also lud sie kurzerhand sechs Über-80-Jährige zu Kaffee und Kuchen ein – und gab ihnen Smartphones in die Hand. Aus diesem Versuch entstand „Wir versilbern das Netz“, heute bundesweit bekannt.
Hirche setzt auf „Gesprächsrunden“ statt Workshops. Die Teilnehmenden bringen ihre Fragen mit, ohne Leistungsdruck und in verständlicher Sprache. Ob WLAN, WhatsApp, Fotos, Navigation oder der sichere Umgang mit Apps – erklärt wird am Gerät, Schritt für Schritt. Seit Corona gibt es wöchentliche Zoom-Termine mit Teilnehmenden aus dem ganzen Land. Viele bleiben nach der Schulung noch im digitalen Raum, um zu plaudern. Und ja: Auch KI gehört dazu. Wer einmal erlebt hat, wie ChatGPT ein Rezept aus den Kühlschrankresten vorschlägt oder WLAN simpel erklärt, verliert schnell die Scheu.
Doch Technik ist nur ein Teil. Jede Runde ist auch ein sozialer Treffpunkt. Vor Ort organisiert Hirche Spaziergänge rund um die Alster, Besuche im Tierpark Hagenbeck oder den Welt-Seniorentag, den sie seit 2014 vormittags im Club Knust feiert – mit Kaffee, Aperol und Tanz. Details wie Namensschilder mit Stadtteil helfen beim Ankommen. Vieles ist kostenfrei, weil Altersarmut Teil von Einsamkeit sein kann.
Warum das wichtig ist, zeigt der Blick aufs späte Leben: Einsamkeit trifft ältere Menschen häufig schleichend, wenn Freundinnen, Freunde oder der Partner sterben. Angebote, die niedrigschwellig sind und Gemeinschaft stiften, senken die Hürde. Manchmal genügt ein erster Schritt – und jemand, der ihn leicht macht.
Hirches Haltung ist klar: Wer mit 70 sagt, er brauche Digitalisierung nicht mehr, riskiert Ausschluss. Arzttermine, Banken, Behörden – vieles läuft heute online. Je früher der Einstieg, desto leichter. Dass selbst Hochaltrige lernen können, zeigt eine Anekdote aus einem Pflegeheim: Eine 91-Jährige schickte nach der ersten Übung versehentlich ihre ganze Fotogalerie an den Enkel – und lachte mit ihrem Mann herzhaft darüber. Lernkurven gehören dazu.
Für ihr Engagement wurde Dagmar Hirche vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Bundesverdienstkreuz. Wichtiger als Orden ist ihr die Wirkung im Alltag: dass ältere Menschen Zugang, Sicherheit und Freude am Digitalen finden – und dabei neue Kontakte knüpfen. Digitalisierung, sagt sie, ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Werkzeug gegen Ausschluss – und ein Türöffner zu mehr Teilhabe.
Kontakt: Wege aus der Einsamkeit e. V. Projekt: Wir versilbern das Netz, Hamburg, Tel: 040/422 36 22 32 00, www.wegeausdereinsamkeit.de
Dieses Gespräch können Sie sich in ganzer Länge auch auf sema-senioren-magazin.de/podcast anhören.
Text: Corinna Chateaubourg
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