
Fotos: privat
Zwei Stoffmäuse und ein Coladosen-Ring:
S ie haben sich per Videotext kennengelernt. Sender HH1, Kleinanzeigenrubrik, Sommer 2000: „Molliger Er, 38, sucht ebenfalls mollige Sie, Nichtraucherin, gerne mit Kind, Hund oder Katze.“ Annette liest die Anzeige, ruft an – eine 0190er-Nummer, wie man sie heute eher mit dubiosen Hotlines verbindet als mit der großen Liebe.
Es bleibt nicht bei einem Telefonat. Die beiden telefonieren sich durch halbe Abende, loten zwischen Neuenfelde, Finkenwerder und Rahlstedt eine neue Nähe aus. „Ich war schon von der Stimme her in dich verliebt“, habe er damals gesagt.
Als sie sich das erste Mal sehen, kommt er mit dem Roller, dann mit dem hvv weiter nach Wandsbek. Er steigt aus dem Bus, sie wartet schon. Sich in die Arme fallen statt Händedruck. In der Hand: zwei kleine Stoffmäuse, die sich umarmen. Sie stehen bis heute im Badezimmer.
Es folgt: Essen gehen, Eis hinterher, knapp vor Mitternacht erwischt er den Nachtbus. „Ich melde mich“, sagt er zum Abschied – und tut es auch. Am nächsten Tag erklärt er seinen Eltern: „Ich habe die Frau meines Lebens kennengelernt. Die heirate ich.“
Für Annette ist es keine Liebe auf den ersten Blick. Sie ist 32, vorsichtig – aber sie vermisst ihn, wenn er nicht da ist. Sieben Wochen nach dem ersten Date macht Andreas ihr einen Antrag – zunächst mit einem Ring aus einer Coladose, später mit Kerzen, Rosen und Musik im gemeinsamen Schlafzimmer.
„Meine geliebte Sonne, du bist die wunderschönste und wundervollste Frau. Möchtest du meine Frau Bracker werden?“
Am 8. September 2000 sagt sie Ja. Am 14. Juni 2002 wird in Hamburg-Wandsbek geheiratet – klein, mit 14 Gästen, Umtrunk und Schnittchen in der Wohnung, Essen im Rahlstedter Restaurant.
Die Zahlenspiele – 8.6. und 6.11. als Geburtstage, Hausnummer 14, Andreas und Annette jeweils sieben Buchstaben – sind eine hübsche Randnotiz. Beide verlieren in den kommenden Jahren alle vier Elternteile. Zwei Jahre nach der Hochzeit stirbt Andreas’ Mutter, er rutscht in eine Depression.
„Er hat mir acht dieser Ehejahre genommen“, sagt Annette – ohne Bitterkeit, eher als Protokoll.
Die schwersten Jahre überhaupt: Stimmungsschwankungen, die Angst, dass es eskaliert. Sie ist kurz davor zu gehen, beginnt ein Abnehmprogramm – von 164 auf 98 Kilo, ihr Ziel: 82. „Dann habe ich mich halbiert“, sagt sie. Geblieben ist sie trotzdem.
Heute lebt das Paar in Rahlstedt – in getrennten Schlafzimmern, aber mit festen Ritualen. Niemals unversöhnt schlafen gehen. Nie ohne Abschiedskuss aus dem Haus. Dreimal am Tag in den Arm nehmen, „weil es unserer Seele guttut“. Über alles reden, offen und ehrlich – und vor allem: sich Freiräume lassen.
Sie ist nicht nur Ehefrau, sondern Freundin – mit eigenem Freundinnen-Netzwerk. Er ist technikbegeistert, verbringt Zeit mit seinem Kollegen. Eifersucht ist kein Thema.
Text: Corinna Chateaubourg
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