Haben Sie Lust auf ein bisschen Nervenkitzel? Dann sind Sie hier genau richtig ... Das SeMa veröffentlicht hier noch einmal die letzten 12 Krimiserien der Schaltungen vom letzten Jahr. Geniesen Sie beim lesen Ihre wohlige Ruhe und Ihren Frieden, denn die Menschen in diesen wahren Geschichten hatten es nicht.
In Erinnerung an all jene Leben.
Geschrieben von Volker Stahl © SeMa
Die Kunst endete mit Mord. Die „Maskentänzer“ Lavinia Schulz und Walter Holdt starben im Elend!
Die Maske „Technik“, Lavinia Schulz als Engel und ihre Tanzschrift „Vier Sätze der toten Frau“.
Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
Ihre Auftritte erregten Aufsehen, brachten aber nichts ein. Weil sie es so wollten. Sie lebten für ihre Kunst, aber nicht von ihr. „Man kann Geistiges nicht für Geld verkaufen“, schrieb Lavinia Schulz. „Geist und Geld sind zwei feindliche Pole, und wenn man Geistiges für Geld verkauft, so hat man den Geist an das Geld verkauft und den Geist verloren.“ Weil der Geist nicht die Miete zahlte, nähte Lavinia Kleider. Walter half im Geschäft seines Vaters aus und trat als Schlagzeuger mit einer Jazzband auf.
Aus heutiger Sicht befremdlich liest sich „Vier Sätze der Toten Frau“, eine „Tanzschrift“ von 1921, in der Lavinia ein eigenes Notationssystem für ihre Bewegungen entwickelte: „Wir sind Menschen arischer Rasse. Wir sind uns über unsere Rasse klar. Unser geistiges Urbuch ist die Edda. […] Ich bin typisch deutsch, und deutsch im Sinne von ‚arisch‘ ist ganz aus der Mode gekommen. Kein Volk der Erde hat seine geistige Eigenart so verloren wie das deutsche Volk!“
1921 nahm das Paar einen Untermieter auf, den Pianisten und Komponisten Hans Heinz Stuckenschmidt, der sich später als Wissenschaftler und Kritiker einen Namen machte. Er steuerte Musik zu ihren Tanzdarbietungen bei. Ihrer Armut zum Trotz heirateten Lavinia und Walter am 30. August 1921. Als im Sommer 1923 der Sohn Hans Heinz geboren wurde, zog der Namenspate aus. Der befreundete Maler Emil Nolde übernahm einen Teil der Miete.
Ihre Misere dauerte fort, sie hungerten. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Lavinia zu Stuckenschmidt gesagt: „Entbehrung, Hunger, Kälte, nordische Landschaft mit Sturm, Eis und Katas-trophen: Das sei ihre Welt, und darin habe sie sich mit Holdt gefunden.“ Walter verfiel in Depression, Lavinia wurde paranoid.
Morgens um sieben, am 18. Juni 1924, hielt Lavinia dem schlafenden Walter eine Schusswaffe an den Kopf und drückte zwei Mal ab. Dann lief sie zu den Nachbarn, rief, sie habe ihren Mann getötet und werde sich selbst umbringen, kehrte in die Wohnung zurück und schoss sich selbst in den Kopf. „Frau Holdt wurde in bedenklichem Zustand ins Krankenhaus St. Georg gebracht“, meldete eine Zeitung. Sie starb am nächsten Tag. Ihr Sohn lag unversehrt neben dem toten Vater.
Einen Abschiedsbrief gab es nicht. Gegen einen „Doppelselbstmord aus Not“, einen verabredeten Freitod, spricht, dass Walter schlief, als er getötet wurde. Damit erfüllt Lavinias Tat das Mordmerkmal der Heimtücke, und sie beging also auch keinen Totschlag, wie es zuweilen heißt.
Nach einer Gedenkveranstaltung 1925 im Museum für Kunst und Gewerbe wurden die Masken auf dem Dachboden verstaut und vergessen. Erst 1988 entdeckte man sie wieder. Seit einer Sonderausstellung 1997 werden zehn von ihnen dauerhaft präsentiert. Am Besenbinderhof erinnert eine Tafel an Lavinia Schulz. Sie ist die einzige Mörderin, der in Hamburg auf diese Weise gedacht wird.
Volker Stahl © SeMa
Auf dem Dachboden des Museums für Kunst und Gewerbe wurden die Ganzkörpermasken von Schulz und Holdt 1988 entdeckt.
Foto © stahlpress Medienbüro
Bei einer Probe der „Kampfbühne“ kam es zu echten Tätlichkeiten. „Beide wälzten sich auf dem Boden, und schließlich wurde Lavinia von Walter an den Haaren durch die Aula geschleift.“ So erinnerte sich 45 Jahre später in seiner Autobiografie der Theaterleiter Lothar Schreyer. Lavinia Schulz und Walter Holdt waren ein Liebespaar. Die authentische Szene auf der Bühne erscheint im Nachhinein wie ein Vorspiel zum Ende ihrer Beziehung.
Die am 23. Juni 1896 in der Lausitz geborene Lavinia Schulz ging mit 16 Jahren nach Berlin, um Grafik zu studieren. Sie lernte Herwarth Walden kennen, den Ehemann der Dichterin Else Lasker-Schüler, der in der Zeitschrift „Sturm“ und auf der „Sturmbühne“ den Expressionismus in Kunst und Literatur propagierte. Lavinia wurde Tänzerin. Mit Lothar Schreyer, der als Dramaturg am Hamburger Schauspielhaus gearbeitet hatte, kam sie an die Elbe.
Lavinia schrieb über sich: „Seit dem 17. Jahr empfinde ich mein Leben nur wie ein Fegefeuer, wann werde ich durch sein?“ Schreyer nannte den Umgang mit ihr eine „harte Nervenprobe“. Sie stellte wilde Gefühle nicht nur dar, sie lebte den Expressionismus. Bei der „Kampfbühne“ begegnete sie im Herbst 1919 dem am 20. Dezember 1899 geborenen Kaufmannssohn Walter Holdt. Sie küssten und sie schlugen sich.
Ihre „exzentrischen Ausbrüche“ führten zum Zerwürfnis mit Schreyer. 1920 machten sie sich als „Maskentänzer“ selbstständig: So stand es auf einem Briefkopf. Ihre Adresse war Besenbinderhof 5, Parterre: ein Zimmer, Toilette im Treppenhaus, kein warmes Wasser. Sie schliefen in Hängematten. Dort stellten sie die „Ganzkörpermasken“ her, in denen sie auftraten. Die grotesken Gebilde aus Sackleinen und Pappmaché, die mit Gips, Draht und Teer verbunden waren, manche über 40 Kilo schwer, trugen Namen wie „Skirnir“, „Toboggan“ oder „Kipplefips“. Auf dem Kopf von „Technik“ war ein Modell der Elbbrücken, das sich bei jedem Schritt hin- und herbewegte.
Sein Geschäft war die Haardiagnose! Der Betrüger profitierte von einer „Vertrauenskrise zur ärztlichen Wissenschaft“.
Im gelben Haus (links) in der Brüderstraße eröffnete Ernst Buchholz seine erste Praxis in Hamburg.
Foto © stahlpress Medienbüro
„Die Dummen werden nicht alle“ hieß ein Stück, mit dem 1894 ein Hamburger Theater den Rummel in Radbruch bei Winsen an der Luhe auf die Schippe nahm. Sonderzüge hielten im Dorf, die internationale Presse berichtete. Der Schäfer Heinrich Ast betätigte sich als Wunderheiler. Indem er die Nackenhaare seiner Kunden mit einer Lupe studierte, fand er angeblich heraus, woran sie litten.
Dann gab er ihnen den nach einem Geheimrezept seiner Ahnen hergestellten „Jerusalembalsam“, den er vom Apotheker in Winsen bezog. Bezahlung forderte er nicht, ließ sich jedoch beschenken. Seine jährlichen Einnahmen beliefen sich auf 120.000 Reichsmark, damit war er nach heutigen Maßstäben Millionär. Also tat ihm die Geldstrafe, zu der er 1895 verurteilt wurde, nicht weh. Er hatte sich strafbar gemacht, weil er seine Tinktur selbst verteilte. Künftig schickte er die Gläubigen zum Apotheker, dessen Vermögen bald derart anwuchs, dass er sich ein neues Haus in der Winsener Innenstadt bauen konnte.
Der durchschlagende Erfolg der Haardiagnose machte Schule. Einer, der seine „Heilkunst“ vom Schäfer Ast selbst erlernt haben wollte, war der Onkel von Ernst Julius Buchholz. Er gab sein Wissen an seinen am 5. August 1897 in Warstade im heutigen Kreis Cuxhaven geborenen Neffen weiter.
Zwei Jahre nach dem Tod von Heinrich Ast 1921 eröffnete Ernst Buchholz eine Praxis für Haardiagnose in Hamburg. Um nicht wie der Meister mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, verwies er für Medikamente an die Apotheke und forderte kein Honorar. Die Kundschaft entlohnte ihn jedoch freiwillig reichlich.
Mit einer Lupe las Ernst Buchholz aus den Nackenhaaren seiner Klienten ihre Krankheiten. Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
Der Freispruch wirkte zunächst wie eine Reklame für Buchholz. Aber die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein, und ein erneuter Prozess wurde anberaumt. Diesmal ging das Gericht der Frage nach, ob es überhaupt möglich sei, aus den Haaren auf Krankheiten zu schließen. Im November 1927 begutachtete Buchholz im Krankenhaus St. Georg zwei Stunden lang die Nackenhaare von 63 Menschen, über deren Gesundheitszustand die Ärzte sich einig waren.
Er erkannte weder eine Schwangerschaft im fünften Monat noch eine Syphilis im Endstadium. „Unterleibsleiden“ stellte er fest, wo die Mediziner einen „schweren Nabelbruch“ behandelten. Statt eines Herzklappenfehlers fand er eine „Lungenverschleimung“. Keine einzige seiner Diagnosen stimmte mit dem ärztlichen Befund überein.
Sein Mandant und die Ärzteschaft sprächen eben zwei verschiedene Sprachen, argumentierte sein Verteidiger. Doch dem Gericht reichte es. Der Angeklagte verstünde nichts von Anatomie oder Physiologie und habe keinen Schimmer der Kenntnisse, „derer er sich rühmt“. Überhaupt benütze er „nur eine einfache Lupe mit ganz schwacher Vergrößerung“.
Die Geldstrafe von 30.000 Mark hätte Buchholz verschmerzen können. Aber die Zeitungsartikel über den Prozess ruinierten seinen Ruf. Er verlegte sein Geschäft nach Berlin. Zur Absicherung gegen weitere Klagen nahm er sich einen Arzt als Kompagnon.
Volker Stahl © SeMa
Bis zu 400 Menschen standen vor der Praxis des Haardiagnostikers in der Danziger Straße an.
Foto © stahlpress Medienbüro
Nach einem bescheidenen Anfang in der Brüderstraße beim Großneumarkt verlegte er sein Geschäft nach St. Georg in die Danziger Straße. Täglich fertigte er bis zu 400 Menschen ab. Ein paar Straßen von seiner Praxis entfernt in der Gurlittstraße erwarb er ein Wohnhaus.
Mit der Zahl der Diagnosen häuften sich auch die Klagen. Und anders als beim Original nahmen Polizei und Justiz den Haardiagnostiker unter die Lupe. Im September 1924 wurde Buchholz von einem Oberarzt der Universitätsklinik Eppendorf getestet. Vier Mal legte dieser ihm die Haare einer an Lungentuberkulose gestorbenen Frau vor, vier Mal gab Buchholz falsche Einschätzungen ab. Ein paar Monate später stand er wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht, weil eine von ihm verordnete Salbe eine Geschwulst erzeugt hatte. Er wurde mit einer Geldstrafe von 2000 Mark belegt.
Im Herbst 1926 stand Buchholz wegen Betrugs vor Gericht. Ein „bauernschlauer Kopf mit wohlhabenden Falten in Kinn und Nacken“ spottete ein Reporter über den Wunderdoktor. Als Zeugen geladene Kunden stimmten Lobeshymnen auf ihn an. Sein Erfolg gäbe ihm Recht, befand das Gericht. Weil infolge einer „Vertrauenskrise zur ärztlichen Wissenschaft“ Tausende ihm zuliefen, könne er selbst „zu dem Glauben kommen, er verfüge über die von ihm behaupteten Fähigkeiten“. Eine „bewusste Böswilligkeit“ sei nicht festzustellen.
Um 14.35 Uhr waren beide Köpfe gefallen. 1949 wurde zum letzten Mal in Hamburg die Todesstrafe vollstreckt.
Die Hinrichtungen fanden im Hof des Untersuchungsgefängnisses am Holstenglacis statt.
Foto © stahlpress Medienbüro
Aber Amelung erzählte seiner Freundin von der Bluttat, und sie verriet ihn an die Polizei. Ein britisches Militärgericht machte ihm und Steinhauer im Dezember 1948 den Prozess. Mit auf der Anklagebank saß Marie Mohr. Weil Nikolitsch sie ständig verprügelt habe, solle sie zu dem Mord angestiftet haben, behauptete Steinhauer. Am 5. Februar 1949 wurden zunächst alle drei zum Tode verurteilt, aber die Berufsinstanz sprach die Frau frei.
Am 9. Mai 1949 bestiegen Steinhauer und Amelung nacheinander das Schafott. Der Verurteilte wurde auf ein senkrecht stehendes Brett geschnallt. Ein Holz mit halbmondförmigem Ausschnitt, die Lunette, umschloss den Nacken. Das Brett kippte, der Delinquent rutschte nach vorn. Der Scharfrichter löste die Hebel, das Messer sauste herab, ein dumpfer Schlag – um 14.35 Uhr war es vorbei.
Als Scharfrichter fungierte Friedrich Hehr, der 1925 als Henkersgehilfe begonnen hatte. Seit 1937 war er hauptverantwortlich für die Hinrichtungen in Hamburg, Hannover und Köln. Mindestens 700 Menschen beförderte er vom Leben zum Tod. Er war bereits 66 Jahre alt, als die alliierten Behörden sich seiner Dienste versicherten. Er wurde 1946 für das neue Bundesland Niedersachsen engagiert, ab 1947 richtete er auch in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Hehr verschied 1952 friedlich mit 72 Jahren.
Hinweis: Mit dieser Folge endet unsere Krimiserie. Ab dem nächsten Heft startet die neue Reihe „Geschichten aus der Hamburger Geschichte“.
Volker Stahl © SeMa
Hinweis: Mit dieser Folge endet unsere Krimiserie. Ab dem nächsten Heft startet die neue Reihe „Geschichten aus der Hamburger Geschichte“.
In einer Wohnung in der Isestraße trafen die Mörder ihr Opfer. Foto © stahlpress Medienbüro
Noch gehört die Todesstrafe in 56 Ländern zum Rechtssystem. „Weder im Herzen des Einzelnen noch in den Sitten der Gesellschaft wird es einen dauerhaften Frieden geben, solange der Tod nicht aus den Gesetzen verbannt ist“, schrieb der Literaturnobelpreisträger Albert Camus 1957 in einem berühmten Essay über die Guillotine. Mit dem Grundgesetz wurde die Todesstrafe am 23. Mai 1949 auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland abgeschafft. In der DDR dauerte das bis 1987; noch 1981 wurde das letzte Todesurteil vollstreckt.
Eine genaue Zahl derer, die in Hamburg von Rechts wegen getötet wurden, ist nicht bekannt. Geschätzt kam es weit mehr als 1.000 Mal vor. Von 1444 bis 1581 wurden 40 Frauen wegen Hexerei und Zauberei auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert verloren mehr als 400 Seeräuber auf dem Grasbrook im Hafen ihr Leben.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts waren Hinrichtungen keine öffentlichen Spektakel mehr. Sie wurden zu Verwaltungsakten und im Geheimen vollzogen. Einen Tod, der für alle gleich war und nur einen Augenblick dauerte, gewährleistete die Enthauptungsmaschine, das Fallbeil, die Guillotine.
Das Opfer, seine Geliebte und seine Mörder sowie der „Tatort“, das Auto, und das Fallbeil, mit dem die Geschichte endete.
Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
Während der Weimarer Republik wurden in Hamburg keine Todesurteile verhängt. Das änderte sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Sie vermehrten die Straftatbestände, für die der Tod als Buße vorgesehen war. Von 1934 bis 1936 wurde die seit 1850 übliche Exekution mit dem Fallbeil durch das Handbeil ersetzt – weil die Guillotine an die Französische Revolution erinnerte und als Erbe der napoleonischen Herrschaft galt. Zwischen 400 und 500 Menschen starben im Hof des Untersuchungsgefängnisses am Holsten- glacis, die letzte Hinrichtung in der Zeit des Nationalsozialismus wurde vermutlich am 23. April 1945 vollzogen: gesühnt werden sollte der Diebstahl von Feldpost.
Während der folgenden britischen Besatzungsherrschaft starben noch 18 Menschen unter dem Fallbeil. Die letzten Verbrecher, die in Hamburg gehenkt wurden, hießen Peter Steinhauer und Robert Amelung. Der 37-jährige Steinhauer war Direktor einer chemischen Fabrik gewesen und wohnte nach Kriegsende komfortabel in Timmerhorn bei Ahrensburg. In Hamburg, wo inmitten von Trümmern gelebt und gehungert wurde, betätigte er sich als Schieber.
Zu seinen Geschäftskontakten gehörte der serbische Journalist Peter Nikolitsch. Der 34-Jährige konnte sich in einem Auto der US-Armee ungehindert zwischen den Besatzungszonen bewegen, um die begehrten Waren für den Schwarzmarkt zu organisieren und zu schmuggeln: Zigaretten vor allem, Alkohol und Medikamente. Nikolitsch wurde im Suff gewalttätig und drohte dann seinem Kumpan Steinhauer, ihn zu verpfeifen. Als er schließlich Steinhauers Frau Avancen machte, plante dieser seine Ermordung.
Zur Mithilfe erpresste Steinhauer den 27-jährigen Schmied Robert Amelung, der bei ihm mit 10.000 Reichsmark in der Kreide stand. Am 30. Oktober 1947 trafen sich die drei zu einem Saufgelage in der Wohnung von Nikolitschs Geliebter, der 40-jährigen Marie Mohr, in der Isestraße. In der Nacht stiegen sie in Nikolitschs Auto, das sein Besitzer steuerte.
An der Bebelallee, nördlich des Stadtparks, ließ Steinhauer anhalten. Vom Rücksitz aus schlug Amelung Nikolitsch mit einem Gummihammer den Schädel ein. Dann fuhren die Mörder zur Alster und versenkten die mit Ziegelsteinen beschwerte Leiche.
Die verfluchte Pistole! Mutter und Sohn starben durch Schüsse aus derselben Waffe
Der Prozess gegen David Strasser fand im Harburger Rathaus von 1889 statt. Foto: stahlpress
Anfangs sah alles nach einem Routinefall aus. Das Krankenhaus informierte die Polizei über eine Schusswunde: ein häuslicher Unfall in der Harburger Innenstadt. Ein Hinweis in der Aussage des Dienstmädchens blieb zunächst unbeachtet. Als sie den Verletzten sah, fragte sie den Hausherrn, was passiert sei. „Die verfluchte Pistole“, antwortete der 49-jährige David Strasser.
Während sein 16-jähriger Sohn Kurt operiert wurde, befragte Kommissar Max Girbig, 46 Jahre alt, den Vater. Kurt sollte eine Heizsonne aus der Abstellkammer holen, erklärte David Strasser. Dabei habe er die danebenliegende Pistole heruntergerissen, und die sei losgegangen. Kurz noch konnte Kommissar Girbig mit Kurt sprechen. Er habe nach der Heizsonne gegriffen, sagte er, dann sei der Schuss gefallen. Mehr konnte er nicht mehr sagen. Er starb noch am selben Tag, dem 30. Oktober 1926.
Unfall also. Der zweite Sohn, der 14-jährige Egon, wurde gar nicht vernommen. Doch dann las Kommissar Girbig das Protokoll eines anderen Unfalls im Hause Strasser, bei dem die Mutter umkam. Als Hilda ihm die Pistole reichen wollte, habe sich der tödliche Schuss gelöst, erzählte David Strasser damals. Nachbarn und die Polizei glaubten an Suizid und beließen es dabei. Die Pistole war dieselbe Mauser, die 20 Monate später den Sohn tötete. Kommissar Girbig glaubte nicht an einen Fluch. David Strasser war ein seltsamer Mensch. Einen Schwätzer, einen „fabelhaften Fantasten“ nannten ihn Bekannte. Exzentrisch, vielleicht etwas irre? Aber mordet ein Wahnsinniger mit Vorbedacht im Abstand von fast zwei Jahren, indem er einen Unfall fingiert?
Kommissar Girbig entdeckte ein vertrautes Motiv: David Strasser hatte Lebensversicherungen für Ehefrau und Sohn abgeschlossen. Bei Unfall wurde das Doppelte fällig. Strassers Schuhgeschäft war pleite, und er war die Wohnungsmiete schuldig. Unlängst hatte er 1800 Mark von der Versicherung kassiert: für einen Brand, den ein heruntergefallenes Feuerzeug ausgelöst haben sollte. Und: Noch am Todestag des Sohnes benachrichtigte der Vater telegrafisch die Versicherung von seinem Verlust.
Einen Haken hatte Kommissar Girbigs Theorie: Begünstigter beim Tod von Kurt war Egon. War etwa ein dritter Unfall geplant? Sachliche Beweismittel fehlten. Auch durch das Unvermögen der Polizei. Eine zweite Pistole kam erst nach Wochen durch einen Hinweis von Egon am Tatort, in der Abstellkammer, zum Vorschein. Ein Büchsenmacher experimentierte mit der Pistole nach Strassers Angaben: eingewickelt in einen alten Schal in einer Damentasche. Beim bloßen Herunterfallen hätte sie sich nie selbst entladen. „Jude – Pole“ klebt auf dem Deckel der Strafakte Strasser im Archiv. Pole ist durchgestrichen. David Strasser war Ungar, lebte seit 26 Jahren in Deutschland. Ein sonderbarer Mensch, aber ein liebevoller Vater, wie alle bestätigten. Am Freitod der Mutter hatte bisher niemand gezweifelt. Hatte sie sich vielleicht sogar für die Familie geopfert? David Strasser wurde verhaftet. Aber er gestand nicht.
Die Mauserpistole und der Tatort Abstellkammer nach einem Polizeifoto, der Wallgraben in Harburg und der Grabstein der Mordopfer. Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress
Egon war bei Verwandten der Mutter in Worms untergebracht. Kommissar Girbig forschte das Vorleben des Vaters aus und besuchte den Sohn. Bei einem Spaziergang sagte ihm Egon, er denke, „dass sein Vater das selbst gemacht habe“, notierte Girbig. Weil ein Ortstermin vorgesehen war, fand der Prozess gegen Strasser im Sommer 1927 nicht vor dem zuständigen Gericht in Stade, sondern im Harburger Rathaus statt. Egons Aussage war der Schlüsselmoment. „Du brauchst aber nichts davon zu sagen, dass ich schon in der Kammer war“, sollte der Vater ihn beschworen haben, als Egon den Bruder blutend am Boden liegen sah.
„Die 200 Menschen im Saal atmeten nicht“, schrieb Paul Schlesinger, der damals berühmteste Gerichtsreporter, der aus Berlin angereist war, „das Schicksal rauschte mit schweren Flügelschlägen.“ Tatsächlich erinnerte sich Egon erst sehr spät an diesen verhängnisvollen Satz. Er schrieb ihn auf eine Postkarte aus Worms an Kommissar Girbig, nachdem dieser sein Vertrauen gewonnen hatte.
Als Indiz für die Ermordung der Ehefrau diente der Mord am Sohn. David Strasser wurde zum Tode verurteilt. „Trotzdem wird die Vollstreckung nicht empfohlen, weil es sich um einen Indizienbeweis handelt, der, so schlüssig und lückenlos er an sich auch sein mag, doch menschlichen Irrtümern unterliegt“, fand das Gericht. „Dann hätte es eben die Schuldfrage verneinen müssen“, kommentierte Paul Schlesinger.
Eine Hinrichtung ist nicht dokumentiert. In der archivierten Akte fehlen aber auch obligatorische Daten zur Haft. David Strasser verschwindet plötzlich aus dem Blick der Behörde und aus der Geschichte.
Volker Stahl © SeMa
Der dichtende Raubmörder. Sechs Jahre lang beschäftigte Ernst Hannack Polizei und Justiz.
Seine Einbruchswerkzeuge
deponierte Hannack in der
Gepäckausgabe des Bahnhofs Sternschanze.
Foto © stahlpress Medienbüro
„Sie ist eben ein Kind mit guten Augen und liebender Seele. Sie weiß von nichts, sie folgt einem inneren Trieb, sie folgt mir bis ans Ende der Welt. Und dieses Leben, was ich so ganz lebe, ist mein Leben, ohne dieses Leben wäre ich nicht mehr.“ Das schrieb Ernst Hannack über Anny Henze. Die Zeilen waren an den Staatsanwalt gerichtet, der ihn als Raubmörder und Anny als seine Komplizin im Visier hatte. Hannacks Geschichte ist eine blutige Ballade von Liebe, Poesie und Tod.
Das Ende vom Lied begann im April 1928. In Annys Wohnung in Altona wurden sieben Koffer mit Beute aus Ernsts Einbrüchen beschlagnahmt. Die 24-Jährige war verheiratet, nannte den drei Jahre älteren Hannack aber ihren „Verlobten“.
Sein Gewerbe war ziemlich armselig. Er stahl vor allem Wäsche, seltener goldene Ringe oder ein Perlmutt-Opernglas. Ein großes Ding und weg aus Hamburg, träumte er. Die Schiffspassage war schon gebucht; Hannacks Mutter lebte in Südamerika.
Der Staatsanwalt machte Anny ein Angebot: Sie würde entlassen, wenn sie verspreche, Hannack zu verpfeifen. In einem abgefangenen Brief an ihre Familie schrieb sie: „Wenn ich wählen sollte, ich könnte es nicht, denn ist das eine Wahl? Ernst wird eingesteckt, dann bin ich frei! O Gott, wie bitter!“
Anny willigte zum Schein ein. Unmittelbar nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft traf sie Hannack am Bahnhof Sternschanze, wo sein Einbruchswerkzeug in der Gepäckabgabe deponiert war, und tauchte mit ihm unter. Hannacks großer Coup sollte sein, was die Zeitungen ein „Bravourstück“ nannten, ein Bankraub. Der erste Versuch in Winterhude scheiterte. Hannack und sein Kumpan, der 26-jährige Ernst Külsen, hauten ohne Beute ab. Am 27. Juni 1928 sackten sie bei der Bank in Barmbek-Nord 4500 Mark ein, ließen aber einen Haufen Scheine liegen. Und beim Weglaufen erschoss Hannack den 49-jährigen Angestellten August Bienwald.
Am 27. Juni 1928 erschoss Ernst Hannack bei einem Überfall in Barmbek einen Bankangestellten.
Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
Auf der Flucht hielt sich das Trio mit Einbrüchen über Wasser. Hannack und Külsen plünderten Wohnungen und Geschäfte, Anny versetzte die Sore im Pfandhaus. Nachdem sie eine Konfiserie ausgeraubt hatten, lebten sie eine Woche lang von Schokolade.
Zunächst waren sie in Berlin, dann sonnten sie sich am Strand von Rügen, bis das Geld alle war, und kehrten zurück nach Berlin. Weiter ging es nach Halle, Leipzig, München, Nürnberg, Stuttgart, Dresden, Düsseldorf, Köln, Frankfurt am Main: 99 Straftaten wurden ihnen nachgewiesen. Von unterwegs sandte Hannack Briefe an den Staatsanwalt: „Furcht- barer Hass umkrallte meine Seele.“
Im Herbst zurück in Hamburg begingen sie 62 Einbrüche. Die falschen Pässe, mit denen sie sich nach Montevideo absetzen wollten, brachte die Polizei auf ihre Spur: Am 9. Dezember 1928 wurden sie in einem Hotel in Amsterdam verhaftet.
„Ich will mich ganz und gar der Poesie widmen“, teilte Hannack dem Staatsanwalt mit. „Der Tag des Gerichts wird entschieden durch das Erdenlebenführungspfand, das aus der Radioregistratur wird zu Gott gesandt.“ Zum Dichten gab das Gericht ihm 15 Jahre Muße. Külsen bekam zwölf Jahre, Anny 15 Monate.
Über die Dächer an der Budapester Straße entfloh Hannack der Polizei.
Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
Poesie genügte ihm doch nicht. Im Dezember 1932 entwich Hannack aus dem Zuchthaus Rendsburg. Drei Monate später wurde er in Hamburg erwischt. Um zu essen, ließ er sich auf der Polizeiwache die Handschellen abnehmen, schlug einen Beamten nieder und hechtete aus einem Fenster im ersten Stockwerk. Am 28. März 1933 wurde er auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg erkannt und zog zwei Revolver. Er verschwand in einem Haus an der Budapester Straße und entkam über die Dächer.
Im Sommer schloss er sich der Bande von Adolf Petersen an. Der 51-jährige „König der Einbrecher“ und „Lord von Barmbeck“ hätte eigentlich einsitzen müssen, hatte aber vermutlich einen Deal mit der Justiz. Am 24. Oktober war Hannack um 17 Uhr mit dem „Lord“ bei der Kirche am Mittelweg verabredet. Der Platz war von Polizei umstellt. Hannack roch die Falle, floh schießend und entkam in den Gassen von Pöseldorf. Petersen wurde am Arm verletzt.
„Hannack-Hysterie“ erfasste Hamburg. Überall wurde der Desperado gesichtet. Am 26. Oktober im Bahnhof Bergedorf war er es wirklich. Um sich feuernd rannte er in den Schlosspark. Trotz Streifschuss am Kopf und einer Kugel in der Schulter gab er erst auf, nachdem er direkt vor die Polizeiwache gelaufen war. Auch Adolf Petersen kam in Haft – und erhängte sich in der Zelle.
„Hülle dich in Tand nur und spiele diesen furchtbaren Roman zu Ende, bis alles vorbei“, dichtete Hannack. Nach einem neuen Gesetz der Nationalsozialisten waren seine Schüsse auf Polizisten todeswürdig, auch wenn er keinen getötet hatte. Am 3. März 1934 setzte das Fallbeil den Schlusspunkt unter seine Schauergeschichte.
Volker Stahl © SeMa
Wahre Verbrechen aus dem Hamburg des 20. Jahrhunderts
Der als Betrüger vorbestrafte Fridolin Becker wurde 1939 als Totschläger verurteilt.
Zeichnung: Uwe Ruprecht
Elses Bruder Karl begab sich aus dem Mecklenburgischen nach Hamburg, um eigene Nachforschungen anzustellen. Er folgte den Spuren Beckers, die ihn in diverse Gastwirtschaften führten. In einer Kneipe am Mittelweg, erfuhr er, habe Becker sich drei Mark geliehen, um seine Braut besuchen zu können – an eben dem Sonntag, als Else verschwand und Becker sie nicht gesehen haben wollte. Seinen Saufkumpanen erzählte Becker auch, er glaube, Else sei ins Wasser gegangen. Mit einem Kameraden von der Sturm-Abteilung der NSDAP tauchte Karl Kleist an Beckers Arbeitsplatz in einer Spedition auf und stellte ihn zur Rede. Aber Becker hatte auf alles eine Antwort. Auch die Polizei, der Karl seine Ermittlungen vortrug, konnte nichts ausrichten.
Am 1. November meldete Hauptwachtmeister Lohmann den Kollegen von der Kripo, dass aus seinem Schrebergarten in der Nähe der Reemtsma-Villa ein Spaten abhandengekommen sei. „Es ist mir der Verdacht gekommen, dass die verschwundene Hausangestellte vielleicht mittels dieses Spatens beiseitegebracht worden ist.“ Doch eine Durchsuchung des Geländes erbrachte nichts.
Aber die Ahnung des Wachtmeisters hatte nicht getrogen. Am Morgen des 18. November machte sich ein anderer Laubenpieper, der 70-jährige Kupferschmied Wilhelm Schmanns, knapp 200 Meter von der Reemtsma-Villa entfernt an seinem Komposthaufen zu schaffen, als er im Boden auf Widerstand stieß. In einer 1,60 langen, 80 Zentimeter breiten und 50 Zentimeter tiefen Grube lag verkrümmt eine Leiche. Unweit auf einer Wiese fand sich der gestohlene Spaten.
In der Brandstwiete hatte Fridolin Becker zur Tatzeit ein Zimmer.
Foto © stahlpress
Medienbüro
Am 22. November machte die Polizei mit Becker einen „Lokalaugenscheinstermin“ am Fundort der Leiche. Kriminaldirektor Kleinschmidt, der die Untersuchung leitete, ließ Beckers Einlassungen stenografieren. Der Stenograf war außerdem angewiesen, Reaktionen des Beschuldigten zu registrieren. Man ging mit Becker aufs Geratewohl in die Schrebergartenkolonie. Plötzlich hielt Becker inne – vor der Tür zu genau der Laube, die der Leichengrube am nächsten war.
„Waren Sie schon einmal hier?“, fragte Kleinschmidt.
„Nein, ich bin hier noch nie gewesen.“
„Warum bleiben Sie hier denn stehen?“
„Weil Sie stehen bleiben. Ich weiß ja nicht, wo sie hinwollen. Ich dachte, Sie wollten zum Tatort.“
Becker hatte auf alles eine Antwort. Die Polizei rekonstruierte seine Tour durch die Kneipen am Tattag und prüfte, ob er die Zeit gehabt hätte, zwischen den bezeugten Aufenthalten mit der Straßenbahn nach Flottbek zu fahren, Else umzubringen, zu vergraben und rechtzeitig zurückzukehren.
Im Verhör wollte Kleinschmidt Becker den bei der Leiche gefundenen Geburtstagsgruß an ihn in die Hand drücken.
„Becker steht auf und nimmt abwehrende Haltung ein“, hielt das Protokoll fest. „Den Brief fasse ich nicht an“, sagte er.
„Fasse ich nicht an? Warum nicht?“, wollte Kleinschmidt wissen.
Becker „in Erregung“: „Der Brief geht mich nichts an. Ich nehme ihn auch nicht.“
Kleinschmidt: „Es ist doch auffallend, dass Sie den Brief nicht anfassen wollen.“
Becker „sträubt sich noch eine Weile“: „Na, ich kann ihn ja mal in die Hand nehmen.“
Er las ihn. „Eine Veränderung in der Miene des Becker war nicht zu bemerken“, vermerkte das Protokoll.
„Diesen Brief“, erklärte Becker, „sehe und lese ich jetzt zum ersten Mal. Ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen.“
Der Verdächtige bestritt, die Mordakte blieb offen. Die Beweise reichten nur für eine Anklage wegen Unterschlagung von Elses Geld und eine Verurteilung zu acht Monaten Haft.
Vier Jahre vergingen. Fridolin Becker wurde aus der Haft in Wolfenbüttel nach Hamburg geholt und erneut in Sachen Else Kleist vernommen. Er hatte gerade zwei Jahre abgesessen, weil er von einem anderen Dienstmädchen „geborgt“ hatte. Es stand an, dass er als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ und „Volksschädling“ ins Konzentrationslager überstellt würde. Ein neuer Prozess, eine Verurteilung wegen Totschlags, das Zuchthaus könnten ihn davor bewahren. In einer Pause des Verhörs am 10. August 1938 redete Kommissar Gottfried Faulhaber außerhalb des Protokolls mit Becker.
Das Opfer Else Kleist nach dem einzigen erhaltenen Foto von einem Maskenball.
Zeichnung:
Uwe Ruprecht
Ihren Traum von der Liebe bezahlte ein Dienstmädchen mit dem Leben
Am 16. Oktober 1934 wurde der Geschäftsführer der „Reemtsma Cigarettenfabriken“, der 39-jährige Alwin Reemtsma, bei der Polizei vorstellig, um eine Vermisstenanzeige zu erstatten. Seine Hausangestellte Else Kleist war abgängig. Am Sonntag, den 14. Oktober, hatte sie gegen 22 Uhr die Villa an der Flottbeker Chaussee verlassen. Abgemeldet hatte sie sich nicht, und sie galt als zuverlässig. Es musste etwas passiert sein.
Die Polizei notierte den Steckbrief der Verschwundenen: 27 Jahre alt, 1,60 bis 1,65 Meter klein, blond, braune Augen, Bubikopf; besonderes Kennzeichen: schlechter Gang durch Senkfuß sowie X-Beine. Wer könnte mehr über ihren Verbleib wissen? Reemtsma verwies auf Elses „Verhältnis“. Den Umgang seiner Dienstboten kannte er sonst nicht, aber Elses Freund hatte ihm einen Bettelbrief geschrieben.
„Durch meine Kriegsverletzung bin ich 1917 operiert worden, sodass ich stets arbeitslos wurde“, klagte Fridolin Becker. „Durch die fortwährenden Operationen in den letzten Jahren hatte ich finanziell schwer zu leiden, sodass ich ohne Wollen einige Schulden gemacht habe. Diese sind Miete- und Lebensmittelschulden, die ich als Ehrenverpflichtung ansehe.“ Er bat um ein „Darlehen“ von 100 Reichsmark, grüßte mit „Heil Hitler“ und unterzeichnete als „Schwer-Kriegsbeschädigter“.
Durch sein Sekretariat ließ der Fabrikant antworten: „Mit der Festigung der Macht der nationalen Regierung wird ohne Zweifel eine Gesundung und Besserung der Wirtschaftslage eintreten, durch die auch die materielle Lage eines jeden Einzelnen eine Erleichterung erfahren wird.“
„Sie war in letzter Zeit sehr bedrückt“, gab Becker bei seiner Befragung durch die Polizei am 23. Oktober an. Er war ein schmächtiger Mann, 1,74 Meter groß, mit „stark hervortretender Nase“ in einem blassen Gesicht. Er kleidete sich ganz in Schwarz, im Wintermantel mit Samtkragen und Melone auf dem Kopf. Er habe Else seit dem 13. Oktober nicht mehr gesehen, als er seinen 38. Geburtstag bei seiner Mutter in Poppenbüttel feierte. „Ich glaube nicht, dass sie Selbstmord verübt hat, vielmehr muss ich annehmen, dass sie sich verborgen hält.“ Warum Else sich verstecken sollte, konnte Becker nicht erklären.
In einem Schrebergarten wurde am 18. November 1934 die Leiche von Else Kleist gefunden.
Zeichnung: Uwe Ruprecht
Else Kleist war 1931 aus Gülzow nach Hamburg gekommen. Arbeitgeber und Kollegen stellten ihr das beste Zeugnis aus. Sie sei eine „treue Seele“, ruhig, ordentlich und fleißig. 1932 bediente sie beim Schriftsteller Hans Leip, dessen bekanntestes Werk der Text zum Welthit „Lili Marleen“ ist. Zu der Zeit schrieb sie für einen fernen Geliebten ein Tagebuch. „Wenn ich so nachdenke“, steht darin, „habe ich in der ganzen Zeit in Hamburg herzlich wenig von meinem Leben gehabt, nur Arbeit. Meine ganze schöne Jugend geht so dahin.“ Dem Adressaten, einem 30 Jahre älteren Handelsreisenden, war sie nur ein einziges Mal im Zug begegnet.
Arbeitgeber und Kollegen hatten sie vor ihrem „Fredy“ gewarnt. Er habe sie „schamlos ausgenutzt“. Sie lernte Fridolin Becker im Herbst 1933 kennen. Bei ihrer Stellung in Nienstedten stand er eines Tages an der Haustür. Betteln war strafbar, deshalb hatte er zur Tarnung als Vertreter eine Dose Bohnerwachs dabei. Er sei zu 60 Prozent kriegsbeschädigt, sagte er und klopfte mit dem Gehstock an sein steifes rechtes Bein. „Durch eine feindliche Kugel wurde ich getroffen und sank auf dem Felde der Ehre darnieder.“
„Sie haben sich dort regelrecht durchgegessen“, hielt die Polizei Becker vor.
„Nein. Ich habe nur drei oder vier Mal dort warm gegessen.“
„Warum lassen Sie sich von der Kleist Geld geben?“
„Nicht immer, aber meistens für Fahrgeld.“
Der Kerl sei ein Hochstapler, fand ihr Dienstherr in Nienstedten und stellte Else vor die Wahl: die Arbeit oder der Kerl. Die „treue Seele“ hielt zu ihrem Fredy, den sie einen „kleinen Lebemann“ nannte. Sie hatte sich vorgenommen, ihn zu bessern, vor allem vom Trunk zu heilen. Und sie bekam gleich eine neue Anstellung, die bei Reemtsma.
Der Bräutigam soff weiter, machte Schulden und „borgte“ sich von Else. Seine Kriegsversehrtenrente von 52 Reichsmark reichte vorne und hinten nicht. Else half ihm aus, obwohl sie selbst nur 65 Mark brutto monatlich verdiente. „Mein liebes kleines Elschen“, schrieb er ihr, „wir beide werden die Herrlichkeit des Lebens noch näher kennenlernen. Liebes Mäuschen, es wird auch für uns bald Sonnenschein sein.“
Der Stadtplan von 1928 zeigt das Reemtsma-Anwesen zwischen Parkstraße (heutige Adresse) und Flottbeker Chaussee (damalige Anschrift), auf dem sich die 1932 fertig gestellte Villa befand. Links davon bis zur Holztwiete lag die Schrebergartenkolonie, in der Else Kleist den Tod fand.
Foto © stahlpress Medienbüro
Dass Faulhaber sein Handwerk verstand, bewies er 1943, inzwischen Kriminalrat, als sein Kollege Heinrich Franz durch Deutschland tourte, um dem schwachsinnigen Bruno Lüdke aus Berlin 53 Morde anzuhängen. Faulhaber bezweifelte, dass Lüdke im Mai 1929 auf St. Pauli Mathilde Schlörke umgebracht hatte und meldete seine grundsätzlichen Bedenken am Vorgehen von Franz an das Reichskriminalpolizeiamt. Das stellte die Ermittlungen daraufhin ein. Der Mörder von Mathilde Schlörke gab sich 1952 selbst zu erkennen. Das hinderte eine Illustrierte 1956 nicht, Lüdke als „größten Massenmörder der deutschen Geschichte“ darzustellen. Unter dem gleichem Titel, „Nachts, wenn der Teufel kam“, erschien 1957 ein preisgekrönter Film.
Nach Faulhabers Zureden legte Fridolin Becker ein Geständnis ab. Er hatte Else am 14. Oktober 1934 gegen 22 Uhr auf der Straße vor der Villa Reemtsma getroffen. Sie küssten sich.
„Du hast getrunken!“, schimpfte sie mit ihm.
„Nur ein bisschen.“
„Und Geld willst du auch haben?“
„Nein.“
„Aber ich will was von meinem Geld wiedersehen!“
„Sie stampfte wiederholt, wie es überhaupt im Ärger ihre Gewohnheit war, mit dem Fuß auf den Boden“, beschrieb Becker die Szene.
Es regnete stark. Der Schirm, den Else dabei hatte, nützte nicht viel. Sie stellten sich in einer Schrebergartenlaube unter. Sie verlangte von ihm eine Liste seiner Schulden. Er ging ihr an den Hals. Nur mit den Händen, nicht mit dem Messer, beharrte Becker. Vielleicht, räumte er ein, hatte er sie am Hals verletzt, als er die Leiche mit dem Spaten in das zu kleine Loch in der Erde drückte.
Im Protokoll hieß es: „Becker bricht jetzt erneut in einen Strom Tränen aus und erklärt: ‚Sie war tot.‘“ Erst bei einem weiteren Termin am Tatort gab Becker zu, dass er, während er Else würgte, sein Klappmesser aus der Tasche gezogen und auf sie eingestochen hatte.
In der Untersuchungshaft verfasste Becker einen Lebenslauf, in dem er alle Schuld den Umständen gab, dem Krieg und Else selbst. Im siebten Kapitel, „Schluss-Bericht über Fräulein Else Kleist“, ging es in erster Linie um Geld. „Ich habe gern Bier getrunken, und vor allem sind mir die Weiber zum Verhängnis geworden.“ Die Autobiografie sei „ein Spiegelbild der auch sonst festgestellten heuchlerischen Scheinheiligkeit des Becker“, kommentierte ein Polizist die 60 Seiten.
Beim Prozess im Juli und August 1939 wurden 99 Zeugen und zwei Gutachter gehört. Becker sei ein „renommistischer, lügnerischer und gemütloser Geltungsbedürftiger“, stellte ein Psychiater fest: „Er hat immer etwas Theatralisches, Unechtes in seinem Gehabe und nimmt mal diese, mal jene Pose ein, wie sie die Situation erfordert.“ Als letzte Ausflucht widerrief Becker sein Geständnis: Die Polizei habe „hypnotischen Zwang und Suggestion“ angewendet. Er wurde für Totschlag zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Wie Faulhaber ihm in Aussicht gestellt hatte, musste Becker noch nicht ins KZ. Aber er wurde zum „Zuchthausbombenbergungskommando“ kommandiert, das nach Fliegerangriffen in Hamburg Blindgänger suchte. Im März 1941 wurde er dabei schwer verletzt und lag über ein Jahr im Lazarett. Am 5. Dezember 1942 gelangte er doch ins KZ, nach Mauthausen. Dort starb er am 7. Januar 1943. Als Todesursache wurde „Herzschlag“ angegeben.
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An ihrer Arbeitsstelle in der Villa der Familie Reemtsma wurde das Opfer Else Kleist zuletzt gesehen.
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Else starb durch einen Schnitt in den Hals, der die Luftröhre durchtrennte. In ihrem Mantel steckte ein Brief ihrer Familie: für Fredy, mit Geburtstagsgrüßen. Das Blatt war illustriert mit dem Bild eines Mädchens, das mit einer Schaufel im Sand gräbt. „Die ist ja mächtig zerhackt und zerschnitten!“, rief Becker aus, als er im Krankenhaus Altona an die Bahre mit der Leiche seiner Braut geführt wurde.
Er war wegen Betrugs, Bettelei und Exhibitionismus vorbestraft. Mehr als einmal hatten ihn die Verbindungen seines Vaters vor Schlimmerem bewahrt. Der 1933 verstorbene Pastor Erwin Becker hatte im Reichsernährungsministerium gearbeitet. In Bettelbriefen wie dem an Reemtsma berief sich der Sohn auf ihn. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in der Brandstwiete sammelte die Polizei etliche davon ein, die er auf Vorrat produziert hatte.
Ein Freund des Vaters, Carl Vincent Krogmann, seit März 1933 Hamburgs Erster Bürgermeister, verschaffte Fridolin Becker seine aktuelle Arbeit als Kontorgehilfe in einer Spedition. Er hatte schon viele Arbeitsplätze – so lange, bis die Vorschüsse auf den Lohn verbraucht waren oder er in die Portokasse gegriffen hatte. Wohnsitze hatte er noch mehr: 65 Meldeadressen in zwölf Jahren Hamburg – meist ohne die Miete zu zahlen.
Geboren im australischen Brisbane, kam Becker als Zwölfjähriger nach Deutschland. Auf der höheren Schule in Frankfurt am Main versagte er. Auf Druck der Eltern machte er eine kaufmännische Lehre. Der Erste Weltkrieg brach aus, er wurde eingezogen und verwundet. Danach Berlin, Chemnitz. „Er ist unstet umhergeirrt“, fasste die Polizei seinen Lebenswandel zusammen. „Becker selbst gibt an, keinen Freund zu haben. Die bisherigen Feststellungen in dieser Richtung deuten darauf hin, dass Becker ein sogenannter Einzelgänger ist.“
Für Else hatte er eine Liste seiner akuten Verbindlichkeiten erstellt: 28 Einträge, hier eine Mark, dort 20, Schulden in Kneipen und Tabakgeschäften vor allem. Insgesamt steckte Else ihm in den eineinhalb Jahren ihrer Beziehung um die 800 Mark zu.
„Ich selbst stehe vor einem Rätsel“, erklärte Becker bei seiner Festnahme. „Ich habe bis gestern noch gedacht, dass sie am Leben ist. Ich hatte die Hoffnung, dass sie wieder zurückkehrt. Ich habe sie jeden Abend gesucht, und zwar in Wirtschaften.“ Tatsächlich hatte er sich bei Hans Leip und anderen ehemaligen Dienstherren telefonisch nach ihr erkundigt. An seiner Arbeitsstelle erschwindelte er über 200 Mark Vorschuss – mit der Behauptung, er habe von der Polizei den Auftrag erhalten, Sachen seiner Braut im Pfandhaus auszulösen und bei den Verwandten abzuliefern.
Bis vor wenigen Jahren wurde in Deutschland kaum über echte Verbrechen geschrieben. Kriminalität fand vornehmlich in Romanen und Filmen statt, selten aber wurde ihre Wirklichkeit dargestellt. Die Berichterstattung der Medien bestand oft nur aus dem, was die Pressestellen von Polizei und Justiz verlautbaren ließen. Inzwischen ist „True Crime“ in Mode gekommen, und man kann sich ein authentisches Bild davon verschaffen, wie Verbrechen verübt und aufgeklärt werden.
Dass in Deutschland lange nur verschämt über Kriminalität geredet wurde, hat mit der Ausnahme von der Regel zu tun. Über den „Verbrecherstaat“, wie das Regime der Nationalsozialisten genannt wurde, gibt es reichlich zu erfahren. Wie in anderen Bereichen bildet die NS-Zeit einen Einschnitt. Während man sich in den USA, in Frankreich oder Italien weiterhin mit wahren Alltagsverbrechen beschäftigte, wurde die Tradition hierzulande unterbrochen.
Tatsächlich steht an ihrem Anfang kein Geringerer als Friedrich Schiller. „In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen“, begann er seine Erzählung vom „Verbrecher aus verlorener Ehre“, in der er das Schicksal eines seinerzeit berühmten Räuberhauptmanns schilderte. „Leichenöffnung seines Lasters“ nannte Schiller, der auch Mediziner war, sein literarisches Sektionsprotokoll, in dem er den Verbrecher zu verstehen versuchte, als wäre er ein FBI-Profiler.
Als „kriminalistische Belletristik“ bezeichnete Egon Erwin Kisch das Genre, zu dem Heinrich von Kleist („Michael Kohlhaas“), Georg Büchner („Woyzeck“), Theodor Fontane („Unterm Birnbaum“, „Grete Minde“) oder Alfred Döblin („Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“) beitrugen.
Mord, Totschlag, Raub, Betrug: In dieser Serie werden Fälle aus der Hamburger Kriminalgeschichte des 20. Jahrhunderts so wahrheitsgetreu wie möglich beschrieben.
In den nächsten Ausgaben stellen wir Ihnen weitere spannende Fälle vor.
Die vielen Tode des Hauptmanns Berthold! Beim Kapp-Putsch kam es 1920 in Harburg zu einem Massaker und einem Meuchelmord.
In der Kaserne am Schwarzenberg (heute Technische Universität) wurde die Einwohnerwehr mit Waffen versorgt.
Foto: stahlpress
Den Putschisten wurde freier Abzug zugesichert. Aber als sie vor die Schule traten, fielen Schüsse. Der entfesselte Mob erstach, erhängte oder trat acht von Bertholds Männern zu Tode. Der Legende nach starb Rudolf Berthold in diesem Tumult. Er „entriss einem Matrosen die Pistole, schoss ihn nieder, sie stürzten sich auf ihn, ein Messer gleißte, zerschnitt ihm die Kehle. Langsam verröchelte er, einsam, kämpfend, in den Kot getrampelt“. Oder er wurde, im Internet bevorzugt, „erwürgt mit seinem Blauen Max“, seinem Orden „pour le Mérite“. Das Sektionsprotokoll vermerkte weder einen ausgerissenen Arm noch eine durchschnittene Kehle, vielmehr Schüsse in Kopf, Brust und Bauch. Die passten zum Tatablauf, soweit ihn die Staatsanwaltschaft belegen konnte. Berthold kam nicht beim Massaker an der Mittelschule um, sondern mehr als drei Stunden später, ein paar Hundert Meter entfernt.
Er wurde in eine Gastwirtschaft geschleppt. Fünf bis sieben Mann stellten im Hinterzimmer ein Verhör mit ihm an. Die schriftliche Erklärung, die Berthold in seinen letzten Stunden abgepresst wurde, tauchte nie auf. Hatte man vor, ihn freizulassen, um sie politisch einzusetzen? Die etwa 50 Mann, die sich in der Gaststube drängten, kamen dem zuvor. Ungeduldig geworden, stürmten sie in das Hinterzimmer, um Berthold zu lynchen. „Kinder, macht mit mir, was ihr wollt“, soll der noch gesagt haben, als sie über ihn herfielen. Mit „Kinder“ sprach er auch seine eigenen Leute an. Er wurde auf die Straße getrieben und mit Gewehrkolben geschlagen. Jemand richtete seine eigene Pistole auf ihn. „Nicht schießen“, rief ein anderer – vom Pflaster könnten die Kugeln abprallen. Also zerrte man Berthold zu einem Sandplatz mit Wäscheleinen zwischen Wohnblocks. Es war nach 21 Uhr und stockdunkel. „Er wurde dann weiter in der rohesten Weise misshandelt“, schrieb der Staatsanwalt; „man trat mit Füßen auf ihm herum, schlug und stieß ihn; andere riefen, man solle ihn noch leben lassen, der müsse noch gepiesackt werden! Schließlich schoss man auf ihn.“
Die Leiche wurde zurück in die Gastwirtschaft gebracht und geplündert: „Seine Mörder teilten sein Geld.“ In dem Punkt stimmt die Legende beinahe. Ein Dieb wurde dingfest gemacht, aber er gehörte nicht zu den unerkannt gebliebenen Mördern.
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Nach der Belagerung der Heimfelder Mittelschule wurde Rudolf Berthold in eine Gaststätte gebracht und anschließend in der Nähe erschossen.
Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress
Nackt und blutüberströmt, die Kehle durchschnitten, den verkrüppelten Arm ausgerissen oder buchstäblich zertreten: Die Legende lässt den 28-jährigen Rudolf Berthold viele grausige Tode sterben. Scheußlich war sein Ende, aber anders als in Büchern, Broschüren und auf Dutzenden Websites dargestellt.
Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren von Gewalt geprägt: Serienmörder gingen um, kleine Einbrecher trugen Knarren, Parteisoldaten lieferten sich Straßenschlachten. Oft war kaum zu unterscheiden zwischen kriminellen und politischen Motiven. Den Mord an Rudolf Berthold konnte die Justiz auch nach mehrjährigen Ermittlungen nicht aufklären und keinen Täter namhaft machen.
Der 15. März 1920 ging als „Harburger Blutmontag“ in die Geschichtsbücher ein: ein Putschversuch, ein Massaker und ein Meuchelmord. 17 Menschen starben bei Kampfhandlungen, neun wurden ermordet. Es gab Tausende Zeugen, von denen Polizei und Staatsanwaltschaft Hunderte nur zu einem, dem letzten Ereignis, vernahmen, dem Tod des Hauptmanns der Putschisten. Mit 44 Abschüssen zählte Rudolf Berthold zu den „Fliegerhelden“ des Weltkriegs. Aus seinem letzten Luftkampf ging er mit zerbrochenen Gliedern und zerschossenem rechten Arm hervor. Ein Korsett hielt seinen Körper zusammen, ohne Morphium überstand er die Tage nicht. Berthold setzte den Krieg fort, als Anführer des Freikorps „Eiserne Schar“, das sich dem Putsch anschloss, den der Regierungsbeamte Wolfgang Kapp für drei Tage anzettelte. Neben Berlin und dem Ruhrgebiet konzentrierten sich die Kämpfe auf Hamburg.
Bertholds Truppe sollte in Kehdingen an der Unterelbe bei der Landarbeit helfen, als der Umsturzversuch begann. 600 Mann stiegen in Hausbruch aus dem Zug, den sie in Stade gekapert hatten, um das „rote Harburg“ einzunehmen. „Wer uns nicht liebt, soll sterbend unterliegen!“ Singend marschierten sie zur Mittelschule in Heimfeld und quartierten sich ein. Sofort wurden sie von der „Einwohnerwehr“ belagert – einer tausendköpfigen Menge, die vom örtlichen Bataillon der Reichswehr mit Waffen versorgt worden war. Erst fanden Verhandlungen statt, bei denen Honoratioren wie der Harburger Oberbürgermeister ebenso mitredeten wie ein vorbestrafter Bootsmann. Dann schoss man mit Maschinengewehren aufeinander. Nach 18 Stunden Belagerung gab Berthold endlich auf.
Sie nannten ihn „Püppchen“. Bei einem Streit um Geld mit ihrem Sohn verlor eine Mutter ihr Leben.
In der Straße Karnapp, unweit des Bahnhofs Harburg, waren die Gaststätten, in denen Walter Carlsen sich herum trieb.
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„Bald können wir heiraten“, sagte Walter.
„Wirklich?“ Magdalene seufzte. „Wie schön!“
Walter hatte vorgeschlagen, dass sie ihre Verlobung zu Weihnachten bekannt geben. Magdalene meinte, Weihnachten verlobe sich doch jeder und fand Silvester besser.
Sie war selig. Walter war so lieb, und er hatte eine gute Anstellung. Arbeit war nicht selbstverständlich in diesen Tagen, und ohne Arbeit war eine Heirat ausgeschlossen.
Magdalene war 19 und hieß auf Amtsdeutsch „Haustochter“: nicht volljährig, lebte noch bei den Eltern in Harburg-Wilhelmsburg.
Walter war 22 und hatte Magdalene verschwiegen, dass er schon vor einem Monat seinen Job im Hafenkontor von Darboven los geworden war.
An diesem Sonnabend, 6. Dezember 1924, sprachen Magdalene und Walter nicht nur von Liebe und Heirat. Ihr fiel auf, dass er seinen Sonntagsanzug trug. Wo denn sein blauer Anzug sei, fragte sie.
„Der ist mir gestern im Regen nass geworden“, antwortete er.
„Aber gestern hat es doch gar nicht geregnet“, erwiderte sie.
„Doch, doch“, sagte Walter, „du weißt nicht viel.“
Etwas sonderbar war Walter schon, sagte Magdalene später zur Kriminalpolizei: „Er saß zeitweise in Gedanken versunken da, sah mich mit so ernstem Gesicht an und war auch so schweigsam.“
Am Vortag hatte Walter seine Mutter, die 56-jährige Therese Luise Carlsen, getötet.
Der Vater war tot, die Schwester nach auswärts verheiratet. Die Mutter bezog nur eine karge Witwenrente, und Walter trug sein Geld in Kneipen. Seine Zechen überstiegen sein Einkommen als Handlungsgehilfe um ein Vielfaches.
Also entwendete Walter einem Arbeitskollegen die Brieftasche. Die Firma zeigte ihn nicht an, entließ ihn aber. Danach klaute er die Pokale seines Radsportvereins.
Die Buxtehuder Straße in Harburg.
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Er trieb sich nächtelang herum, war bei der Arbeit unzuverlässig und musste mehrmals die Stelle wechseln „Püppchen“ war ein Leichtfuß. So nannten seine Kneipenbekanntschaften ihn wegen seines mädchenhaften Aussehens.
Mit Magdalene schien es ihm ernst zu sein. Eine Woche vor dem Mord stellte er sie seiner Mutter vor. Aber er hegte auch Auswanderungspläne und löcherte damit einen Ex-Kollegen, der schon einmal in Afrika gewesen war.
Am 5. Dezember kam Walter tief in der Nacht angetrunken heim und fiel angezogen aufs Sofa. Am Morgen weckte ihn die Mutter.
„Verdammter Bengel!“
„Kannst du mir zehn Mark geben?“
Zehn Mark waren die Hälfte ihrer Rente. Sie waren zwei Wohnungsmieten im Rückstand und hatten deshalb seit drei Wochen ein Zimmer untervermietet.
„Sogar auf dem Karnapp, in Schminkes Bordell, bist du gewesen. Was soll deine Braut davon denken!“
„Du kannst doch deinen Schmuck zu Geld machen.“
„Vater hatte recht, du taugst nichts.“
Mit einem Besen sei sie auf ihn losgegangen, behauptete Walter später im Verhör.
Die Mutter hatte ein krankes Bein, ging am Stock und stützte sich an den Möbeln ab. Walter wollte vor ihr geflohen sein, aber sie hätte ihm den Weg abgeschnitten.
Plötzlich sah Walter den Zimmermannshammer seines Vaters vor sich am Boden liegen. Er hob ihn auf und schwang ihn gegen die Mutter.
„Willst du mir jetzt das Geld geben oder nicht?“
Mit dem Hammer seines Vaters erschlug Walter Carlsen seine Mutter in ihrer Wohnung in der Buxtehuder Straße.
Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
„Du Lump!“
Und er schlug zu.
Sie schaute ihn „vorwurfsvoll“ an und rief seinen Namen.
Immer noch ihre anklagenden Augen. Er schlug wieder zu. Und noch mal.
Sein blauer Anzug wurde blutig.
Zwei Stunden lang saß er wie versteinert in der Küche. Dann schleppte er die Mutter in ihre Kammer, wollte sie aufs Bett legen, schaffte es aber nicht.
Bei der Nachbarin holte er eine Blechkassette mit Silberbesteck und Schmuck, wo die Mutter sie vor seinem Zugriff sicher geglaubt hatte. Einige Stücke versetzte er beim Pfandleiher. Andere zeigte er seiner Braut.
Ob er die denn mitnehmen dürfe, fragte Magdalene.
„Die erbe ich ja mal.“
Die Nacht verbrachte Walter mit der toten Mutter in der Wohnung. Am nächsten Morgen übergoss er sie mit Petroleum, zündete das Bett an und verließ das Haus.
Als er mittags zurückkehrte, war da kein Brand, nur die Kammer voller Qualm. Er alarmierte selbst die Feuerwehr. Die Leiche war nur angekohlt, die Todesursache offensichtlich.
„Meine Mutter war herzensgut zu mir“, beschloss Walter sein Geständnis.
Das Todesurteil vom März 1925 wurde in „Haft bis zum Lebensende“ umgewandelt. 1934 brach bei Walter die Krankheit aus, an der schon sein Vater gestorben war, Tuberkulose. Der Muttermörder starb mit 42 Jahren im Januar 1945 in der Krankenabteilung des Zuchthauses Waldheim bei Dresden.
Magdalene hat wohl einen anderen geheiratet.
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Ein Schriftsteller verriet die „Weiße Rose“. Der Gestapo-Spitzel Maurice Sachs wurde am Ende von der SS ermordet.
Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
Im November 1942 kam Sachs nach Hamburg und arbeitete zunächst im Hafen. Wahrscheinlich war es seine Verbindung zur Gestapo, die ihm im Sommer 1943 ermöglichte, von einem Lager in Finkenwerder in eine Pension in der Alten Rabenstraße in Pöseldorf umzuziehen. In einem als Versammlungsraum hergerichteten Keller in der Straße Hohe Bleichen, unweit der Terror-Zentrale, spionierte Sachs seine in Hamburg lebenden Landsleute aus. Ein Bekannter aus Paris, der Fotograf Herbert List, führte ihn in den Kreis von Künstlern und Intellektuellen ein, der die „Weiße Rose“ bildete.
Auch nach seiner Verlegung vom Stadthaus ins Gefängnis Fuhlsbüttel war Sachs seinen Wärtern zu Diensten. Doch der Verrat machte sich nicht bezahlt. Als die Briten gen Hamburg vorrückten, wurde am 12. April 1945 ein „Todesmarsch“ von 5000 Gefangenen nach Kiel-Hassee in Marsch gesetzt. Wer nicht weiter konnte, wurde erschossen. Bei Wittorferfeld, sechs Kilometer vor Neumün-ster, wo sich heute ein Rastplatz an der Bundesstraße 4 befindet, starb Maurice Sachs am 14. April durch die Kugeln eines belgischen SS-Mannes.
Vermutlich wurde er auf einem Friedhof in Neumünster begraben. „Seine Gebeine werden seine heimlichen Sünden wohl bezahlen, und sie werden sich mit ihm in die Erde legen.“ Der Satz aus dem Buch Hiob steht als Motto über der 1946 erschienen Autobiografie des Verräters mit dem Titel „Der Sabbat“.
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Maurice Sachs, ein Mann mit vielen Gesichtern.
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Vor dem früheren Stadthaus ist der Gehweg aufgerissen worden, und die Bruchstellen wurden mit rotem Gummigranulat gefüllt. Die so entstandene „Blutspur“ soll daran erinnern, dass sich in dem heute Stadthöfe genannten Gebäude mit Hotel und Läden einst das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei befand.
„Diese Episode hat mein ganzes Leben überschattet“, sagte Albert Suhr über seine Begegnung mit der wohl schillerndsten Gestalt in der Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg. Mit ihr teilte der Medizinstudent sechs Wochen eine Zelle im Stadthaus. Im September 1943 waren über 30 Angehörige der als „Weiße Rose Hamburg“ bekannten Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime verhaftet worden. Zehn von ihnen wurden ermordet oder starben in der Haft und an deren Folgen. Gegen den 24-jährigen Suhr verhängte der Volksgerichtshof in Hamburg am 19. April 1945 das Todesurteil – in Abwesenheit, denn der Angeklagte war eine Woche zuvor in Stendal durch US-Truppen befreit worden.
Weil der verhängnisvolle Bekannte „nach seinen Verhören meist in euphorischer Stimmung zu mir in die Zelle zurück-kam“, schloss Suhr, „dass er von der Gestapo für seine Dienste mit einem Stimulans belohnt bzw. durch Entzug desselben zu Aussagen erpresst worden ist“. In der Tat war sein Mithäftling ein Spitzel. Der Mann war am 16. September 1906 in Paris unter dem Namen seines Vaters, des jüdischen Juweliers Ettinghausen, geboren worden. Nach der Konversion zum Katholizismus benannte er sich nach seiner Mutter. Es war nur eine von vielen Kehrtwendungen im Leben von Maurice Sachs.
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Mit 17 wurde er Sekretär des Dichters und Filmemachers Jean Cocteau. Später versah er dieselben Aufgaben bei dem Schriftsteller André Gide. Anfang der 1930er Jahre hielt er sich in den USA auf und war als Radiomoderator tätig. Weil er sich eine politische Karriere versprach, konvertierte Sachs zum Protestantismus und heiratete die Tochter eines Priesters. „Es gibt Menschen, die sammeln Geld, andere Opern von Wagner oder von Strauss“, sagte Sachs zu Suhr. „Wieder andere sammeln Briefmarken. Und ich sammle Menschen.“
Eine andere Selbstbeschreibung von Sachs klingt wie ein Zitat aus Gides Roman „Die Verliese des Vatikan“, worin die Hauptfigur einen „Acte gratuit“ begeht, eine willkürliche und zerstörerische Handlung ohne Sinn, indem er eine Zufallsbekanntschaft aus einem fahrenden Zug stößt: „Es ist meine Leidenschaft, alle Dinge ohne Leidenschaft zu tun.“
Sachs war ein Hasardeur, wie er im Buche steht. Gegen seine Alkohol- und Drogensucht half keine Entziehungskur. Und so viel Geld er auch während des Zweiten Weltkrieges durch Schwarzmarktgeschäfte verdiente und dadurch, dass er Menschen aus dem besetzten in den unbesetzten Teil Frankreichs lot-ste, vermehrten sich seine Schulden. Um seinen Gläubigern zu entkommen, verdingte er sich als „Fremdarbeiter“ in Deutschland. Für einen als Homosexuellen und im Nazi-Jargon „Halbjuden“ zweifach von der NS-Ideologie Verfemten war das ein selbstmörderischer Schritt.
Ermittlungen in verschlossenen Kreisen. Die Polizei scheiterte 1921 bei ihren Nachforschungen in „Chinatown“.
Die Leiche von Chen You im Keller seiner Wäscherei in der Bernhard-Nocht-Straße nach einem Foto in der
Akte im Hamburger
Staatsarchiv.
Zeichnung: Uwe Ruprecht ©
stahlpress Medienbüro
Ein am Tatort gefundener Schiffspass brachte die Polizei in den Hafen, auf die „Banka“. Bei Ah Yuk Loh wurden Geldscheine mit Flecken sichergestellt. Demnach hätte der Heizer Blutgeld von der Leiche mitgenommen, die unbefleckten Scheine jedoch verschmäht? Wahrscheinlich Blut, lautete die Analyse der Flecken, aber zu klein, um als menschlich bestimmt zu werden.
Zeugen beschrieben Ah Yuk Loh als „harmlos und bescheiden“, „immer sehr anständig und ehrlich“. Dass der 1,55 Meter kleine Verdächtige den kräftigen Wäschereibesitzer allein getötet hatte, glaubten die Ermittler nicht.
Ein Deutscher, der mit Ah Yuk Loh und dem Opfer in der Tatnacht gesehen wurde, wurde festgenommen. Durch eine Kommunikationspanne kam er frei und ward nie mehr gesehen.
„Tsch’en Siang wird an mir Rache nehmen“, schrieb Ah Yuk Loh in seinem abgefangenen Kassiber, „Landsleute, ihr müsst darauf achten.“ Wäschereibesitzer Chen Chiang, 33 Jahre alt, zahlte die Kaution für ihn.
Ermittlungen in verschlossenen Kreisen. Zu wenig für eine Anklage gegen irgendwen. Lange noch ging die Polizei Hinweisen nach. März 1922: Ein V-Mann beschuldigte einen gewissen Hong als Mittäter. November 1924: Kautionsbürge Chen Chiang sei Bigamist, seine Ehe mit Grete ungültig, angeblich habe ihn das Mordopfer erpresst.
Die letzte Spur im Fall Chen You kam von dessen Sohn. Er brachte im September 1926 vermeintliche Beweise für die Täterschaft von Ah Yuk Loh und Chen Chiang als Anstifter.
Motiv des Auftragsmords: Chen Chiang verwahrte einen Koffer des Ermordeten mit Einnahmen aus illegalem Glücksspiel, 3400 englische Pfund. Chen Chiang bediente sich aus dem Koffer und ließ Chen You beseitigen, als der den Diebstahl bemerkte. Oder auch nicht.
Volker Stahl © SeMa
Chinesen in der Schmuckstraße um 1930.
Foto St. Pauli-Archiv
Rund um die Schmuckstraße war Chinatown. Wie der Tote betrieben ansässige Chinesen buchstäblich unterhalb ihrer ehrenwerten Geschäfte Opiumhöhlen und Spielhöllen für ihre seefahrenden Landsleute.
Ein „Schlepper“ lotste ihn „im Zickzack durch mehrere Querstraßen“, beschrieb der Berliner Privatdetektiv Ernst Engelbrecht den Besuch einer Opiumhöhle auf St. Pauli. „An der Tür des versteckt liegenden Chinesenkellers wurde vorsichtig ‚gekaspert‘, das heißt, durch bestimmte Klopf- oder Kratzsignale unser Kommen gemeldet. (...) Dann nahm mich ein mit dunkelroten Teppichen ausgeschlagenes Zimmer auf. Rotes, abgedämpftes Licht ließ mich bald mehrere Ruhebetten erkennen, auf denen sich schon einige Gäste in schweren Träumen unruhig umherwälzten.“
In der Dampfschifffahrt arbeiteten Chinesen unter Deck, vor der Höllenhitze der Kessel. Gingen sie in Hamburg an Land, tauchten sie gleich wieder unter: in die Untergeschosse von Wäschereien, Gemüsehandlungen oder Garküchen. Der ermordete Chen You nutzte seinen Keller für verbotene Glücksspiele, das eigene Opiumrauchen und vielleicht Waffenhandel.
Zuletzt wurde das Opfer mit Landsleuten in einem Café gesehen. Nachts sollten aber auch drei Männer, die keine Chinesen waren, an der Haustür gerüttelt haben. Ein Glied des rechten Mittelfingers der Leiche war fast abgetrennt. Hatte Chen You um sein Leben gekämpft – oder bedeutete es etwas anderes?
Zunächst nahm die Polizei einen Raubmord an. Eine Brieftasche mit angeblich 11.000 Mark, ein Goldstück, Ring und Uhr fehlten an der Leiche. Neben ihr war jedoch deutsches und englisches Papiergeld verstreut.
Chinesische Heizer in Hamburg um 1910.
Foto © St. Pauli Archiv
Ein Knast-Kassiber mit chinesischen Schriftzeichen des Hauptverdächtigen ist eines der vielen zweifelhaften Indizien eines ungeklärten Falls: „Ich kann nicht alles sagen und habe früher einen Eid geleistet. Man kann sich nur schwer darüber äußern.“ Ungelenke Bleistiftkritzeleien in lokalem Dialekt, schwer zu übersetzen. „Mitglieder der San-Ho-Hui sind die Mörder“, schrieb der 26 Jahre alte Ah Yuk Loh. Eine Geheimgesellschaft, wie der Übersetzer vermutete?
Ermittlungen in verschlossenen Kreisen. Etliche Zeugenaussagen waren wertlos, weil ein Dolmetscher bestochen wurde. Die deutschen Zeugen waren nicht zuverlässiger, verschwiegen ihren Teil oder erfanden etwas. „Man kann sich nur schwer darüber äußern“: So erging es den Ermittlern, Journalisten und Historikern, für die der Ermordete mal Chen You, 39 Jahre, mal Chin-Yau, 42, heißt.
Am Morgen des 13. März 1921 wurde Chen You im Keller seiner Wäscherei in der Bernhard-Nocht-Straße gefunden. Am Tatort sah die Polizei „mehrere Schüsse in Oberkörper und Hieb- oder Stichwunden auf dem Schädeldach“. Der Gerichtsmediziner korrigierte: keine Schüsse, sondern Einstiche mit Stockdegen oder Stilett. Das meiste Blut auf den Dielen neben dem Kopf stammte von Hammerschlägen.
Säuglingsmord in Serie! Die Hebamme Elisabeth Wiese starb 1905 unter dem Fallbeil
Für den Mord an fünf Kleinkindern wurde Elisabeth Wiese 1905 hingerichtet. Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
Unklar war, wie viele Kinder bei Elisabeth Wiese „eingezahlt“ wurden. Vor Gericht ging es um die vier, von denen die Behörden wussten und die nicht zu finden waren. Erst wollte die Angeklagte nie etwas von den Kindern gehört haben, dann gestand sie immerhin, sie zu kennen. Drei seien wohl auch tot, behauptete sie schließlich. Zwei, die sie beseitigt habe, seien einer anderen Frau zur Pflege anvertraut gewesen. Eines hätte ihr Ehemann getötet, nachdem er sich an ihm vergangen habe.
„Angeklagte“, fiel ihr der Richter ins Wort, „ich habe schon viel gehört, dass aber ein erwachsener Mensch ein zwei Monate altes Kind sittlich missbraucht, habe ich noch nicht gehört.“
„Es ist aber wahr. Mit mir hat er ja dieselben Unsittlichkeiten vornehmen wollen.“
Kesselschmied Heinrich Wiese beschuldigte stattdessen seine Gattin, sie habe ihn mit Gift und Rasiermesser umbringen wollen. Doch das glaubten die Geschwore-nen nicht und sprachen seine Frau von der Anklage des Mordversuchs frei.
Der fünfte Mordvorwurf betraf ihr eigenes Enkelkind. Elisabeth Wiese hatte ihre uneheliche Tochter Paula zur Prostitution gezwungen, sowohl auf der Straße als auch „Inseratenstrich“ per Zeitungsannonce: „Eine junge Dame bittet einen edel denkenden Herrn um 30 Mark Unterstützung gegen dankbare Rückzahlung.“
Im Sommer 1902 entband die Mutter die Tochter und ließ das Kind verschwinden. Kurz nach der Geburt beobachtete ihre Untermieterin Elisabeth Wiese am Herd. „Ich verbrenne die Nachgeburt von Paulas Kind“, erklärte sie.
Kohlenreste bringen Glück, glaubte sie, ebenso wie Rinderblut und Blut von weißen Tauben. Glück in der Lotterie, für das Elisabeth Wiese betete und opferte. Sie gab auch vor, mit Geistern zu verkehren. Ob die Gier nach Geld ihr einziges Motiv war oder die Kinder noch anderen Zwecken dienten, wurde nicht ausgeforscht. Kein Psychologe befragte die Serienmörderin.
Frauen morden seltener in Serie als Männer, aber nicht weniger scheußlich. Bei den Blutorgien der Gräfin Erzsébet Bàthory in den Kaparten wurden bis 1610 unzählige junge Frauen geschlachtet. Die fürchterlichste Serienmörderin der deutschen Kriminalgeschichte wütete in Bremen: Zwischen 1813 und 1828 vergiftete Gesche Gottfried 15 Menschen mit Arsen, darunter ihre Eltern und Kinder.
In Hamburg debattierte man erbittert darüber, ob man eine Frau hinrichten dürfe. Die Mehrheit war dafür. Noch als sie am 2. Februar 1905 auf die Guillotine gelegt wurde, beteuerte Elisabeth Wiese ihre Unschuld: „Ich habe keine Kinder umgebracht!“
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In der Hein-Hoyer-Straße befand sich der Tatort der Kindermorde, die Wohnung von Elisabeth Wiese.
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„Sie machte ganz den Eindruck einer Hexe, mit der man Kinder graulich machen konnte.“ Hugo Friedländer, der bedeutendste Gerichtsreporter des Kaiserreichs, der aus Berlin angereist war, zeichnete zum Prozess das Porträt eines „entmenschten Weibes“. Die 54-jährige Elisabeth Wiese war im Oktober 1904 angeklagt, in ihrer Wohnung in der heutigen Hein-Hoyer-Straße fünf Säuglinge ermordet zu haben.
Leichen gab es nicht. Die Staatsanwaltschaft nahm an, dass Bertha, Wilhelm, Peter, Franz und ein namenloses Neugeborenes vergiftet und verbrannt worden waren. Vergiftet mit Morphium, über das die Angeklagte zur vermuteten Tatzeit 1903 verfügte. Verbrannt im Küchenofen, bis die Herdplatte zersprang.
„Das Fehlen von Findelhäusern in Deutschland hat schon so manchem kleinen Wesen das Leben gekostet“, vermerkte Friedländer über den sozialen Hintergrund des Verbrechens. Überforderte ledige Mütter, die ihren Nachwuchs umbringen, gab es immer. Und als Strafe erwartete sie lange Zeit der Tod. Berühmt wurde Susanna Margaretha Brandt, die 1772 in Frankfurt am Main hingerichtet wurde, und die der seinerzeit dort als Rechtsanwalt praktizierende Goethe als Vorbild für sein „Gretchen“ nahm.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Wien eine Einrichtung geschaffen, in der Schwangere aus den gehobenen Kreisen „unter Maske“ gebären konnten und nachher das Kind gegen einen Pauschalbetrag quasi an die Stadt verkauften; „eingezahlte Kinder“ hießen diese dann.
Manche Magd, deren Mutterschaft ihre Entlassung nach sich zog, gebar heimlich und brachte ihr Kind „um die Ecke“. Wie die 19-jährige Marie Offermann, die am Rand des Gutshofs in Stade, wo sie arbeitete, über einem Graben gebar, in den das Kind rutschte. Das Gericht ließ mildernde Umstände gelten und verurteilte sie zu nur drei Jahren Gefängnis.
Die Hebamme Elisabeth Wiese hatte Berufsverbot erhalten, weil sie als „Engelmacherin“ erwischt worden war. Die Aufnahme von Pflegekindern gegen eine Vermittlungsgebühr und monatliches Kostgeld wurde ihr neues Gewerbe. Den Müttern erzählte die „Hexe“ Märchen: Die Kinder kämen nach Wien oder London, um von Fürsten oder Grafen adoptiert zu werden. „Die Kinder werden in Seide gebettet“, sie lebten in einem Schloss, und „es fehle ihnen nichts weiter als das Himmelreich“. Dort seien sie schon, besagte die Anklage.
Der Hochstapler heiratete im Michel
Der Schauplatz der falschen Fürstenhochzeit, die Hauptkirche St. Michaelis, auf einer historischen Postkarte. © Archiv stahlpress Medienbüro
Von wegen, die Hamburger geben nichts auf Orden. Merkel reichte eine schäbige Verkleidung, um elf Tage lang die Sängerin, ihren Anhang und einige Kaufleute zu narren: Der Hausorden derer von Schliewen war der Stern eines gewöhnlichen Kürassierhelms. Während Merkel mit dem Geldadel in der Oper schwelgte, litt die Mehrheit im Nachkriegs-Hamburg Hunger. Zu Neujahr 1919 wurden die Alsterschwäne gegessen. Plünderungen waren an der Tagesordnung. Für Butter floss Blut. Am 23. Juni lief das Fass buchstäblich über.
In der Kleinen Reichenstraße kippte eine Tonne von einem Pferdewagen. Eklige Brühe ergoss sich aufs Pflaster. Darin schwammen Kalbsköpfe und Kuhschwänze: Die Ingredienzen der zu Wucherpreisen verhökerten „Heil’schen Delikatesssülze“. Ein Lynchmob stürmte die nahe gelegene Fabrik von Jacob Heil. Der „Volksbetrüger“ wurde zur Kleinen Alster gezerrt und hineingeworfen. Polizisten retteten ihn – ins Rathaus. „Die Regierung schützt Heil!“, brüllte die Menge, belagerte das Rathaus und besetzte es nach zwei Tagen.
Gleichzeitig wurden die Gefangenen aus der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis befreit. Unter ihnen war Otto Merkel. Der ergaunerte noch 20 Mark von den Aufständischen und tauchte als „Oberleutnant Petzel“ bei der Reichswehr unter, als diese einmarschierte und die Unruhen niederschlug. Die blutige Bilanz der „Sülze-Revolution“: 62 Tote, über 600 Verletzte. Bereits im Juli trat Merkel wieder als „Fürst von Schliewen“ auf. Das musste schiefgehen. Er war am Ende: Bei seiner Verhaftung in einem Gasthof in Bergedorf fuchtelte er mit einem Revolver herum. Zum Prozess vor dem Kriegsgericht amüsierten sich die Zeitungsleser noch einmal über den Hochstapler. Eine heikle Beschuldigung der verratenen Braut wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit erörtert. „Kann gar nicht sein“, widersprach Merkel, „ich habe nie Tripper gehabt“. Er wurde zu drei Jahren und neun Monaten verurteilt.
Hinzu kamen weitere Verurteilungen für Betrügereien in Frankfurt/Main, die ihm erst nach seiner Verhaftung in Hamburg zugerechnet werden konnten. Seine vorzeitige Haftentlassung wegen guter Führung zum 31. Dezember 1927 war das letzte Lebenszeichen, das die Hamburger Justiz unter dem Namen Otto Merkel registrierte und dem Archiv überlieferte.
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Hochstapler Otto Merkel mit und ohne Verkleidung nach Polizeifotos aus der Akte im Hamburger Staatsarchiv.
Zeichung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
Als in Hamburg Hunger herrschte, narrte, ein falscher Fürst die Schickeria
Der junge Oberleutnant der baltischen Landeswehr legte beim Standesamt in der Weidenallee diesen Ausweis vom 20. April 1919 vor, als er das Aufgebot bestellte: „Seine Durchlaucht Siegfried Egor von Schliewen befindet sich auf einer Dienstreise von Libau nach Berlin, Steele, Hamburg, Kolberg und Eiberfeld. Alle Behörden werden gebeten, seine Durchlaucht ungehindert reisen zu lassen und nötigenfalls Schutz und Hilfe zu gewähren.“
Obwohl dienstlich an der Elbe, hatte Amor den Fürsten angeschossen. Am 15. Mai 1919 hatte er sich bei einer Aufführung von „Undine“ in der „Volksoper“ am Millerntorplatz in die Hauptdarstellerin verguckt. Noch am selben Abend machte er mit ihr eine Segelpartie auf der Alster. Er überschüttete sie mit Geschenken, und die 20-jährige Regina Rabeler, die unter dem Namen ihrer Pflegemutter Harre auftrat, ließ sich nicht lange bitten. Am 26. Mai sollte Hochzeit sein, standesgemäß: im Michel.
Am 21. Mai jedoch visitierten Kriminaloberwachtmeister Ramming und Wachtmeister Lehmann den Hochadligen in seinem Logis im Hotel „Europa“ an der Kirchenallee. Auf Plakaten wurde gerade mit 10.000 Mark Belohnung nach einem Kommunistenführer gefahndet, und ein Hoteldiener glaubte, der tarne sich als Fürst von Schliewen. Eine Ähnlichkeit bestand, aber bei der Gegenüberstellung in der „Volksoper“ räumte die Verlobte fast alle Zweifel aus. Der Mann blieb den Polizisten suspekt. Ein baltischer Fürst, der kein Russisch, aber rheinischen Dialekt sprach? Ramming und Lehmann wälzten Steckbriefe. Und da war er: Unteroffizier Jentsch. Der hatte 50.000 Mark aus einer Militärkasse erschwindelt.
Die Fürstenhochzeit mit Opern-Touch im Michel fand noch statt. Die Handschellen, die „Hamburger Acht“, schlossen sich bei der Feier im „Europa“ um die Handgelenke des Bräutigams. Der Fürst war Jentsch und war es auch nicht. Als Jentsch hatte er das Betriebskapital ergaunert, um die Schauspielerin zu verwöhnen. Seine Kasse war allerdings schon erschöpft. Auf der Rechnung von 2934 Mark inklusive Brautkutsche blieb das „Europa“ sitzen.
Der Delinquent hieß Otto Merkel und wurde am 15. Oktober 1891 als Sohn eines Schmieds in Köln geboren. Er war wegen Unterschlagung und Betrugs in zehn Fällen vorbestraft, und er wurde als Deserteur gesucht. Seine kriminelle Laufbahn hatte er dort eingeschlagen, woher sein falscher Adel stammte, im Baltikum, als Angehöriger eines Freikorps. In Königsberg und Kolberg ergaunerte er hohe Summen und setzte sich nach Hamburg ab.