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Alles kommt wieder – Der Reiz von Retro und der Charme der frühen Jahre

Alles kommt wieder – Der Reiz von Retro und der Charme der frühen Jahre

Aus dem SeMa Dezember 2025 · Beitrag · 6 Minuten

Alles kommt wieder – Der Reiz von Retro und der Charme der frühen Jahre

Fotos: Pixabay

Früher war alles besser. Meist geht’s um Geld, Steuern, Sicherheit, Politik – aber an dieser Stelle bleibt das außen vor. Es geht um Angenehmes, feine Nebensächlichkeiten, die einst von Älteren geschätzt wurden – und heute wieder bei vielen Jüngeren in sind. Wer mit Lego baute, findet im Einkaufszentrum Westfield seinen Sehnsuchtsort der frühen Jahre. 60-, 70-jährige Leselustige erinnern sich an „Momo“. Jetzt kommt das Kindermärchen ins Hamburger Thalia Theater. Pumuckl, der in den 1980ern Schreinermeister Eder in der ARD ärgerte, lässt seine roten Haare Ende dieses Jahres im Kino wehen. Und an Denver und Dallas erinnern wir uns ebenso wie an TV-Moderator Ilja Richter, der in den 1970ern in der ZDF-„Disco“ für Quasseleien und Schlaghosen bekannt war.

Und die Schlaghose hängt heute in Läden, die Fashion Shops heißen und doch nur Kleidung verkaufen. Gerade in Sachen Mode sagen viele: „Das gab’s schon früher.“ Gemeint sind Leopardenmuster, Schlaghosen und Maxikleider der 1970er Jahre. Aber auch das kreischende Neon der 1980er und Schulterpolster sind wieder tragbar. Wer als Jungspund im Parka gegen die Eltern aufmuckte, mokiert sich über deren „Büro- Chic“ mit Rollkragenpullover, Bluse, Stoffhose – auf keinen Fall Jeans. Heute geht man wieder adrett zum Ball, trägt weiße Tennissocken und kurze Haare. Erstaunlich für die, die die Beatles hörten. Und wer noch Punk und Grunge miterlebte, wundert sich heute über die teuren Jeans mit Löchern. Die Textilwirtschaft vermerkt zudem: Maschen sind wieder in – früher old fashioned, nun wieder groß in Mode. Im Frühjahr gab’s in Hamburg die ersten „Strickkinos“. Die Nadeln klapperten etwa in den Zeise Kinos oder im Savoy Filmtheater.

Besonders in der Mode erleben Trends oft nach vielen Jahren ein Comeback, wenn auch in abgewandelter Form. Ob …
Besonders in der Mode erleben Trends oft nach vielen Jahren ein Comeback, wenn auch in abgewandelter Form. Ob Plateauschuhe oder Halstücher – eigentlich war alles schon einmal da.

Santa Maria

Aber auch anderswo kommt manches wieder. Manches in neuem Gewand – aber irgendwie retro: Früher war bei jungen Leuten Blasmusik tabu. Vor Kurzem tanzten sie beim Oktoberfest in der Fischauktionshalle zu Altona auf den Tischen. Und zu Hause hören sie Hip-Hop, Rap, Techno, House und Dance. Aber auch Abbas „Waterloo“ oder Roland Kaisers „Lieb mich ein letztes Mal“ und „Santa Maria“ sind ihre Evergreens. Howard Carpendale („Howie“) wird im nächsten Januar 80 Jahre alt und verzückt mit „Ti amo“ und „Hello Again“ aus den 1970ern junge Fans. Nach dem Konzert geht’s vielleicht in die Kneipe, wo ein Getränk (heute: Drink) frisch eingeschenkt wird – Wodka mit Feige. Musikalisch werden zwar Smartphone und Playlist, eine selbst zusammengestellte Hitparade, genutzt. Aber Musik der Kindheit und Jugend lässt einen in – vermeintlich – guten Zeiten schwelgen. Eine Wiederkehr erleben nicht nur Popgruppen wie Sweet oder Manfred Mann. Analoges ist vertraut in einer Welt, die dauernd von Digitalisierung redet.

Auch musikalisch gibt es Trends und Evergreens, die generationenübergreifend begeistern.
Auch musikalisch gibt es Trends und Evergreens, die generationenübergreifend begeistern.

Sehnsucht

Warum ist vieles von ehedem so cool? Woher kommt diese Sehnsucht nach dem Gestern? Tristan Horx ist Trend- und Zukunftsforscher und sucht nach Antworten für die Faszination des Frühers. „In vielen tobt der Wunsch, das Alte und Vertraute festzuhalten. Es geht um ein Gefühl, das man selbst als Kind oder Jugendlicher verspürt hat. Heute, im Erwachsenenalter, ist die Verantwortung für das Leben über viele hereingebrochen und zur Last geworden.“

Der Hamburger wurde vor der Jahrtausendwende geboren, gehört zu den Millennials – also zu denen, die von Marketingexperten Generation Y genannt werden. Wie schaut einer, der zwischen 1980 und 1999 zur Welt kam, auf das Gestern und Heute? „Das Erste, was mir beim Blick zurück einfällt, sind die zuweilen romantisierenden Erzählungen meines Vaters aus der Zeit der 68er.“

Auch bei Zukunftsforschern fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Tristans Vater ist Matthias Horx. Er gründete – im Jahr von Tristans Geburt – mit Peter Wippermann in Hamburg das Trendbüro, später das Zukunftsinstitut und zuletzt gemeinsam mit Tristan das Future:Project.

Heute ist Tristan die zweite Generation der „Zukunftsfamilie“, doch er hat seinen eigenen Blick auf das, was die Welt bewegt. Mit „etwas Neid“ hört er die Erinnerungen des Vaters, als es „noch eine Rebellion gab, als viele Gedanken noch darum kreisten, die Welt zu verbessern und radikaler nach vorn zu bringen“. Das sei, so Tristan, heute in Vergessenheit geraten. Heute denke die Jugend weit konservativer als früher.

Den Hang zur Nostalgie erklärt Tristan so verständnisvoll wie klug: „Der Rückbezug auf die Zeit früher hat viel mit der heutigen, schnellen Zeit zu tun. Er ist eine Art Entschleunigung in einer Zeit, die für viele nicht mehr überschaubar ist. Viele glauben, damals war vieles einfacher als die heutige Allmacht mit ihrer Komplexität. Ob das stimmt, sei dahingestellt.“

Die Gegenwart ist kompliziert, es fehle an Sinnvorgaben von Politik und Kultur. „Früher war die Zeit nicht so hyperschnell wie heute, wo alles digital erlebbar ist. Heute sind Kriege und Katastrophen im Liveticker zu erleben. Viele haben das Gefühl, sie seien von Katastrophen umstellt.“ Das sei früher anders gewesen – aber besser?

Sentimental

Tristan wundert sich über die, die das Damals verklären. Er warnt vor dem „süßen Gift der Nostalgie“: „Viele haben nostalgische Gedanken an eine Zeit, die sie selbst überhaupt nicht kannten.“ So begeistern sich junge Leute für Videos aus einer Zeit, in der es keine Handys gab, und finden sie toll („krass“). Manche junge Männer kultivieren eine „Männlichkeit“, die viel mit früher zu tun hat. Horx sagt: „Der Retro-Trend ist ein Gegentrend zur Highspeed-Ära.“

Retro-Urlaub mit dem Oldtimer: Das ist das Gefühl von unbeschwerter Freiheit und viel zu viel Gepäck auf dem Dach.
Retro-Urlaub mit dem Oldtimer: Das ist das Gefühl von unbeschwerter Freiheit und viel zu viel Gepäck auf dem Dach.

Und worauf wird er mit Wehmut zurückschauen, wenn er in die Jahre gekommen ist? „Ich werde vermutlich den Geruch von Benzin vermissen, das unser Auto getankt hat, wenn wir nach Italien fuhren.“ Seine Erinnerung an den Sprit mag zu dem gehören, was Horx „Petro-Nostalgie“ nennt – eine Reminiszenz an das „fossile“ Zeitalter, in dem alles noch so gemütlich brummte.

Eine Studie des Hamburger Marktforschungsinstituts MediaAnalyzer zeigt: Erinnerungen an die Kindheit prägen das Erwachsenenalter – sie bereiten den Boden für Kaufentscheidungen. Kian Heidari, Senior Marketing Manager, erläutert die Studie: „Besonders stark profitieren Süßigkeiten vom Retro-Charme. Dabei ist die Palette breit – von Haribo-Fruchtgummis über Kinder-Schokolade wurden verschiedene Marken und Produkte genannt. Sie sind oft Begleiter aus der Kindheit, die heute für viele noch immer einen vertrauten Genuss darstellen.“

WhatsApp ist zwar unkompliziert und toll für Bilder, aber eine handgeschriebene Postkarte macht viel mehr Freude.
WhatsApp ist zwar unkompliziert und toll für Bilder, aber eine handgeschriebene Postkarte macht viel mehr Freude.

Auch Heidari selbst kann sich dem Charme der Nostalgie nicht entziehen: „Da muss ich als Erstes an Vinyls, Schallplatten, denken. Die waren out – mittlerweile gibt es wieder einen Markt dafür. Und: Neue Veröffentlichungen kommen analog zu Streaming und CDs ebenfalls meist auf Platte raus. Ich habe einige bei mir stehen. Auch Lego ist wieder angesagt. Hier weiß ich, dass meine Mutter in ihrer Kindheit bereits mit Lego gespielt hat. Ich, mittlerweile auch 31 Jahre alt, habe mir erst letztens ein neues Mario-Set gekauft.“

Wenn er nach vorn schaut, würde er handgeschriebene Postkarten, analoge Fotoalben oder Schallplattenabende schätzen – Zeugnisse einer „Gegenbewegung zur digitalen Schnelllebigkeit“.

Wieder im Kommen ist die gute alte Schallplatte. In der modernen Variante oft aus buntem Vinyl, ist sie ein Muss für echte …
Wieder im Kommen ist die gute alte Schallplatte. In der modernen Variante oft aus buntem Vinyl, ist sie ein Muss für echte Fans.

Sicher

Nostalgie ist nicht nur Marotte. Sie vermittelt oft ein „warmes Gefühl“ und gibt Sicherheit. Psychologen wissen mehr. Früher galt die sentimentale Sehnsucht als vorgestrig. Schlimmer noch: Sie wurde verdächtigt, Zukunftsangst oder Unzufriedenheit auszulösen. Heute heißt es: Erinnerungen an Schönes von früher lassen einem warm ums Herz werden – man ist bei sich.

Das Langzeitgedächtnis kann Emotionen auslösen, wenn es mehrere Sinne – also Sehen, Hören, Fühlen, manchmal sogar Geruch – kombiniert. So erinnert „Let it be“ von John Lennon an den ersten Kuss; mit dem Duft von Kiefernadeln geht’s zurück in den Urlaub nach Frankreich. Das sei sogar biologisch messbar: Das Gehirn schüttet Glückshormone aus, wenn wir uns erinnern, und das Hormon Oxytocin spendet Wärme.

Text: Dr. Hergen Riedel