Die neue Serie! Fangen Sie mit uns an in die hamburgische Geschichte zurückzukehren und genießen Sie die Höhen und Tiefen der damaligen Zeit.
Bei der Fußball-WM 1974 kam es im Hamburger Volksparkstadion zum historischen Bruderkampf zwischen der Bundesrepublik und der DDR!
Die Mauer steht: Franz Beckenbauer scheitert mit einem Freistoß. Foto: Nordbild Kaiser/Archiv Trede
Vor dem Spiel hatte bei den Westdeutschen noch Optimismus geherrscht. Bild sah die Bundesrepublik im Einzelvergleich mit 7:4 vorn. Und die seit zwei Jahren ihren Fußball-Ruhestand genießende HSV-Ikone Uwe Seeler assistierte: „Wir haben die weitaus größeren Spielerpersönlichkeiten.“ Eine Blitzumfrage der Wickert-Institute hatte ergeben: Nur 17 Prozent glaubten an einen DDR-Sieg. Auf der Ehrentribüne des Volksparkstadions hatte an jenem denkwürdigen 22. Juni 1974 reichlich Prominenz Platz genommen. Bundeskanzler Helmut Schmidt heizte die Stimmung mit der Bemerkung an, dass es bei dem Spiel „um mehr als Fußball“ ginge, Verteidigungsminister Hans Apel, ein Hamburger Jung, erwartete gar ein „lockeres 4:0“. Mercedes gegen Trabbi – klare Sache, meinten die selbst ernannten Fußballexperten im Westen.
Schlagzeile der „Bild am Sonntag“ nach der Sensation von Hamburg. Bild: Archiv stahlpress
Auf dem Platz sah es dann bald anders aus. Nachdem Grabowski nach einer knappen Viertelstunde eine Riesenchance verstolpert hatte, wuchs das Selbstbewusstsein des kompakten DDR-Kollektivs von Minute zu Minute, was sich auch in den Dialogen auf dem grünen Rasen zeigte. „Jetzt muss ich dich leider festhalten“, sagte der Münchner Franz Beckenbauer zu Harald Irmscher vor einem Eckball. „Das schaffst du nicht!“, antwortete der Mann aus Jena dem „Kaiser“. Das war nichts anderes als Majestätsbeleidigung. Während des weiteren Spielverlaufs reagierte das kritische Hamburger Publikum zusehends ungehaltener. Der von Bayern-Spielern dominierten Nationalmannschaft schallten immer lauter „Uwe, Uwe“-Rufe entgegen. Die anfangs recht kleinlauten 1500 DDR-Schlachtenbummler intonierten nun ihren Schlachtruf „7, 8, 9, 10, Klasse“ immer stimmkräftiger.
Bis zur ominösen 78. Minute plätscherte das eher mäßige Spiel der beiden bereits für die nächste Runde qualifizierten Mannschaften uninspiriert vor sich hin. Erst als der Sozialpädagogik-Student Erich Hamann auf den späteren Republikflüchtling Jürgen Sparwasser passte, kam Schwung in die Begegnung. Der flinke Stürmer umkurvte die hüftsteif wirkenden Abwehrecken Höttges und Vogts wie Slalomstangen, netzte ein und schrieb mit seinem Tor Geschichte: Wenigstens einmal hatte der Sozialismus den Kapitalismus überflügelt ... Dass die Verlierer von Hamburg am Ende doch Weltmeister wurden – geschenkt!
Jürgen Sparwasser schoss in seiner Karriere viele Tore, doch der gegen BRD-Keeper Sepp Maier erzielte Treffer werde ihn wohl bis ins Jenseits verfolge, unkte der Magdeburger: „Wenn man auf meinen Grabstein eines Tages nur ‚Hamburg 74‘ schreibt, weiß jeder, wer da drunterliegt.“ Der Schriftsteller Ror Wolf widmete dem Kunstschützen in seiner Moritat zur WM 74 folgende Zeilen: „Für etwas Ärger sorgt ein schneller Herr/kurz aus der sogenannten DDR.“ Selten zuvor wurde ein Fußballspiel dichterisch so auf den Punkt gebracht.
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DDR-Torhüter Croy bejubelt das „goldene Tor“. Foto: Nordbild Kaiser/Archiv Trede
Jürgen Sparwassers legendärer Treffer in der 78. Minute am Abend des 22. Juni 1974 gegen den Mitfavoriten auf den Titel sorgte nicht nur für die größte Sensation der zehnten Fußball-Weltmeisterschaft, sondern liefert auch seit Jahrzehnten Gesprächsstoff.
Nach dem sensationellen 1:0-Erfolg der DDR gegen den vermeintlich übermächtigen kapitalistischen Bruderstaat flossen im Quickborner Sporthotel Rotkäppchen-Sekt und Wodka in Strömen. Die bis in die frühen Morgenstunden dauernde feuchtfröhliche Feier in der Unterkunft der DDR-Delegation konnte auch der irre Anrufer nicht torpedieren, der per Telefon viermal ein Attentat ankündigte. Während die Mitspieler in dem kleinen Sporthotel vor den Toren Hamburgs noch feierten, setzte sich ein DDR-Trio auf Zeit ab. „Wir sind nach dem 1:0 mit dem Taxi in die City gefahren, direkt auf die Reeperbahn. In einem Lokal, einer Männerkneipe, haben wir ein bisschen was getrunken. Am frühen Morgen waren wir wieder in Quickborn. Ein Grenzschützer empfing uns mit den Worten: ‚Ihr müsst verrückt sein. Es hat eine Bombendrohung gegeben.‘ Wir sind dann auf einem Schleichweg zurück ins Hotel“, erinnerte sich der damalige DDR-Torwart Jürgen Croy Jahre später.
Das legendäre Sparwasser-Tor. Zeichnung: Uwe Ruprecht, stahlpress Medienbüro
Es kommt selten vor, dass sich eine Spielszene in das kollektive Gedächtnis einer Fußballnation einbrennt. Helmuts Rahns Tor in der 84. Minute zum 3:2 bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 gegen Ungarn ist so ein Moment für die Ewigkeit. Auch Jürgen Sparwassers Geniestreich 20 Jahre später gehört zu dieser Kategorie.
Und das kam so: Die Münder der symbolträchtig am Boden liegenden Maier und Höttges stehen ebenso sperrangelweit offen wie das westdeutsche Tor, Cullmanns und Breitners Blicke aus dem Hintergrund spiegeln blankes Entsetzen wider, einzig der wie immer unermüdlich kämpfende Vogts versucht noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Sein linkes Bein streckt sich – im Vergleich zur unerreichbar vorbeirauschenden Lederkugel – im Bahnschrankentempo dem abendgrauen Hamburger Himmel entgegen. Obwohl Berti Vogts’ Antlitz grimmige Entschlossenheit ausdrückt, zappelt der Ball Sekundenbruchteile später in den Maschen des Tores. In diesem Moment liegt Sepp Maier bereits auf dem Rücken und zappelt mit allen Vieren wie ein hilfloser Marienkäfer.
Der Zoo des „Tiervaters“ befand sich auf dem heutigen Areal von Planten un Blomen
Grüße aus dem Zoologischen Garten, versendet im
Juli 1898.
Foto © Archiv stahlpress
Die Einwände verpufften, die Schaulust siegte. Am 17. Mai 1863 wurde der fünfte deutsche Zoo eröffnet: „Unser Thiergarten ist geworden, was er werden sollte, ein Lieblingsaufentalt der Bewohnerschaft Hamburgs ohne Unterschied“, frohlockte der erste Zoodirektor Alfred Brehm (1829–1884) in der populären Illustrierten „Die Gartenlaube“. „Für den Kundigen ist es ein Genuß, unsere fast überfüllten Gehege zu betrachten, und selbst der Laie, welcher sich mühen muß, ein Thier von dem andern zu unterscheiden, lernt staunen über die Mannigfaltigkeit, welche wir schon jetzt dem Beschauer bieten können.“
Anfangs bevölkerten 1200 Tiere das von Brehm so genannte „wissenschaftliche Institut“ – darunter Raubvögel, Bisamschweine, Waldhühner, Bisons, asiatische Büffel, Tapire, Fischotter, Marabus, Flamingos, Raubtiere und sogar ein Wombat. Auch Teiche, Gräben, „Häuser“ für die verschiedenen Tiergattungen, künstliche Wasserläufe, aufgetürmte Felsen sowie eine Grotte aus Tuffstein und die „Wolfsschlucht“ sorgten für Gesprächsstoff in der Hansestadt. Es gab ein Straußenhaus nach dem Vorbild „innerafrikanischer Hütten“, einen Spechtkäfig, Bärenzwinger und Aquarien, die auf dem höchsten Stand der Technik waren. 1876 wurden 18 Behälter der Aquarien mit Nordsee- und vier mit Elbwasser gefüllt, das von einem dampfmaschinengetriebenen Pumpenwerk gefiltert wurde. Mit viel Mühe und großem Kostenaufwand wurden zudem auf dem ganzen Gelände Bäume und Sträucher gepflanzt.
Der Hamburger Hafen sorgte für Nachschub an Tieren – sehr zur Freude Brehms: „Fast jedes Hamburger Schiff, welches von einer weiten Reise zur Heimath kehrt, hat für uns etwas an Bord. Wir dürfen ohne Uebertreibung behaupten, daß fast jeder Tag uns ein Geschenk bringt, durchschnittlich gewiß.“
Alfred Brehm.
Foto © wikipedia
„Brehms Tierleben“ kennt wohl jeder – der einst vom Zoologen Alfred Edmund Brehm geleitete Hamburger Tierpark dagegen ist nahezu vergessen. Er befand sich von 1863 bis 1930 auf dem heutigen Gelände von Planten un Blomen.
1860 gründeten betuchte Hamburger Bürger einen „Actienverein“ zur Finanzierung des 14 Hektar großen Zoologischen Gartens. Zu den Initiatoren gehörten vor allem Kaufleute und Industrielle. Mit dem Erwerb einer „Actie“ war „die Benutzung des Gartens, laut Reglement, verbunden“. Heute würde man von „freiem Eintritt“ sprechen. Größter Förderer war der Unternehmer und Politiker Ernst von Merck, nach dem später eine mittlerweile abgerissene Veranstaltungshalle benannt wurde, in der einst die Beatles aufspielten.
Die große Spendenbereitschaft des Hamburger Bürgertums ermöglichte die „Entwüstung“ des Geländes und den Bau der Menagerie und Käfige. Doch vor dem ersten Spatenstich mussten zunächst Bedenken zerstreut werden. Ein Hauseigentümer meinte, „daß die Annehmlichkeit und jetzige Sicherheit der dortigen Gegend durch die Nähe der wilden und zahmen Thiere dieser Menagerie nicht gerade gewinnen wird“ und fürchtete, „daß der Miethbegehr nach Anlage und Vollendung des Zoologischen Gartens sinken wird“. Ein anderer warnte davor, „daß die Hyänen, angelockt durch den zuweilen allerdings sehr bemerklichen Leichengeruch der Kirchhöfe ihre Käfige durchbrechen und auf den Friedhöfen, ihrer afrikanischen Natur getreu, allerhand Unfug stiften möchten“.
Postkarte des Zoologischen Gartens, um 1900.
Foto © wikipedia
In den ersten fünf Monaten besuchte fast eine Viertelmillion Menschen den Garten – „Actionäre, Abonnenten und Frei- oder Armenschüler ungerechnet“. Der Besucherstrom wuchs schnell an. Im ersten Jahr wurden 924 Abonnenten gezählt, 1864 bereits 2800. Trotz des großen Publikumserfolgs quittierte der 1862 inthronisierte und später mit dem Attribut „Tiervater“ versehene Brehm im November 1866 seinen Dienst. Grund: Der Verwaltungsrat wollte seine Kompetenzen beschneiden.
Die Stadt hatte das Areal der geschäftsführenden Zoologischen Gesellschaft zunächst für 50 Jahre überlassen. Doch die Eröffnung des damals hochmodernen Tierparks in Stellingen durch Carl Hagenbeck leitete 1907 das langsame Ende des Zoologischen Gartens an den Wallanlagen ein, der mit dem innovationsfreudigen Privatzoo nicht konkurrieren konnte. Die Spendenbereitschaft verebbte, die Besucher blieben fern.
1920 erhielt die Stadt die Fläche zurück, 1930 wurde der Zoo endgültig geschlossen und teilweise in einen Rummelplatz mit Jahrmarktbetrieb und einen Vogelpark umgewandelt, der aber nur anderthalb Jahre existierte. Ab 1934 wurde das Gelände für die Niederdeutsche Gartenschau neu gestaltet, heute ist es Teil des 47 Hektar großen innerstädtischen Erholungsparks Planten un Blomen. Nur die angrenzende Tiergartenstraße erinnert noch an seine frühere Bestimmung.
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Die Freunde Reinhold Meyer und Albert Suhr gehörten zum Hamburger Zweig der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“
Reinhold Meyer im Jahr 1943. Foto: Archiv stahlpress
Die Weiße Rose hat im Widerstand gegen den Nationalsozialismus einen festen Platz in den Geschichtsbüchern. Während der mutige Protest der Münchner Gruppe um die Geschwister Sophie und Hans Scholl gut bekannt ist, wissen nur wenige, dass es einen Hamburger Ableger dieser Widerstandsgruppe gab. 1943 wurden in der Hansestadt 30 Personen verhaftet, die zu dem studentischen Freundeskreis gehörten; einige von ihnen bezahlten ihr Engagement mit dem Leben. Ihr „Verbrechen“: Sie hatten Flugblätter hektografiert, von den Nazis verbotene Literatur gelesen und verbreitet. Von den Schulfreunden Reinhold Meyer und Albert Suhr überlebte nur der Letztgenannte.
„Die zunehmende Einschränkung der individuellen Freiheit, die Missachtung christlich-humaner Werte und die Verfolgung jüdischer Freunde ließen in den musisch interessierten Kreisen die Gespräche über Dichtung und Kunst immer häufiger in politische Diskussionen übergehen. Ab Herbst 1942 diskutierte man die durch Traute Lafrenz aus München nach Hamburg gelangten Flugblätter der Weißen Rose und fertigte davon Abschriften an, die an vertrauenswürdige Personen weitergereicht wurden“, berichtete Nina Schneider, Witwe des Germanisten und Weiße-Rose-Aktivisten Karl Ludwig Schneider, über die ersten Aktivitäten des akademisch geprägten Kreises in der Hansestadt.
Albert Suhr kurz vor seinem
Tod 1996. Foto: stahlpress
Spitzel verrieten die Gruppe. Albert Suhr wurde am 13. September 1943 als Erster von der Gestapo verhaftet und ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel („Kolafu“) gesteckt. Später wurde er ins Landesgerichtsgefängnis nach Stendal verlegt und vor dem Volksgerichtshof wegen „Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung und Wehrkraftzersetzung“ angeklagt. Doch er hatte Glück: Eine Woche vor der am 19. April anberaumten Verhandlung befreiten ihn amerikanische Truppen. Der Medizinstudent war misshandelt worden, überlebte aber und arbeitete später als Arzt. Die Dämonen aus der Zeit der Gestapohaft bekämpfte er mit dem Aufputschmittel Preludin. Mitte der 1960er Jahre wurde er nach missglückten Abtreibungen, bei denen zwei Frauen verbluteten, wegen „Unzurechnungsfähigkeit“ in eine Heilanstalt eingewiesen, konnte später aber wieder seinem Beruf nachgehen.
Sein Freund Reinhold Meyer, den er während der Gymnasialzeit wegen dessen Knochenmarkerkrankung zwei Jahre lang jeden Tag bei den Schularbeiten unterstützt hatte, starb mit 24 Jahren im KZ Fuhlsbüttel nach einem Gestapo-Verhör in den Armen eines Mithäftlings. Meyer war ein Schöngeist. Er liebte Gedichte von Hermann Hesse, las Goethes Faust und in der Bibel. Und er mochte Blumen. Als er seine Mutter einmal darum bat, ihm ein Blümchen nach „Kolafu“ zu schicken, legte sie Stiefmütterchen auf das Paket. Der Gestapobeamte ergriff den Strauß und warf ihn auf den Boden: „Der braucht keine Blumen!“
Stolperstein für Reinhold Meyer an der Edmund-Siemers-Allee (Rotherbaum). Wikipedia
Kurz nach ihrem Abitur nahmen Meyer und Suhr mit ehemaligen Klassenkameraden Kontakt zu oppositionellen Gruppen in der Hansestadt auf. An der Hamburger Universität gab es nur wenige Refugien, wo besonderer Wert auf geistige Unabhängigkeit gelegt wurde. Das Anthropologische Kolloquium unter der Leitung von Professor Wilhelm Flitner war so ein Ort. Dort trafen sich Kritiker und Gegner des Nationalsozialismus. In dem Kreis pflegten der Germanistikstudent Reinhold Meyer und seine Kommilitonen – bei aller Vorsicht – in Referaten humanistisches Gedankengut, zitierten Passagen verbotener Literatur.
Zu einem festen Treff entwickelte sich die Buchhandlung von Johannes P. Meyer, dem Vater von Reinhold. In den Kellerräumen des Hauses Jungfernstieg 50 empfing der Juniorchef Gleichgesinnte, um über von den Nazis geächtete Literatur zu diskutieren. Zu den Gästen gehörten Studenten, Künstler und Intellektuelle wie der Jazzmusiker Olaf Hudtwalcker oder der Schriftsteller Louis Satow. „Die Abende hatten schon fast den Charakter einer sich organisierenden Gemeinschaft. Man traf sich hier im größeren Kreise, laufend kamen neue, ebenfalls oppositionell gestimmte Menschen hinzu, und beinahe systematisch wurden hier auf hohem Niveau alle uns junge Menschen bewegenden Fragen diskutiert“, beschrieb der zum Kern der Gruppe gehörende Heinz Kucharski die Atmosphäre später. Im Herbst 1942 las man die ersten Flugblätter der Weißen Rose. Traute Lafrenz, die 1941 von Hamburg an die Münchner Universität gewechselte Vertraute der Geschwister Scholl, hatte sie bei einem Besuch in ihrer Heimat mitgebracht.
Das Mahnmal in Schnelsen erinnert an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Foto: stahlpress
Die Stadt Hamburg würdigte die Weiße Rose erst spät. Anfang der 1970er Jahre wurde eine Gedenktafel des Bildhauers Fritz Fleer in den Boden des Auditorium maximum der Universität eingelegt – auf Anregung von Wilhelm Flitner: „Mir läge daran, dass auch einer Studentengruppe gedacht wird, deren Mitglieder 1943 in meinem Oberseminar waren, und die im Zusammenhang mit der Tat der Geschwister Scholl aufgespürt wurde.“ Über Meyer sagte der alte Professor: „Er war ein besonders begabter, feinsinniger und aufrechter Mensch.“ Seit 1978 erinnert in Volksdorf eine zwei Meter hohe Skulptur aus weißem Muschelkalk an die Weiße Rose. Anfang der 1980er Jahre wurden elf Straßen in Niendorf-Nord nach Frauen und Männern aus dem Widerstand benannt. Nur einen Steinwurf entfernt erinnert seit 1987 das Mahnmal „Tisch mit 12 Stühlen“ des Künstlers Thomas Schütte an Hamburger Nazi-Gegner, die vom Regime ermordet wurden.
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In Hamburg entstand 1892 das dritte Krematorium in Deutschlands
Blick von der Fuhlsbütteler Straße aus auf das 1930–32 von Fritz Schumacher auf dem Ohlsdorfer Friedhof erbaute Krematorium.
Das nach den Entwürfen von Ernst Paul Dorn an der Alsterdorfer Straße errichtete Krematorium entsprach der damaligen Industriearchitektur. Die Höhe des Schornsteins von 25 Metern war baupolizeilich vorgeschrieben. Das Gebäude wurde zu einer durch Postkarten bekannten Sehenswürdigkeit. „Jeder neue Brauch wird am leichtesten dann volkstümlich und hat am ehesten dann Aussicht auf Verallgemeinerung, wenn er sich möglichst dem Hergebrachten anschließt“, bemerkte der Vorsitzende des Feuerbestattungsvereins. Ein Haupteinwand gegen die Kremierung war die Übergabe des Leichnams an eine seelenlose Technik. Wie die Berichte über die Einäscherung des Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow am 29. März 1894 zeigen, wurde darauf geachtet, die Trauerfeier, bei der Gustav Mahler am Harmonium saß, von der Verbrennung strikt zu trennen. Vom Sarg wurde der Blumenschmuck entfernt und den Angehörigen übergeben, bevor der Sarg durch eine hydraulische Anlage in den Ofen in der Tiefe gelangte.
Wilhelm Cordes, der Direktor des Ohlsdorfer Friedhofs, schuf von 1901 bis 1904 einen Park für die Beisetzung der Urnen. Hier befand sich das Grabmal für Anita Rée, die sich als Jüdin und verfemte Künstlerin 1933 das Leben genommen hatte. Es wurde 1995 auf den Althamburgischen Gedächtnisfriedhof versetzt. Das Krematorium wurde 1932 geschlossen und von einem Neubau auf dem Ohlsdorfer Friedhof abgelöst. Dessen Architekt Fritz Schumacher hatte es mitten in der Stadt platzieren wollen, um den Trauergästen den Weg zu ersparen, konnte sich damit aber nicht durchsetzen.
Die Evangelische Kirche schloss 1920 ihren theologischen Frieden mit der Leichenverbrennung, die Katholiken brauchten noch bis 1963. Ausgerechnet das Regime der Nationalsozialisten regelte im Mai 1934 die Feuerbestattung gesetzlich und stellte sie mit dem Erdbegräbnis gleich. Dass vor der Kremierung eine zweite ärztliche Leichenschau erfolgt sowie der Friedhofszwang für Urnen gehen darauf zurück. Seit 1965 gibt es ein Krematorium in Öjendorf. Heute werden in Hamburg rund 80 Prozent der Verstorbenen verbrannt.
Auf der der Stadt zugewandten Seite des Ohlsdorfer Krematoriums, das beim Personal „Dom“ genannt wird, befindet sich eine Uhr, unter der die Passanten lesen: „Eine von diesen“.
Text: Volker Stahl © SeMa/Fotos: © stahlpress Medienbüro
Das 1891 eingeweihte Krematorium an der Alsterdorfer Straße war einmal eine Touristenattraktion.
Im Römischen Reich war die Einäscherung die vorherrschende Form, um Leichen zu entsorgen. Damit machte das Christentum Schluss. Im Glauben an die „Wiederauferstehung des Fleisches“ wurde die Erdbestattung nicht nur bevorzugt, sondern die Feuerbestattung war als „heidnisch“ verboten. Wer sie trotzdem praktizierte, wurde sogar ab 786 von Karl dem Großen mit der Todesstrafe bedroht.
Ende des 18. Jahrhunderts brachte die Philosophie der Aufklärung christliche Dogmen ins Wanken. Hinzu kam ein zunehmendes Bewusstsein für Hygiene. Eine Abhandlung von 1840 sah es kritisch, dass die Toten rings um die Kirchen, also mitten in der Stadt, begraben wurden: „In Hamburg waren Anfang dieses Jahrhunderts wegen der von den Kirchhöfen aus sich verbreitenden verpesteten Luft die in der Nähe befindlichen Wohnungen um die Hälfte wohlfeiler als in anderen Gegenden der Stadt.“
Das Grabmal von Anita Rée wurde 1995 vom Urnen-hain am Alten Krematorium auf den Ohlsdorfer Friedhof umgesetzt.
Der medizinische Fortschritt verringerte die Sterblichkeit und sorgte für Bevölkerungswachstum. Daraus ergab sich eine Überbelegung der Begräbnisstätten. Um Platz zu schaffen, wurden noch nicht ganz verweste Körper ausgegraben. Die Verbrennung unter freiem Himmel auf einem Scheiterhaufen, wie sie im hinduistischen Indien bis heute üblich ist, war demgegenüber kein Fortschritt. Für den sorgte ein Ofen des Ingenieurs Friedrich Siemens. Er war von Carl Heinrich Reclam animiert worden. Der Arzt und Bruder des Leipziger Verlegers war eifriger Verfechter der Feuerbestattung. Am 9. Oktober 1874 wurde im Siemenschen Glaswerk in Dresden die mit 32 Jahren im Kindbett gestorbene Frau eines britischen Diplomaten eingeäschert. Die erste Leichenverbrennung in Deutschland überhaupt hatte knapp zwei Wochen vorher in der städtischen Gasanstalt in Breslau bei einer von Reclam geleiteten Naturforscher-Versammlung stattgefunden.
Im thüringischen Gotha entstand 1878 das erste Krematorium auf deutschem Boden. 1891 folgte Heidelberg. Zu dem Zeitpunkt war auch in Hamburg ein Krematorium zwar fertiggestellt, konnte aber den Betrieb nicht aufnehmen, weil Senat und Bürgerschaft noch nicht die juristischen Voraussetzungen geschaffen hatten. Schon 1874 war im Anschluss an einen Vortrag von Carl Reclam ein Feuerbestattungsverein gegründet worden. Ein zweiter Verein warb seit 1883 für einen „Leichenverbrennungsapparat“ und kaufte 1887 ein Gelände unweit des zehn Jahre zuvor eröffneten Friedhofs Ohlsdorf.
Im Rathaus zögerte man, weil durch „Leichentourismus“ Konflikte mit den preußischen Nachbarstädten Wandsbek und Altona befürchtet wurden. Dann jedoch sorgte im Sommer 1892 eine Cholera-Epidemie für mehr als 8500 Tote, die rasch beseitigt werden mussten. Am 17. November 1892 wurden die „Bestimmungen betreffend das Feuerbestattungswesen“ verabschiedet, und zwei Tage später fand die erste Einäscherung statt.
Hamburgs erster Nationalspieler Hans Weymar liebte den Sport – und die Damen
Dokument: Weymars 1954 ausgestellter Personalaus-
weis. Foto: stahlpress/Archiv
Als der DFB den ersten „Länderkampf“ – wie es im zeitgenössischen Jargon hieß – bestritt, mussten die Nationalspieler unter großen Mühen mit der Bahn nach Basel reisen, mit schlappen 20 Mark Spesen in der Tasche. Die Auswahlkicker hatten noch keinen Hofstaat dabei, sondern lösten die Fahrkarte eigenhändig am Bahnsteig. Einen „Reichstrainer“ gab es erst ab 1926, also bestimmte Kapitän Arthur Hiller (26) vom 1. FC Pforzheim Taktik und Aufstellung, obwohl er die meisten seiner aus elf Vereinen zusammengewürfelten Mitspieler nicht kannte. Am Ball waren leidlich austrainierte Schüler, Weinhändler und Dekorateure. Weymar war gelernter Bankkaufmann und später Geschäftsführer eines Viehgroßhandels auf dem Hamburger Schlachthof, wo er bis zu seinem Tod arbeitete.
Der Sport hat den flinken Außenläufer, der nach einer im Ersten Weltkrieg von einem Schrapnell-Geschoss erlittenen Fersenverletzung auf Tennis umsatteln musste, lange jung gehalten – allerdings nicht so jung, wie sich der Frauenschwarm später gern machte. „Er war ein sehr eitler Mensch. Deshalb hat er sich immer jünger gemacht, als er war“, berichtete Ilse Weymar. So hätten ihn viele zum 70. Geburtstag beglückwünscht, als er bereits 75 Jahre alt geworden war. Sogar der DFB bemerkte den Schwindel nicht und übermittelte ihm stets zum falschen Geburtstag freundliche Sportgrüße. Die „Hamburger Morgenpost“ ulkte zu seinem 75.: „Wenn Sie ihm eine Freude machen wollen, gratulieren Sie ihm zum 65!“
Nachdem er mit dem Fußball aufgehört hatte, spielte sich Weymars Leben jahrzehntelang im Tennisklub ab. Fast jeden Tag fuhr er mit der S-Bahn zu seinem HTHC, auch an seinem Todestag. Am 4. Juli 1959 erlitt Hans Weymar auf dem Tennisplatz bei 35 Grad einen Herzschlag, als er nach dem Einzel noch zum Doppel antrat. Hundstage in Hamburg: Auch am Tag seiner Beerdigung war es so heiß, dass die Kerzen in der Kirche schmolzen. Tränen aus Wachs zum Abschied – das dürfte dem schönen Hans gefallen haben.
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(Bild ganz oben: Hans Weymar (rechts außen) beim Länderspiel 1908 gegen England. Foto: stahlpress/Archiv)
Zeitgenössische Karikatur: „gestatten Sie ... Hans Weymar aus Hamburg“.
Foto: stahlpress/Archiv
Uwe Seeler? Kennt jeder. Auch der Barmbeker Jung Andreas Brehme, der Deutschland mit seinem verwandelten Elfmeter 1990 den dritten WM-Titel bescherte, ist noch in recht guter Erinnerung. Doch der erste Hamburger, der sich das schwarz-weiße Nationaltrikot überstreifte, ist nahezu vergessen – obwohl er eine illustre Persönlichkeit war: Hans Weymar, genannt der „schöne Hans“, war beim allerersten Länderspiel in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) als einziger Norddeutscher dabei.
Das allererste Tor der Nationalmannschaft erzielte ein 18-jähriger Oberprimaner, assistiert von Mitspieler Weymar. „Unser erster Erfolg in der fünften Minute war ein sogenanntes Bilderbuchtor. Der Ball kam von Verteidiger Hempel zum linken Läufer Weymar; der setzte mit einem weiten Schlag unseren Rechtsaußen Hensel ein. Die Flanke, die Hensel nach schönem Lauf zur Mitte gab, fälschte unser Halbrechter Förderer aus dem Gedränge vor dem Tore zu einem Schuss ab, der knapp vorbeigegangen wäre. Der Schweizer Torwächter glaubte, nicht eingreifen zu müssen, unterschätzte dabei aber meine Schnelligkeit, und ich konnte den Ball gerade noch ins Tor lenken“, erinnerte sich der Frankfurter Fritz Becker später an die Tor-premiere der deutschen Elf vor 115 Jahren.
Hamburgs erster Nationalspieler kickte beim SC Victoria – damals eine Größe im deutschen Fußball. Auf Empfehlung von „Vicky“-Präsident Hugo Egon Kuba-seck, seines Zeichens auch Spielausschuss-Vorsitzender des DFB, kam Weymar am 5. April 1908 auf dem Sportplatz Landhof in Basel als linker Läufer zum Einsatz. 5.000 Zuschauer sorgten für eine stattliche Kulisse – darunter viele Frauen, die vom Sponsor der 700 Plätze bietenden Tribüne eine „Lucerna“-Schokolade als Begrüßungsgeschenk bekamen.
Der linke Läufer des SC Victoria, wie fast immer, ganz rechts am Bildrand zu sehen.
Foto: stahlpress/Archiv
Die Deutschen unterlagen mit 3:5 Toren und sorgten auch beim anschließenden Bankett mit Slapstick-Einlagen für Stimmung bei den Schweizer Gastgebern: Youngster „Fritzchen“ Becker ruinierte seinen Smoking auf der feucht-fröhlichen Feier bei einem unfreiwilligen „Bad“ in Worcestersauce und Senf. Nach der Sause kehrte die deutsche Delegation verkatert in die Heimat zurück. „Hans Weymar schimpft auf den Apfelwein“, berichtete der Chronist der Vereinszeitung des SC Victoria einige Wochen später amüsiert.
Auch sonst war Weymar kein Kostverächter. Sein Vereinskamerad Hermann Garrn berichtete von der gemeinsamen Zugreise zum Länderspiel nach Wien (2:3) im Juni 1908 wie folgt: „Nach der Verabschiedung mit großem Hallo durch einige 100 Taschentücher am Bahnhof begaben wir uns auf unsere Plätze und fingen an zu rauchen.“ Nicht gerade die optimale Vorbereitung auf ein Länderspiel.
„Mein Schwiegervater war ein Genussmensch“, erzählte des Schwerenöters Schwiegertochter Ilse Weymar gerne. „Wenn er mit seinem Sohn telefonierte, sagte er immer: ‚Ich muss mal eben die Zigarre in den Mund nehmen, sonst kann ich nicht sprechen.‘“ Auch sonst habe ihr Schwiegervater nichts anbrennen lassen: „Er war ein sehr großer Frauenfreund. Am liebsten hätte er zwei oder drei Freundinnen gleichzeitig gehabt, möglichst recht junge. Dafür war er auch bekannt.“
Ein Pfandleihhaus gab der Lombardsbrücke ihren Namen
Die „Kennedy-Brücke“ hieß vor 1963 „Neue Lombards-
brücke“. Foto: Archiv stahlpress
Während die steinerne Lombardsbrücke das Auge von Hamburgern und Touristen seit anderthalb Jahrhunderten erfreut, mussten ihre reparaturanfälligen hölzernen Vorgängerinnen in kurzen Abständen 1739, 1759, 1778 und 1827 erneuert werden. Die erste Brücke entstand im 17. Jahrhunderts entlang der alten Befestigungslinie – zunächst als namenlose schmale Klappbrücke, dann als Steg, später als befahrbare Holzkonstruktion.
Dank seiner Wehranlagen galt Hamburg während des Dreißigjährigen Krieges als uneinnehmbar. „Der Neubefestigung der Stadt verdanken wir nicht nur die Zerlegung der bis dahin noch ungeteilten Großen Alster in Binnen- und Außenalster, sondern auch die Entstehung des wegen seiner Lage viel gerühmten Bauwerks der Lombardsbrücke zur Verbindung der beiden in die Alster hervortretenden Wallenden“, schrieb Wilhelm Melhop 1932 in seinem Buch „Die Alster“. Viel gerühmt waren die bald nach dem von 1651 bis 1827 auf den Wallanlagen stehenden Pfandleihhaus benannten Holzbauten noch nicht. In das Leihhaus nahe der Brücke schleppten finanziell klamme Hanseaten einst ihre Wertsachen, um mit einem „Lombardkredit“ wieder Geld ins leere Portemonnaie zu bekommen.
Schöne Aussicht: Blick von Hamburgs Traditionsbrücke
im Jahr 1958.
Foto: Germin/SHMH
Das Knarzen der Holzbrücke war Geschichte, als sich der Hamburger Bauinspektor Johann Hermann Maack daran machte, ein Funktionalität und Ästhetik perfekt verbindendes Kunstwerk aus Stein zu schaffen. Für dessen heute noch als attraktiv wahrgenommene optische Gestaltung sorgen das mit maritimen Motiven verzierte Mauerwerk und acht gusseiserne Kandelaber mit je fünf Glaskugeln. Die zierlichen Lichtträger auf den Pfeilerköpfen mit ihren musizierenden Putten sind Werke von Carl Börner (1828–1905). Der Bildhauer erschuf auch die am Brückenbauwerk häufig wiederkehrenden Sinnbilder: Alsterschwan, Elbdelfin, Anker, Merkurstab und das Hamburger Wappen. „Der in Ziegeln und Quadern ausgeführte Brückenneubau fand allgemeinen Beifall; seine gefälligen Linien mit den drei fast gleichen Korbbögen der Durchfahrten fügten sich, namentlich nachdem die seitlichen Grünanlagen entwickelt waren, in die Schönheit des Alsterbildes harmonisch ein“, lobte der Chronist Melhop. Der Schöpfer der imposanten Brücke, Hermann Maack, hatte sich schon zuvor mit einigen Bauten im Stadtbild verewigt. Die Adolphs- und Börsenbrücke, der Reesendammkai sowie zahlreiche Brücken über die Fleete entstanden nach seinen Entwürfen. Die eigens für die schwere Eisenbahn konstruierte Steinbrücke war jedoch sein Meisterwerk. Umso tragischer, dass er wenige Wochen vor der feierlichen Einweihung der Lombardsbrücke starb.
Seit dem 18. Juli 1868 verbindet die 65 Meter lange Brücke den Schienen- und Straßenverkehr zwischen den Bahnhöfen am Klostertor, Dammtor und der Sternschanze mit der damals selbstständigen preußischen Stadt Altona. Heute dient die Brücke primär dem Autoverkehr. Eine Verkehrszählung ergab vor einigen Jahren, dass sie täglich von 70.000 Autos und rund 1.000 Zügen befahren wird – Tendenz steigend! Das bleibt nicht ohne Folgen. „Nirgendwo in Hamburg stehen Autofahrer schöner im Stau als hier“, schrieb die „Hamburger Morgenpost“ vor einigen Jahren süffisant. Seit 1953 entlastet die von dem Architekten Bernhard Hermkes entworfene, im typischen Stil des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg kühn geschwungene Neue Lombardsbrücke den Verkehr in der Hamburger City. Sie wurde 1963 nach dem in Dallas ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy umbenannt.
Text: Volker Stahl © SeMa/Fotos: © Archiv stahlpress
Ein freundlicher Ansichtskartengruß aus dem Jahr 1903.
Foto: Archiv stahlpress
Sie befindet sich im Herzen der Stadt und trennt die Binnen- von der Außenalster – die Lombardsbrücke. Die Überführung ist mit ihren gusseisernen Leuchten, Korbbögen und Verzierungen nicht nur ein echter Hingucker, sondern gewährt zudem einen Blick auf die Schokoladenseite der Stadt: Ballindamm, Jungfernstieg, Alsterfontäne, Rathausturm.
Die Brücke mit dem einzigartigen Panorama hat auch Künstler wie den Schriftsteller Hans Erich Nossack inspiriert. „Es war nämlich spät nachts, der Engel lehnte bei einem der schönen Kandelaber an der Balustrade der alten Lombardsbrücke und blickte auf das Wasser der Binnenalster, in dem die Lichter des Jungfernstiegs tanzten.“ Doch das vom Architekten Johann Hermann Maack (1809–1868) entworfene Bauwerk hatte über die Jahre Patina angesetzt. Die Kandelaber mit ihren Schmuckbauteilen waren angerostet, die Natursteinfassade bröckelte, und die Beleuchtung entsprach nicht mehr dem heutigen Standard. In einem ersten Schritt erneuerte die Stadt im Sommer 2015 daher auf der Oberseite der Brücke Abdichtungen und Beläge. Die Oberflächen wurden mit Kopfsteinpflaster denkmalschutzgerecht hergerichtet. Anschließend wurden die Natursteinfassaden, Balustraden und das Mauerwerk der Schiffsdurchfahrten sowie die Kandelaber von der federführenden Verkehrsbehörde restauriert.
Der „Kriegsklotz“ am Dammtor erregt von jeher die Gemüter
Zeitgenössische Ansichtskarte: Das 76er-
Denkmal kurz nach seiner Enthüllung. Foto © Archiv
stahlpress Medienbüro
Das mit dem Denkmal geehrte Hamburger 76er-Regiment hatte sich im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und im Ersten Weltkrieg im Kampf um die „heilige Sache des Vaterlandes“ Meriten erworben. „Die erste Vierergruppe der Soldaten ist so dargestellt, als marschiere sie gerade aus dem Hamburger Stadttor heraus. Der Führer der Truppe zeigt mit dem Finger nach vorne – Kampfes- und Siegeswillen signalisierend. Hier wird also der Auszug ins Feld thematisiert. Die chaotische und todbringende Kriegsrealität bleibt ausgespart“, schrieb der Kunsthistoriker Hans Walden 1979.
Denkmalschöpfer Kuöhl (1880–1961) entwarf nicht nur das umstrittene Kriegerdenkmal, sondern hinterließ zahlreiche Spuren in Hamburgs öffentlichem Raum. Seine Baukeramik hatte in den 1920er-Jahren perfekt zu den von Oberbaudirektor Fritz Schumacher präferierten Klinkerbauten gepasst. Noch heute prangt seine Kunst an zahlreichen Staatsbauten, zum Beispiel an der Finanzbehörde am Gänsemarkt. Kuöhl war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts der meistbeschäftigte Bildhauer Hamburgs, nicht zuletzt deshalb, weil er anpassungsfähig war und sich als „reichsdeutscher arischer Bildhauer“ der von den Nationalsozialisten aus der Taufe gehobenen „Reichskammer der bildenden Künste“ angeschlossen hatte.
Der „Kriegsklotz“ heute.
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Vom Feuersturm im Zweiten Weltkrieg verschont, marschieren Kuöhls Krieger auf der Kalksandsteinfassade des Denkmals bis heute unverdrossen weiter. Die britische Militärregierung verzichtete 1945 auf die Sprengung des Klotzes, weil sie erbitterte Reaktionen der vom Bombenkrieg demoralisierten Bevölkerung befürchtete. Solch ein historisches Feingefühl scheint deutschen Militärs fremd zu sein. Nach der Gründung der Bundesrepublik legten uniformierte Bundeswehrangehörige sowie ehemalige Wehrmachts- und Waffen-SS-Angehörige Seit an Seit jahrzehntelang Kränze zu Ehren der Gefallenen des Hamburger Vorzeige-Regiments nieder. Anhänger der Friedensbewegung und Antimilitaristen nutzten den „Kriegsklotz“ ihrerseits als Ort für Kundgebungen, Aktionen und als Folie für Parolen, die sie auf den Stein sprayten.
1982 befand die Hamburger Kulturbehörde, dass das sogenannte Ehrenmal der 76er am Dammtor „kriegsverherrlichend“ sei und beauftragte den marxistischen Bildhauer Alfred Hrdlicka, ein Gegendenkmal zu erstellen. Dieses blieb nach der Einweihung der ersten beiden Teile in den Jahren 1985 und 1986 („Hamburger Feuersturm“, „Fluchtgruppe Cap Arcona“) aber unvollendet. Das Ensemble wurde 2015 mit der Schaffung eines Gedenkorts für Deserteure und Opfer der NS-Militärjustiz ergänzt – übrigens unter dem strengen Blick von Kuöhl. Der hatte sein Konterfei nämlich in einem Soldatenantlitz auf dem von ihm geschaffenen Denkmal verewigt.
Volker Stahl © SeMa
Totale Kriegsdienstverweigerer nutzten das Denkmal
in den 1990er-Jahren für
Protestaktionen.
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Militärverbundene Traditionalisten lieben es, Pazifisten hassen es, die meisten gehen oder fahren heute achtlos an ihm vorbei. Seit 1936 spaltet das dem „Infanterie-Regiment Hamburg Nr. 76“ gewidmete Denkmal, das am Stephansplatz massiv dem Zeitgeist trotzt, die Gemüter historisch und politisch interessierter Hamburgerinnen und Hamburger.
Die Geschichte des im Volksmund sogenannten „Kriegsklotzes“ reicht bis in die Weimarer Republik zurück. Seit 1925 forderten hiesige Kriegervereine vom Senat die Errichtung eines Denkmals zu Ehren der „76er“. Zunächst vergebens. Erst nach der 1933 erfolgten sogenannten „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten nahm das Projekt Fahrt auf. Kritiker aus den Reihen von KPD, SPD, Gewerkschaften und Pazifisten waren mundtot gemacht worden. 1934 lobten die neuen Herrscher nach Beschaffung der Geldmittel (70.000 Reichsmark) einen Wettbewerb aus. 64 Arbeiten wurden eingereicht. Der Entwurf des Bildhauers Richard Kuöhl überzeugte die Jury – vor allem deshalb, weil nicht der einzelne Soldat im Mittelpunkt stand, sondern die geschlossen vorwärts- marschierende Truppe.
Das Motiv gefiel den Nazis ebenso wie die Zeile „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“. Dass die martialische Inschrift auf dem im März 1936 eingeweihten Denkmal ausgerechnet von einem „Arbeiterdichter“ stammt, sorgt heute für Erstaunen. Die Worte wie Donnerschläge, in Stein gemeißelt und von den Initiatoren mit Bedacht auf der Längsseite des Denkmals am stark frequentierten Fußgängerweg angebracht, stammen aus dem Gedicht „Soldatenabschied“ von Heinrich Lersch (1889–1936). Der gelernte Kesselflicker brachte sie 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, zu Papier. „Jeder Stoß ein Franzos’, jeder Schuss ein Russ’“ – mit auf Postkarten millionenfach gedruckten Parolen dieser Couleur zogen die Soldaten gegen den Feind – und millionenfach in den Tod.
Universalgenie Georg Christoph Lichtenberg war 1773 von Hamburg begeistert
Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) war von Hamburg sehr angetan.
Zeichnung: Uwe Ruprecht © stahlpress Medienbüro
„Vergangene Nacht in der Stunde, wo außer Gespenstern nur Reisende, Kranke und Verliebte allein noch wachen, bin ich von Hamburg hier gesund angelangt“, schrieb er an Marie Tietermann, die Haushälterin des Osnabrücker Gasthofs, in dem er logiert hatte. Er hatte sich in „Miecken“ verliebt und war untröstlich, als er später von ihrer Heirat erfuhr.
In der Festungsstadt Stade fühlte er sich sehr unwohl und stellte fest, „dass es mir in meinem Leben nirgends weniger gefallen hat als hier“. Allein dass er für wenig Geld mit dem Schiff Ausflüge nach Hamburg machen konnte, heiterte ihn auf.
Für besondere Abwechslung sorgte vom 9. bis 17. Juli die Fahrt auf einem Frachtsegler. Auf der Hamburger Insel Neuwerk legten Lichtenberg und seine acht „Argonauten“ eine Pause ein und wanderten im Watt. Weil seine Begleitung aus hannoverschen Soldaten bestand, war er auf der dänischen Insel Helgoland nicht willkommen und musste sie nach kurzem Rundgang wieder verlassen. Niemand reiste damals zum Vergnügen, und Lichtenberg kann als Pionier des Tourismus gelten. Die Falschmeldung einer Hamburger Zeitung, das Schiff sei verunglückt, erschien erst, als die Reisenden zurückgekehrt waren.
m Herbst unternahm Lichtenberg mehrtägige Ausflüge nach Hamburg. Im Kaffeehaus an der Börse lernte er das neumodische Billardspiel kennen. Einer seiner ehemaligen Studenten aus Göttingen brachte ihn mit Friedrich Gottlieb Klopstock zusammen, den er viermal traf. Der Dichter, der seit 1771 in Hamburg wohnte, hatte gerade sein Versepos „Der Messias“ vollendet: 20.000 Zeilen über Leben und Leiden Jesu. Lichtenberg fand den Autor sympathisch, seine Lyrik aber schwülstig: „Mit größerer Majestät ist wohl noch nie ein Verstand stillgestanden.“
Anfang November beendete Lichtenberg seine Messungen in Stade. Über Harburg kehrte er nach Göttingen zurück. Im Juni 1778 war er nochmals in Hamburg und wollte erneut Helgoland besuchen, musste aber im Sturm umkehren.
Wieder schwärmte er vom Hafen: „Der Anblick ist und bleibt unbeschreiblich, und ein schönes Mädchen mit ihrem Kopfzeug, das eben vom Herzenfang zurückkehrt, ist nur eine Kleinigkeit dagegen.“ In Wandsbek besichtigte er den berühmten Garten des Barons von Schimmelmann und dessen im Bau befindliches Schloss.
Text: Volker Stahl © SeMa/Fotos: © stahlpress Medienbüro
Die Schriftsteller Johann Gottfried Herder, Gotthold Ephraim Lessing und Matthias Claudius auf der Dachterrasse des Baumhauses. Foto: gemeinfrei
„Am Hafen liegt ein Gebäude, das das Baumhaus genannt wird, mit einer Galerie oben auf dem Dache, wo- rauf zuverlässig einer der schönsten Prospekte in Deutschland nach dem einstimmigen Zeugnis aller Reisenden ist“, schrieb der 31-jährige Georg Christoph Lichtenberg am 13. August 1773 in einem Brief. Das Baumhaus, so benannt nach dem Schlagbaum, mit dem nachts die Zufahrt zum Hafen verschlossen wurde, stand von 1662 bis zu seinem Abbruch 1857 ungefähr dort, wo sich heute die U-Bahnstation Baumwall befindet.
In dem dreistöckigen Gebäude war außer der Zollverwaltung die Schifferbörse untergebracht, an der Frachtgeschäfte abgewickelt wurden. Außerdem gab es einen Konzertsaal und eine Gastwirtschaft. Die Dachterrasse war ein beliebter Treffpunkt, wo „alle Sekunde ein Mensch vorbeiging, also alle Stunde 3.660 Menschen mit allerlei Gesichtern, Figuren, Absichten“: „eine Geschichte der menschlichen Seele (...) mit einer Art von chinesischen Zeichen geschrieben“, wie Lichtenberg notierte.
Hamburg sei überhaupt „ein höchst angenehmer Ort“, fand er: „Alles Vergnügen, was die größte Mannigfaltigkeit schöner Gegenstände, als die schönsten Gärten in voller Blüte, die unabsehbare Menge von Schiffen aller Nationen, gute Gesellschaft, guter Wein und eine gute Tafel gewähren kann, habe ich diese wenigen Tage, die ich, einige andere ausgenommen, unter die schönsten meines Lebens rechne, genossen.“
Das Baumhaus um 1850 in einer Darstellung von Valentin Ruths. Foto: gemeinfrei
Durch eine Rachitis als Kind verkrüppelt, war Lichtenberg kaum 1,50 Meter groß, mit einem gewaltigen Buckel. Der Nachwelt wurde er als Philosoph der Aufklärung bekannt, als Autor der posthum veröffentlichten „Sudelbücher“, in denen er Einfälle und Beobachtungen festhielt, die als Aphorismen zitiert werden: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das allemal das Buch?“
Er war der erste deutsche Professor für Experimentalphysik. Nach ihm sind durch Elektrizität gebildete Figuren benannt. Zufällig entdeckte Lichtenberg 1778, wie sich der Staub auf einer elektrisch geladenen Platte zu einem baumartigen Muster formte.
Zuerst hielt sich Lichtenberg auf der Durchreise vom 14. bis 18. Mai 1773 in Hamburg auf. Georg III., zugleich König von England und Hannover, mit dem er befreundet war, hatte ihn beauftragt, als Astronom die geografische Lage von drei Städten zu bestimmen, um die Militärkarten verbessern zu können.
Ausgestattet mit Visierinstrument, Magnetnadel, Pendel, Präzisionsuhr und einem Teleskop für 60-fache Vergrößerung und gelotst vom „Astronomischen Kalender“, bereiste er das Sternenmeer. Zunächst baute er sein Feldobservatorium im März 1772 in Hannover auf. Im September zog er weiter nach Osnabrück. Anfang 1773 war er wieder in Hannover und danach auf Urlaub in seiner Heimatstadt Göttingen. Weiter ging es via Hamburg nach Stade.
Der weltberühmte Backsteinbau wurde von Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher entworfen.
Die „Dreieinigkeit“
am Spielbudenplatz auf
St. Pauli in den 1960er
Jahren: Zillertal, Theater und Polizeiwache.
Das Amüsierangebot wuchs mit den Jahren rasant. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ein Volkstheater, Bierbuden, Ballhäuser und Tanzpaläste, die neben braven Bürgern auch von vielen dunklen Gestalten besuchten wurden. Deshalb bewilligte der Hamburger Senat den Bau einer kleinen, unscheinbaren Polizeiwachstube, in die 1840 die ersten Ordnungshüter einzogen. Das Gebäude befand sich an der heutigen Ecke Kastanienallee/Davidstraße.
Die „Eddels“ genannten Polizisten bekamen reichlich zu tun. So geben erhaltene „Wachbücher“ Kunde von der Vernichtung „obszöner Bilder“ beim Bürger Schulze (1852), der Niederschlagung des Streiks der Schiffszimmerer (1860) und der Schließung des „Eldorado“ wegen Veräppelung des Polizeimeisters von Altona in einem Theaterstück (1863). Mit der Größe des Amüsierviertels wuchsen die Aufgaben der Polizei, die 1868 einen Steinwurf entfernt vom ersten Standort den heutigen am Spielbudenplatz bezog – ein 1854 im klassizistischen Stil erstelltes Gebäude des zwölf Jahre später aufgelösten Hamburger Bürgermilitärs. Nach 31 Jahren unter der Obhut einer bürgerlichen Deputation wurde der „Polizeiwachdienst“ 1871 als Polizeiwache 13 der Hamburger Polizeibehörde zugeordnet. Im Volksmund hatte sich zu diesem Zeitpunkt aber die Bezeichnung „Davidwache“ lange etabliert – in Anlehnung an den alten Standort an der Davidstraße.
Hamburgs berühmteste Wache Ende der 1960er-Jahre.
Als der Hamburger Regisseur Jürgen Roland 1964 seinen halbdokumentarischen Kinofilm über Deutschlands wohl bekannteste Polizeistation drehte, unterlief ihm ein peinlicher Fehler: Er nannte sein Werk „Polizeirevier Davidswache“. Obwohl der berühmte Filmemacher kein Quiddje war, platzierte er ein Fugens zwischen „David“ und „Wache“. Leider falsch!
Doch für solche grammatikalischen Feinheiten dürften sich die Touristenscharen, die täglich an dem schmalen Backsteinbau mit leuchtenden Augen vorbeiziehen, kaum interessieren. Von innen lernten einige wenige die Davidwache nur kennen, wenn sie als Zechpreller im Amüsierviertel St. Pauli überführt oder betrunken und krakeelend in eine der Zellen im Untergeschoss gesperrt wurden – so geschehen bis zum Jahr 2012. Seitdem gilt ein der schmalen Treppe und engen Gänge im altehrwürdigen Gebäude geschuldetes „Zellenverbot“. Wegen Verletzungsgefahr werden Randalierer nun in benachbarte Wachen verbracht.
Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher hatte das von den Ordnungshütern am 10. Dezember 1914 an der Ecke Spielbudenplatz/Davidstraße bezogene Gebäude mit Akribie entworfen: Neben Diensträumen für die Schutz- und Kriminalpolizei plante er sieben Arrestzellen, hohe und helle Zimmer für die „Sitte“ zur medizinischen Untersuchung der Prostituierten und „eine Bedürfnisanstalt mit zwei bis drei Klosetts, die so gelegen sein muß, daß sie vom Beamtenzimmer aus überwacht werden kann, um ein Entweichen von Personen zu verhindern“.
Die lange Geschichte der Polizeiwache begann aber viel früher. 1833 beschloss der Hamburger Rat, der damaligen Vorstadt „Hamburger Berg“ den Namen St. Pauli zu geben – in Erinnerung an eine 1682 dort erbaute Kirche. In deren Umfeld ging es laut der Überlieferung seit Ende des 17. Jahrhunderts eher ausgelassen als gesittet zu. In dem hafennahen Gebiet steuerten Matrosen und Vergnügungssüchtige am heutigen Spielbudenplatz einen Jahrmarkt mit Holzbuden an.
Die Davidwache heute – immer noch ohne „s“.
Nachdem die auf 72.000 Einwohner angewachsene Vorstadt St. Pauli 1894 auch formal Hamburger Stadtteil geworden war, erwies sich das vom Militär übernommene „Polizei-Bezirks-Gebäude“ erneut als zu klein. Doch erst 16 Jahre später erhielt Fritz Schumacher den Auftrag für einen deutlich größeren Neubau. Den musste die Stadt übrigens gegen den erbitterten Widerstand der in der Nachbarschaft ansässigen Etablissements und Vergnügungsbetriebe durchsetzen – die Wirte und Veranstalter fürchteten wegen des Anblicks von Arrestanten um ihr Geschäft ...
Es war einer der „längsten und größten Kräche in der Hamburger Städtebaugeschichte“, konstatiert die Autorin Ingeborg Donati in ihrem 1990 veröffentlichten Buch über „Die Davidwache“. Doch der Senat blieb hart und setzte das Vorhaben auf dringenden Rat der Hamburger Exekutive um. In einer Rede vor der Hamburgischen Bürgerschaft hatte der erfahrene Polizeioberst Friedrich August Adolf Gestefeld am 15. Oktober 1912 mit eindringlichen Worten für den Verbleib mitten auf dem Kiez geworben: „Die Polizei legt größten Wert darauf, die Wache am Spielbudenplatz zu halten, weil der polizeiliche Dienst in dieser Gegend ohnehin besonders schwierig ist.“
Für den Neubau musste die zwischen der alten Wache und dem heutigen St. Pauli Theater gelegene öffentliche Bedürfnisanstalt weichen. Der Abriss der im Volksmund so genannten „Pissbude“ musste gegen den heftigen Widerstand ihrer Befürworter durchgesetzt werden. Nachdem auch der Streit um die Finanzierung des zunächst mit rund 110.000 Mark veranschlagten Baus beigelegt war, gaben Senat und Bürgerschaft grünes Licht für die – inklusive Mobiliar – 171.000 Mark teure, Ende 1914 fertiggestellte Wache.
Heute steht der von einem markanten „Polizei“-Schriftzug gezierte Rotklinkerbau unter Denkmalschutz. Offiziell heißt Hamburgs berühmtes, nur 0,85 Quadratkilometer großes Polizeirevier übrigens erst seit 1970 „Davidwache“.
Volker Stahl © SeMa
Amanda Odemann initierte 1841 die Gründung des „Hamburger Vereins gegen Thierquälerei“
Sogar junge Elefanten fanden auf dem Gnadenhof des Vereins Unterschlupf.
Zu diesem Zeitpunkt existiert in England bereits seit zwei Jahrzehnten ein Tierschutzgesetz. Endlich können auch hiesige Tierschützer ersten Erfolg verbuchen: Ein Jahr nach der Vereinsgründung verfügt die Hamburger Polizeibehörde, dass ein Pferd nicht mehr als eine Tonne Gewicht ziehen darf. Und Schuttfahrer, die mit ihren Gespannen zu schnell durch die Stadt ruckeln, werden zu drei Tagen Arrest, ersatzweise zwei Talern Strafe verurteilt. Außerdem müssen die Hufe der Gäule nun ausreichend mit Hufeisen beschlagen sein, und die eiserne Gebissstange darf ihnen nicht mehr kalt ins Maul gesetzt werden. Und es ist nicht mehr erlaubt, kleine Hunde vor einen Karren zu spannen.
Auch für das Schlachtvieh kann der Verein bald von den Behörden sanktionierte Erleichterungen durchsetzen. Ab 1855 muss „jedes geknebelt in St. Pauli ankommende Lamm von seinen Banden befreit werden, sobald es die Landungsbrücke berührt“. 1887 wird das erste Tierheim an der Neustädter Straße eingeweiht. Ab 1891 nutzt der Verein spezielle Hebekräne, mit deren Hilfe die Polizei verunglückte und im Ambulanzwagen herbeigeschaffte Pferde wieder auf die Beine bringt. Nur herrenlosen Hunden und Katzen droht weiter ein trauriges Schicksal: Sie werden nach kurzer Verweildauer in der Fronerei, dem alten Gefängnis gegenüber der Petrikirche, getötet – wenn sich kein neues Frauchen oder Herrchen ihrer erbarmt.
Seit 1897 befindet sich das Tierheim im Stadtteil Hamm. Streuner werden nun von Pferdekutschen – deren Nachfolger heißen später „Struppiwagen“ – eingesammelt und dorthin verbracht. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und notdürftigen Reparaturen an den schwer beschädigten Gebäuden wird 1962 auf dem 25 000 Quadratmeter großen Grundstück an der Süderstraße eine moderne Tierheimanlage gebaut. Dort warten aktuell 760 Tiere, darunter 164 Hunde und 178 Katzen, auf ein neues Zuhause.
Text: Volker Stahl © SeMa/Fotos: © HTV
Bürgertochter Amanda Odemann gründete 1841 den Hamburger Tierschutzverein.
Abgemagerte und erschöpfte Hunde ziehen schwere Lastkarren durch das Hamburger Holpergassengewirr, Spediteure schlagen brutal auf ihre Pferde ein, gesetzliche Mindeststandards bei der Schlachtung von Nutztieren gibt es nicht – trauriger Alltag in der Hansestadt zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Um das alltägliche Leid der Tiere schert sich kaum jemand, Grausamkeiten gegen sie bleiben ungestraft. Nur bei wenigen Menschen regt sich Mitgefühl: Im November 1841 veröffentlicht die erst 20 Jahre alte Amanda Odemann in der Zeitung einen Aufruf gegen „Thierquälerei“, einen Monat später wird der Tierschutzverein gegründet.
Ein Blick in europäische Denktraditionen hilft, die Geringschätzung der Kreatur zu verstehen. Jahrhundertelang hatten Theologen das christliche Diktum „Macht euch die Erde untertan“ gepredigt und Philosophen das Leid der Tiere aus ihrem Denken verbannt. „Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch Spuren seiner Pfoten entstelle, also haben religiöse und philosophische Denker darüber gewacht, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumliefen“, schreibt der 1965 verstorbene Philanthrop Albert Schweitzer in seinem Buch „Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben“, in dem er seine Menschenliebe auf die Tierwelt ausweitet. Es sei, als hätte der französische Denker René Descartes (1596–1659) die neuzeitliche Philosophie verhext mit seiner Auffassung, Tiere hätten keine Seele und seien bloß schmerzunempfindliche Maschinen, seufzt Schweitzer.
Zuerst kümmerte sich der neu gegründete Verein um geschundene Lastpferde.
Auch in der Elbmetropole kümmert sich lange fast niemand um die Qualen der Tiere – nur deren Nutzwert zählt. Erst das „Conclusum Collegis Ehrbarer Oberalten“ fordert 1825, dass die „das Grundwesen der Sittlichkeit untergrabende Thierquälerei durch ein positives Gesetz gewehrt werden möge“. Die Vereinigung der jeweils drei Gemeindeältesten der Hamburger Hauptkirchen beklagt das „Übel der Misshandlung“ der Pferde und des Schlachtviehs, „unmenschliche Experimente“ am lebenden Tier sowie die rohe Grausamkeit gegen Haustiere „wie in den Martern und Qualen, welche eine sträfliche Nachsicht der Familienhäupter der Kinder gegen allerlei Kreaturen verstattet“. Nur ein Beispiel: Einige Hamburger Buttjes machen sich seinerzeit einen Spaß daraus, Spatzen in Fallen zu zerquetschen.
Erst 16 Jahre später wird der Hamburger Tierschutz institutionalisiert – dank der jungen Bürgertochter Amanda Odemann aus dem damaligen Vorort Eppendorf. In einem einspaltigen Artikel, der am 11. November 1841 in den Wöchentlichen Gemeinnützigen Nachrichten erscheint, prangert sie die Überlastung der Lasttiere beim Abtransport von Sand aus der Grube des Stadtgrabens an der Sternschanze an: „Schaudererregend ist es zu sehen, wie die zum Theil schon alten und schwachen Pferde ... mit Peitschenhieben und Hackenstößen von ihren unbarmherzigen Führern behandelt werden.“ Fünf Tage später kritisiert sie solche „Gräuel“ ein zweites Mal in dem Blatt. Die Resonanz ist überwältigend. Am 30. November erfolgt die Einladung zu einer Versammlung am 10. Dezember. An diesem Tag gründet Amanda Odemann zusammen mit 112 Gleichgesinnten, darunter zahlreiche Hamburger Honoratioren, den „Hamburger Verein gegen Thierquälerei“, der seit 1861 seinen heutigen Namen trägt: Hamburger Tierschutzverein (HTV).
Trotz seines Verbots vor 50 Jahren gibt es den speziellen Fahrstuhl immer noch
Der Paternoster im Bezirksamt Eimsbüttel dreht sich seit 1953 und wurde 2002 renoviert.
„Menschenschaufler“, „Beamtenbagger“: Der „Personen-Um-laufaufzug“, wie er amtlich heißt, hat viele Spitznamen. Einer hat sich eingebürgert. Er erinnert an die Rosenkranz-Kette, deren Perlen die Betenden durch die Finger kreisen lassen, wie die Kabinen durch die Stockwerke knattern: Paternoster („Vater unser“).
Seit einem halben Jahrhundert darf kein neuer Paternoster mehr gebaut werden, aber dank des Denkmalschutzes haben bundesweit zirka 200 Exemplare überlebt. Räder und Ketten befördern die Fahrkörbe nach einem ursprünglich aus dem Bergbau stammenden Prinzip in einem Tempo von höchstens 0,45 Metern pro Sekunde herauf und herunter. Erfunden wurde der „continuous elevator“ (durchgehender Aufzug) 1876 in London.
Ab 1885 wurde er in Hamburger Kontorhäuser eingebaut. Nachdem 1896 ein preußisches Patent erteilt worden war, verbreitete sich der „Rundtrieb-Aufzug“ im ganzen Kaiserreich. Aber Hamburg blieb die Hochburg. Das vertikale Karussell wurde zu einer „Hamburgensie“.
Ein Schild in der Kabine belehrte: „Wer das rechtzeitige Aussteigen versäumt, kann ohne Gefahr über den Dachboden oder durch den Keller fahren und die gewünschte Stelle wieder abwarten.“ Trotzdem stellte die Baupolizei-Behörde 1901 fest, würden Personen „aus Übermut oder Unverstand“ versuchen, „den Fahrkorb auf dem Dachboden zu verlassen“. Sein „Angstfrühstück“ nennt das ein Rundfunkredakteur in Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ von 1955. Allmorgendlich steigt Dr. Murke nicht in „seiner“ Etage aus, sondern fährt ganz oben herum und starrt „voller Angst auf diese einzige unverputzte Stelle des Funkhauses“.
Einen Holländer überwältigte am 7. September 1929 die Angst. Als die Decke näher kam, sprang er ab und blieb zwischen Kabine und Verschalung hängen, bis die Feuerwehr ihn heraussägte.
Der Paternoster von 1937 in der Deutschen
Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften am Neuen Jungfernstieg ist nicht mehr in Betrieb.
Im April 1931 urteilte das Oberlandesgericht über den Unfall: Paternoster seien „an sich ungefährlich“. Wer wie der Holländer „in blinder Angst herausspringt, beweist nicht einen Mangel an Geistesgegenwart, sondern einen Mangel an der ruhigen Überlegung, ohne die ein geordneter Verkehr überhaupt nicht denkbar ist“.
Bei einer Debatte in der Bürgerschaft im Dezember 1909 legte der Senat Zahlen vor: 1904 waren 20 Millionen Menschen in Paternostern gefahren; die „Vermehrung der Fahrstühle“ habe die Beförderungsquote auf geschätzte 89 Millionen erhöht. Von 1902 bis 1908 ereigneten sich 89 Unfälle, von denen zehn tödlich ausgingen: „Bei keiner anderen Verkehrseinrichtung dürfte sich ein so günstiges Verhältnis finden.“
Was statistisch „günstig“ aussah, blieb ein „grausames Fahrstuhlunglück“ wie am 11. November 1927, als ein 54-Jähriger starb, weil er „mit dem Kopf zwischen dem Zahnrad und der Kette des Getriebes eingeklemmt“ wurde. Als Hauptrisiko erkannte eine Zeitung 1913 das „eigene Verschulden unvernünftiger junger Leute“, von denen „die Aufzüge zu Spielereien und Turnübungen benutzt“ würden.
Bei Millionen Umläufen blieben Verbrechen nicht aus. Im August 1912 wurden sechs Fälle sexueller Belästigung in einem Paternoster bekannt. Am 26. Oktober 1921 überfiel ein Mann eine Bankangestellte, indem er ihr gemahlenen Pfeffer in die Augen streute, ins Gesicht schlug und eine Aktentasche mit Scheck und Bargeld raubte. Der Brand der hölzernen Kabine trug 1931 ein Feuer durch mehrere Stockwerke. 1936 wurden 344 „Stetigförderer“ in Hamburg gezählt.
Bericht im „Hamburger Tageblatt“ vom 20. Juni 1938.
Die Fahrt in offenen Kabinen „erregt in einem Lande wie Deutschland, wo man gewohnt ist, in allem und jedem die Organe der Aufsichtsbehörden für die persönliche Sicherheit sorgen zu lassen, Verwunderung“, hatte ein Ingenieur bereits 1907 bemerkt. 66 Jahre später befand der TÜV, dass mündigen Bürgern die Benutzung nicht mehr zuzutrauen sei. Die Technik ist perfekt, das Steckenbleiben oder ein Absturz sind ausgeschlossen. Gefährlich ist allein die „unsachgemäße Benutzung“.
Ab dem 1. Januar 1974 gilt ein Neubauverbot für Paternoster. Bis zum 31. Dezember 1994 sollte der Aufzug ganz verschwunden sein. Zum Stichtag waren in der BRD noch rund 400 Paternoster in Betrieb. Die Gnadenfrist wurde bis 2004 verlängert, nachdem auch die rund 110 Anlagen in der ehemaligen DDR vehemente Fürsprecher gefunden hatten. Im Juli 2015 scheiterte ein Vorstoß von SPD-Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, nur noch „eingewiesenen“ Personen die Nutzung zu gestatten und eine Art „Paternoster-Führerschein“ einzuführen. Zwei Monate später bewies der Hamburger FDP-Politiker Burkhardt Müller-Sönksen Unvernunft als Unfallursache: Er wollte sein E-Bike in einen der beiden Paternoster im Bezirksamt Eimsbüttel mitnehmen, wo es sich verkeilte.
Noch existieren in Hamburg 30 Paternoster. Einige sind stillgelegt, die meisten können nur von denen benutzt werden, die in den betreffenden Behörden und Betrieben arbeiten. Beim Umbau des Flüggerhauses am Rödingsmarkt wurde 2018 ein zugemauerter Paternoster entdeckt, dessen Baujahr 1908 ihn zum ältesten erhaltenen der Welt macht. Ob er je wieder fährt, liegt beim Eigentümer, der insolventen Signa-Gruppe von René Benko.
Text: Volker Stahl © SeMa/Fotos: © stahlpress Medienbüro
Vor 100 Jahren wurde der Meßberghof als Ballinhaus eingeweiht
Architekt Hans Gerson
(1881–1931).
Zeichnung: Uwe Ruprecht
© stahlpress Medienbüro
Zu Klängen von Beethoven versammelten sich am Vormittag des 24. März 1924 im Foyer des neuen Kontorhauses am Meßberg allerhand Honoratioren, voran der Erste Bürgermeister Carl Wilhelm Petersen (1868–1933). Sie enthüllten ein bronzenes Porträt-Medaillon von Albert Ballin (1857–1918), nach dem das Gebäude benannt wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts flohen Millionen vor Armut und Unterdrückung aus Europa und wanderten in die USA aus. Mi- gration war ein Riesengeschäft. Ballin übernahm 1886 die Leitung der Passagier-Abteilung der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft und machte die Hapag binnen eines Jahrzehnts zur weltgrößten Schifffahrtslinie.
Nicht nur die Überfahrt wurde verkauft, sondern die Reederei versorgte die Auswanderer auch in rund 30 Hallen auf der Veddel, die 1963 abgerissen wurden. Einige sind inzwischen wieder aufgebaut und beherbergen seit 2007 das Museum „BallinStadt“. Seit 1905 war Wilhelm II. mehrfach zu Gast in Ballins Villa in Rotherbaum, was diesem den Ruf eines „Reeders des Kaisers“ einbrachte.
Nach dem „Ballinhaus“ waren die Gebrüder Gerson für eine Wohnanlage am Kellinghusens Park in Eppendorf verantwortlich und begannen 1927 zusammen mit Fritz Höger, dem Baumeister des Chilehauses, mit dem mittleren Teil des Sprinkenhofs. Während der westliche Teil entstand, erlag Hans Gerson 1931 einer Herzattacke. Und dann übernahmen die Nationalsozialisten die Macht.
Architekt Oskar Gerson (1886–1966).
Zeichnung: Uwe Ruprecht
© stahlpress Medienbüro
Als Jude wurde Oskar Gerson vom Bund Deutscher Architekten ausgeschlossen. 1939 ging er ins Exil in die USA. Den östlichen Teil des Sprinkenhofs stellte Fritz Höger allein fertig; er war 1933 der NSDAP beigetreten. Am 14. November 1938, nachdem die Synagogen gebrannt hatten, verfügte der mächtigste Mann der Stadt, Reichsstatthalter Karl Kaufmann, dass das Kontorhaus am Meßberg nicht mehr den Namen des Juden Ballin tragen solle. Dessen Porträt-Medaillon im Foyer wurde zerstört, die Dokumente der Behörden über das Gebäude verschwanden.
Im nun umgetauften „Meßberghof“ hatte seit 1928 die Firma Tesch & Stabenow ihren Sitz. Sie war der Branchenführer bei der Schädlingsbekämpfung und hatte ein Monopol für Vertrieb und die Anwendung des 1922 von der Chemiefirma Degesch in Frankfurt am Main patentierten Blausäuregases namens Zyklon B. Damit wurde ab 1941 die SS beliefert, die es in den Vernichtungslagern einsetzte.
Nach 1945 wurde vergeblich versucht, die Bezeichnung „Meßberghof“ rückgängig zu machen. 1992 wollte die Kulturbehörde am Meßberghof eine Informationstafel zur Geschichte des Hauses anbringen, aber der Eigentümer sperrte sich, weil dies „eine zügige Vermietung voraussichtlich behindern würde“. Seit 1997 wird trotzdem am Eingang gegenüber der U-Bahnstation Meßberg an die Rolle des Hauses im Holocaust erinnert. Zur selben Zeit wurde der Hauptsitz von Hapag-Lloyd „Ballinhaus“ getauft. Er liegt an der Straße, die 1947 von Alsterdamm in Ballindamm umbenannt wurde.
Mitte der 1970er Jahre erwog man den Abriss des Meßberghofs. Stattdessen wurde er 1983 unter Denkmalschutz gestellt und gehört seit 2015 als Teil des Kontorhausviertels zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Text: Volker Stahl © SeMa/Fotos: © Archiv stahlpress
Das Kontorhaus in einer Aufnahme von 1929 im Buch „Hamburg und seine Bauten“.
Zur feierlichen Eröffnung stellte die Zeitung „Hamburgischer Correspondent“ den Neubau als „das erste Turmhaus in Hamburg“ vor. Damals galt schon dieses Gebäude mit zehn Stockwerken als „Wolkenkratzer“. Mit 50 Metern Höhe erscheint das Haus mit der Adresse Meßberg 1 heute eher niedrig, gemessen am Emporio-, dem früheren Unilever-Hochhaus, mit 98 Metern oder der Elbphilharmonie mit 110 Metern – ganz zu schweigen vom Elbtower, der sich auf 245 Meter erheben sollte und dessen Errichtung bei 100 Metern gestoppt wurde.
An der Stelle des „Turmhauses“ hatte sich ein Labyrinth aus Fachwerkhäusern befunden, in dem rund 20.000 Menschen unter elenden Bedingungen lebten. Der Unrat floss in einer Rinne mitten durch die Gassen und Twieten. „Abruzzen“ nannten Bessergestellte den Slum im Herzen der Kaufmannsmetropole. 1892 brach hier die Cholera aus, die nahezu 9.000 Tote forderte. Das durch den Abriss des „Gängeviertels“ frei gewordene Grundstück wurde von einem Finanzkonsortium für 50 Jahre gepachtet, nach deren Ablauf es ohne Entschädigung an die Stadt zurückging. Der Bau des Bürogebäudes mit einer Nutzfläche von 14.000 Quadratmetern, in dem etwa 3.000 Menschen beschäftigt waren, begann im Juni 1922.
Ein Brüderpaar entwarf die mit Klinkern verblendete Stahlbetonkonstruktion. Hans und Oskar Gerson waren 1881 bzw. 1886 in Magdeburg geboren worden und 1887 nach Hamburg gekommen, wo ihr Vater mit Zucker und Kaffee handelte. Hans Gerson hatte in München Architektur ohne Abschluss studiert; Oskar hatte lediglich gemeinsam mit dem Bruder in einem Architekturbüro in Berlin gearbeitet. „Architekt“ war noch keine gesetzlich geschützte Berufszeichnung, also konnten sie 1907 in Altona ein eigenes Büro eröffnen. Mit Stadt- und Landhäusern für Kaufleute wie Nicolaus Darboven oder den Bankier Max Warburg machten sich die Gebrüder Gerson einen Namen. 1922 bezogen sie ein Büro im Thaliahof, den sie gegenüber dem Theater erbaut hatten.
Am „Blutsonntag“ 1932 herrschte Bürgerkrieg in den Straßen von Altona
Stolpersteine für Lütgens, Wolff, Möller und Tesch vor dem Amtsgericht Altona.
Foto: stahlpress Medienbüro
Der Anfang vom Ende der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, begann an einem regnerischen Sommertag in der preußischen Stadt Altona. Reichskanzler Franz von Papen nahm die Ereignisse des 17. Juli 1932, des „Blutsonntags“, zum Anlass für den sogenannten „Preußenschlag“, bei dem die geschäftsführende Regierung des Freistaats durch einen Reichskommissar ersetzt wurde. Damit ging die Staatsgewalt im größten Land des Deutschen Reichs auf die Reichsregierung über und erleichterte später die Zentralisierung unter Adolf Hitler. „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht“, soll von Papen geprahlt haben, als er seine Minderheitsregierung durch die NSDAP tolerieren ließ.
Als erstes Zugeständnis an die Nationalsozialisten hatte er das von seinem Amtsvorgänger erlassene Verbot der Sturmabteilung SA und der Schutzstaffel SS am 16. Juni 1932 kassiert. Für den 31. Juli waren Reichstagswahlen angesetzt. Wahlkampf bedeutete buchstäblich Kampf: Die Parteien verfügten über paramilitärische Abteilungen, die aufeinander losgingen, wobei reichsweit 99 Menschen umkamen.
Tafel am Mahnmal für die Hingerichteten hinter dem Amtsgericht Altona.
Foto: stahlpress
Medienbüro
Hamburg hatte rund 1,2 Millionen Einwohner, Altona 300.000. Die Grenze zwischen den Städten war eine Formalie und spielte im Alltag fast keine Rolle. An jenem Sonntag versammelten sich ab 12.30 Uhr über 7000 SA- und SS-Männer zwischen Rathaus und Bahnhof in Altona. Sie wollten im Triumph über das aufgehobene Verbot durch die als „Klein-Moskau“ verschriene Stadt ziehen. Um 15 Uhr marschierten sie los. Gegen 16.30 Uhr erreichten sie bei der Großen Bergstraße die Altstadt. In der eng bebauten Gegend, die im Zweiten Weltkrieg komplett zerbombt wurde, lebten vornehmlich Arbeiter, die überwiegend SPD und KPD wählten.
Am östlichen Ende der Schauenburger Straße, der heutigen Schomburgstraße, kam es zu ersten Schlägereien zwischen Nazis und Anwohnern. Gegen 17 Uhr fielen Schüsse. Die SA-Männer Heinrich Koch und Peter Büddig wurden tödlich getroffen. Die Polizei drängte die Nazis Richtung Bahnhof ab und forderte in Hamburg Verstärkung an, die über die Kleine Freiheit anrückte. Wer die ersten Schüsse abgegeben hatte, wurde nie geklärt.
Der Polizeiführung wurde fälschlich gemeldet, dass auf den Dächern Heckenschützen säßen. Panisch feuerten die Polizisten um sich und verschossen dabei um die 5000 Kugeln. 16 Menschen starben, darunter Anna Raeschke, die der Lärm auf der Straße vom Esstisch an das Fenster ihrer Wohnung gelockt hatte. Ein Kopfschuss streckte sie nieder. Als ihr Sohn sie fand, hatte sie noch ein Stück Brot im Mund. Kein Polizist kam schwerwiegend zu Schaden.
SA- und SS-Leute befanden sich nicht mehr in dem Gebiet. Die Polizei nahm Hausdurchsuchungen vor und verhaftete etwa 90 Personen. Gegen 18.45 Uhr kam es zu weiteren Schießereien, aber bald darauf war laut Polizeibericht „die Ruhe wieder hergestellt.“
„Es erinnert an den Oktoberaufstand von 1923, der für Hamburg das bisher größte Geschehen des Bürgerkrieges in der jungen Repu-blik war“, notierte der „Hamburgische Correspondent“ am nächsten Tag. Am 23. Oktober 1923 hatten Kommunisten unter Ernst Thälmann einen Umsturz versucht. Sie überfielen Polizeiwachen, um sich zu bewaffnen und verbarrikadierten Straßen. Die meisten der mindestens 100 Toten, nämlich 61, waren Unbeteiligte.
Ab Mai 1933 inszenierte das neue NS-Regime Schauprozesse gegen über 100 vermeintlich Schuldige. Am 2. Juni 1933 wurden vier von ihnen, gegen die das Verfahren vor der Machtübernahme noch eingestellt worden war, von einem Sondergericht, das 18 Tage lang im Landgericht Altona verhandelte, zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung von August Lütgens (35), Walter Möller (28), Bruno Tesch (19) und Karl Wolff (22) fand am 1. August im Hof des Gerichtsgefängnisses mit dem Handbeil statt. „Wir unterhalten uns sehr ruhig, die Beamten sind sehr freundlich“, schrieb Bruno Tesch an diesem Tag seiner Mutter. „Ich habe Kuchen und Tabak, alles, was ich mir wünsche. Liebste Mutti, ich bitte Dich, überwinde dies um meinetwillen. Du musst leben bleiben, um meine Unschuld ans Tageslicht zu bringen. Das ist mein letztes Vermächtnis an Dich. Du musst es an den Tag bringen, was für ein grässlicher Justizmord an mir verübt wurde.“
Erst 1992 war es soweit: Das Landgericht Hamburg erklärte die Urteile für Unrecht. Inzwischen hatte der frühere Résistancekämpfer Léon Schirmann die Akten im Archiv in Schleswig durchgearbeitet. Die kommunistischen Heckenschützen beruhten auf einer „Psychose der Polizei“, die für alle Toten verantwortlich war. Im Prozess waren gefälschte Beweise vorgelegt worden. Die Altonaer Exekutionen waren die ersten überhaupt im Dritten Reich. Zwischen 400 und 500 Menschen wurden später im Hof des Untersuchungsgefängnisses am Holstenglacis hingerichtet. Die Leichen von Lütgens, Möller, Wulff und Tesch wurden in Berlin verbrannt und die Urnen in Marzahn vergraben. 1947 wurden sie auf dem Ehrenhain für die Hamburger Widerstandskämpfer auf dem Friedhof Ohlsdorf beigesetzt. Ein Mahnmal an der Stelle ihrer Hinrichtung sowie die Namen von Straßen und Parks erinnern an sie.
Volker Stahl © SeMa
Ein Fass mit Abfall brachte den Volkszorn zum Überlaufen. Bei den „Sülze-Unruhen“ im Juni 1919 wurde das Rathaus beschossen!
Satirische Postkarte von 1919 über die Einschusslöcher in der Rathausfassade.
Sie begannen am Morgen des Montags, 23. Juni 1919 in der Kleinen Reichenstraße. Beim Beladen eines Fuhrwerks mit Abfällen aus der Fleischwarenfabrik Heil & Co. ging ein Fass zu Bruch. Eine stinkende gelbe Brühe ergoss sich auf das Pflaster. Daraus also werde die „Heilsche Delicatess-Sülze“ hergestellt, argwöhnten die Passanten. Das Gerücht machte die Runde, Heil würde Hunde, Katzen und Ratten zu Sülze verarbeiten. Zufällig kamen zwei Politiker und ein Mitarbeiter der für Lebensmittelpreise zuständigen Stelle vorbei und inspizierten spontan die Firma, in der auch Felle gegerbt wurden. „Hurra, da haben wir ja einen Hundekopf!“, rief einer von ihnen aus.
Das war das Signal für die rund 200 Leute auf der Straße, in den Betrieb einzudringen und ihn zu verwüsten. Die paar Polizisten konnten nur tatenlos zuschauen. Ein inzwischen auf 1000 Menschen angewachsener Mob schleppte den 66-jährigen Firmenchef Johann Jacob Heil zum Rathausmarkt und warf ihn von der Schleusenbrücke in die Kleine Alster. Zwei Polizisten zogen ihn aus dem Wasser und brachten ihn in ihrer Wache im Rathaus in Sicherheit. Warnschüsse hielten die Menge davon ab, das Gebäude zu stürmen. Dass ein Kriminalinspektor Heil verhaftete und die „strengste Untersuchung“ versprach, beruhigte die Lage vorerst.
Doch am nächsten Morgen kochte der Volkszorn wieder hoch. Vor der Firma Heil, dem Rathaus und dem Hauptquartier der Polizei im Stadthaus versammelten sich aufgebrachte Bürger. Arbeiter von Heil und anderen Fleischfabriken wurden in einem Spießrutenlauf auf den Rathausmarkt gezerrt und an eine Art Pranger gestellt. Am Mittag wurde das Kriegsversorgungsamt am Großen Burstah besetzt, das auch nach Kriegsende für die Verteilung der Lebensmittel zuständig war. Der Amtsleiter wurde zum Rathausmarkt gebracht. Nachdem er beteuert hatte, nicht für die Produktionsbedingungen bei Heil zuständig zu sein, ließ man ihn frei.
Im Juli 1919 fand auf dem Rathausmarkt eine Parade des „Korps Lettow“ statt.
In der Nacht zum 25. Juni wurden Waffengeschäfte ausgeraubt. Militär-Kommandant Lamp’l verkündete erneut den Belagerungszustand. Das Rathaus wurde umstellt und beschossen, ein Waffenstillstand ausgehandelt und gleich gebrochen. Ein Mob drang über die Börse in das Rathaus ein. Zu dessen Schutz hatte Lamp’l die „Bahrenfelder“ aufgeboten.
Die ganze Nacht über feuerten die Belagerer und das Freikorps aufeinander. 14 „Bahrenfelder“ starben. „Hamburg glich heute einem Kriegslager, einer vom Getümmel des Krieges erfassten Stadt, in der an die Stelle der friedlichen Arbeit lediglich die Flinten, die Handgranate und die rohe Gewalt getreten sind“, schrieb eine Zeitung.
Am 27. Juni befahl Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) in Berlin die „Reichsexekution“. Mit 10 000 Mann besetzte der für seine Grausamkeit in Deutsch-Ostafrika berüchtigte Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck am 1. Juli die Stadt. „Diese aufgeladene Situation nutzte die KPD zu einem Aufstand gegen den von der SPD geführten Senat“, heißt es zu einer „Ehrentafel“ für die „Bahrenfelder“ im Turm der Petrikirche an der Mönckebergstraße. Tatsächlich erklärte die KPD am 28. Juni: „Die Partei verwirft jeden Versuch, sich mit Waffengewalt dem Einmarsch der Regierungstruppen zu widersetzen.“
Für ein halbes Jahr errichtete das „Korps Lettow“ ein Schreckensregime mit willkürlichen Verhaftungen und mutwilligen Erschießungen. Am Ende waren an die 90 Tote zu beklagen. Im Oktober 1919 stellte ein Gericht fest, dass die „Heilsche Delicatess-Sülze“ Maden enthielt und verurteilte den Fabrikanten zu drei Monaten Gefängnis.
Text: Volker Stahl © SeMa/Fotos: Staatsarchiv Hamburg
Walther Lamp’l (1891–1933) war der Militär-Kommandant für Groß-Hamburg.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 war das Elend noch nicht vorbei. Die Hamburger hungerten. Aber nicht alle. Im Dezember 1918 wurden das Hotel Atlantic, der Alsterpavillon und der Ratsweinkeller als „Symbole bourgeoisen Wohllebens“ Ziel von Plünderungen. Zu Neujahr wurden Alsterschwäne geschlachtet.
Am 16. April 1919 protestierte eine wütende Menge vor dem Rathaus gegen die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln und raubte anschließend erneut den Alsterpavillon aus. Zu Ostern, am 20. und 21. April, wurden mehrere Polizeiwachen überfallen. Es gab Schießereien und Tote. Als Reaktion auf die „schamlose Unverfrorenheit organisierter Verbrecherbanden“ verhängte der 28-jährige Militär-Kommandant von Groß-Hamburg, der Sozialdemokrat Walther Lamp’l, den Belagerungszustand über Hamburg, Altona und Wandsbek. Als dieser am 30. April endete, waren 18 Menschen umgekommen.
Zum Einsatz kam dabei eines der Freikorps, die gebildet worden waren, um die revolutionären Umtriebe nach dem Kollaps des Kaiserreichs mit Waffengewalt niederzuschlagen. Lamp’l beauftragte die 600 Männer der „Freiwilligen Wachabteilung Bahrenfeld“ damit, „St. Pauli von dem Verbrechergesindel zu säubern“ und „die Neustadt einer gründlichen Reinigung“ zu unterziehen. Einer von ihnen war der 17-jährige Bruno Streckenbach. Er wurde 1933 Chef der Hamburger Gestapo und leitete ab 1941 die Massenerschießungen der SS-Einsatzgruppen, mit denen der Holocaust begann. Die „Bahrenfelder“ spielten auch eine Hauptrolle bei den später sogenannten „Sülze-Unruhen“.
Oscar Troplowitz war ein sozialer Unternehmer und Kunst-Mäzen.
Oscar Troplowitz (1863–1918). Foto © Beiersdorf AG
Geboren am 18. Januar 1863 als Sohn eines Maurermeisters im oberschlesischen Gleiwitz, kam Oscar Troplowitz als Siebenjähriger nach Breslau. Nachdem er bei einem Onkel eine Apothekerlehre absolviert hatte, arbeitete er als Gehilfe in Berlin und Posen. 1884 nahm er ein Studium der Pharmazie in Breslau auf, 1888 promovierte er zum Doktor der Philosophie in Heidelberg. Für 60.000 Mark erwarb der 27-Jährige Beiersdorfs Labor. Und machte daraus binnen Kurzem einen florierenden Betrieb für Kosmetik.
Der Markt für Hygiene- und Körperpflege-Artikel entwickelte sich erst. Troplowitz war in zweifacher Hinsicht ein Pionier: bei der Erfindung von Produkten wie bei deren industrieller Herstellung, die sie für breite Käuferschichten erschwinglich machten. 1901 entstand der medizinische Klebeverband „Leukoplast“, 1909 eine „Lippenpomade“ namens „Labello“ mit einem Stift im Drehhülsengehäuse. 1911 kaufte Troplowitz dem Hamburger Chemiker Isaac Lifschütz das Patent für den Emulgator „Eucerit“ ab. Im Dezember desselben Jahres brachte er die erste haltbare Fett- und Feuchtigkeitscreme der Welt heraus. Die Verbindung von Wasser, Glyzerin und Zitronensäure wurde zusammengehalten von „Eucerit“. Ihren Namen „Nivea“, die Schneeweiße, abgeleitet vom lateinischen „niveus“, trug bereits seit 1906 eine Seife.
Die Villa Troplowitz in der Agnesstraße an der Außenalster. Foto © stahlpress Medienbüro
Die Villa an der Ecke Agnesstraße und Fernsicht, die sich Troplowitz 1908/09 hatte erbauen lassen, war ein Treffpunkt der hanseatischen Kunstszene. Troplowitz förderte den „Hamburgischen Künstlerclub von 1897“ und besaß 200 Gemälde. Er war der erste deutsche Privatsammler, der 1914 einen Picasso erwarb, die „Eingeschlafene Trinkerin“ aus der sogenannten „Blauen Periode“. Es hing in seinem Arbeitszimmer.
Am 27. April 1918 erlitt Troplowitz mit 55 Jahren bei einem Spaziergang einen Gehirnschlag und starb. Der Picasso gehörte zu den 26 Werken, die aus seinem Nachlass an die Kunsthalle gingen. 1937 wurde das Bild als „entartete Kunst“ beschlagnahmt und verkauft. Heute befindet es sich im Kunstmuseum Bern.
Das Grabmal für Oscar Troplowitz auf dem Friedhof Ohlsdorf ist als Kulturdenkmal eingestuft. Es wurde von Fritz Schumacher und dem Bildhauer Arthur Bock gestaltet, der 1910 die Statue einer Diana mit Hund für den Garten der Troplowitz-Villa geschaffen hatte.
Text: Volker Stahl © SeMa/Fotos: © Archiv stahlpress und © Beiersdorf AG
Anzeige im „Hamburger Tageblatt“ vom 8. Juli 1933.
Repro © stahlpress Medienbüro
Troplowitz erkannte früh die Bedeutung der Reklame: Er schaltete Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften und nutzte die freien Flächen auf Bussen für Werbung. Von 1900 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs verzwölffachte sich der Umsatz von Beiersdorf.
Ein Pionier war Troplowitz auch als Arbeitgeber. Die „Fürsorge“ für seine Arbeiter und Angestellten betrachtete er „nicht als Wohltat, sondern als ihr gutes Recht“. Es gab es ein kostenloses Mittagessen und seit 1897 einen Mutterschutz. Beiersdorf führte als erstes Unternehmen in Hamburg den bezahlten Urlaub ein. Ab 1892 wurde die Wochenarbeitszeit von 60 Wochenstunden schrittweise bei vollem Lohnausgleich reduziert – bis auf 48 im Jahr 1912. Beiersdorf zahlte Weihnachtsgeld und unterhielt eine eigene Pensionskasse.
Troplowitz unterstützte Krankenhäuser ebenso wie den Verein für Hamburgische Geschichte. Als Mitbegründer des Stadtparkvereins wirkte er an der Schaffung des Parks mit. Von 1904 bis 1910 war Troplowitz Abgeordneter in der Bürgerschaft. Außerdem war er Mitglied der Baudeputation. „Er sekundierte vor allem Oberbaudirektor Fritz Schumacher, an dessen lebendigem Wesen und Wirken er seine reine Freude hatte und dessen oft isolierte oder von der kühlen Atmosphäre der Gleichgültigkeit umgebene Stellung er wesentlich erleichterte“, schrieb ein Zeitgenosse.
NIVEA-Lieferwagen 1929.
Foto © Beiersdorf AG
1951 hatte Max Frei-Sulzer, der Leiter des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich, die bahnbrechende Idee, die durchsichtigen und auf einer Seite mit Klebstoff versehenen Zellophanstreifen, die in jedem Büro zu finden waren, dafür zu benutzen, Mikrospuren an einem Tatort zu sichern. Einen „Kautschuk-Klebefilm“ gab es schon seit 1896, aber seinen Durchbruch hatte das „Lassoband“ erst Mitte der 1930er Jahre als „Tesafilm“. „Tesa“ hieß zunächst die patentierte Tube der Zahnpasta „Pebeco“. Elsa Tesmer, eine Kontoristin der Firma Beiersdorf, hatte die Marke bei einem betriebsinternen Wettbewerb 1906 aus den Anfangs- und Endbuchstaben ihres Namens gebildet. Heute ist die Tesa eine Tochter der Beiersdorf AG mit Sitz in Norderstedt.
Eigentlich müsste das Unternehmen den Namen des Mannes tragen, der es zum Erfolg geführt hatte. Denn die „Fabrik darmato-therapeutischer Präparate“, die 1882 vom Apotheker Paul Carl Beiersdorf (1836–1896) in der Nähe des Michels gegründet worden war, hatte nur elf Mitarbeiter, als Oscar Troplowitz sie 1890 kaufte. Er beschäftigte schließlich 500 Menschen. Heute sind es 20.000, die 2022 einen Gewinn von rund 1,2 Milliarden Euro erwirtschafteten. 1892 war die Firma nach Hamburg-Eimsbüttel umgezogen an die Straße, die 1971 nach Troplowitz benannt wurde und von der ein Teil seit Juli 2023 Beiersdorfstraße heißt.
Mit seinem Meisterwerk setzte Fritz Höger ein architektonisches Fanal
Das Chilehaus auf einer Postkarte aus den 1950er Jahren. Foto: Archiv stahlpress Medienbüro
Höger konzipierte sein berühmtestes Bauwerk als Kontorhaus mit 5950 Quadratmetern Grundfläche auf zehn Stockwerken, davon vier Staffelgeschosse. Einige zeitgenössische Kritiker zeigten sich von dem Monumentalbau zunächst wenig begeistert. So wetterte Hans Hildebrandt, der Kunsthistoriker und Unterstützer des Bauhauses, 1924, Höger habe das Chilehaus „mit nicht mehr zu überbietender Selbstreklame der Öffentlichkeit zur Bewunderung“ erschaffen. Davon ist heute keine Rede mehr – der „steinerne Dampfer“ gehört seit Juli 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Seine Bauten waren bisweilen genial, Högers Charakter war eher unangenehm. Mitarbeiter, Freunde und Familie litten unter seinen cholerischen Anfällen. Auch in der Öffentlichkeit agierte der „Klinkerfürst“ laut und predigerhaft, ließ kulturelle Bildung vermissen. Zudem fehlte ihm „jegliche kritische Distanz zu sich selbst“, heißt es in einer Biografie. Das behagte dem hanseatischen Bürgertum nicht – so blieb ihm die gesellschaftliche Anerkennung in seiner Wirkungsstadt versagt.
Im Prinzip ist das so geblieben, doch aus einem anderen Grund: Während das Chilehaus noch heute bewundert wird, ist nicht nur die sperrige Persönlichkeit seines Erschaffers in die Kritik geraten – sondern auch seine Anbiederung an den Nationalsozialismus und sein Hang zum „Völkischen“. Lange vor der sogenannten „Machtergreifung“ im Jahr 1933 durch die Nazis sympathisierte Höger mit deren Programm. In seinem Nachlass befinden sich Dokumente, die seine Verachtung demokratischer Strukturen und seinen Antisemitismus belegen. Höger versuchte, sich dem NS-Regime anzudienen. Dass die Nationalsozialisten kein Interesse an seiner eigenwilligen Bauweise zeigten, verletzte ihn tief.
Nach dem Krieg stellte der Entnazifizierungsausschuss Höger dennoch eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus. Aber seine große Zeit war vorbei: Der Baumeister realisierte nach 1945 nur noch kleinere Projekte. Unter anderem entwarf das ehemalige NSDAP-Mitglied (seit 1932) perfiderweise ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus. 1949 starb Höger kurz nach seinem 72. Geburtstag in Bad Segeberg an den Folgen eines Schlaganfalls.
Volker Stahl © SeMa
Das Chilehaus auf einer Postkarte aus den 1950er Jahren. Foto: Archiv stahlpress Medienbüro
Heute ist die Elbphilharmonie das Postkartenmotiv der Hansestadt, vor 100 Jahren war es das Chilehaus. Mit seiner spitzen, bugartigen Ecke und der kurvig gestalteten Fassade erinnert das von 1922 bis 1924 mit seiner 36 000 Quadratmeter großen Bruttogeschossfläche errichtete Bauwerk nicht nur an ein Schiff – es avancierte nach anfänglicher Skepsis zu einer viel bestaunten Ikone hanseatischer Baukunst. Mit dem Chilehaus, schreibt der Kunsthistoriker Ralf Lange in seinem Buch „Das Hamburger Kontorhaus“, habe die Hamburger Architektur nach dem Ersten Weltkrieg ein „Fanal“ gesetzt.
Das Chilehaus mit seinem wetterbeständigen, robusten, bei 1800 Grad gebrannten Bockhorner Klinkern passte perfekt in die Handels- und Hafenstadt Hamburg. Bauherr war der Kaufmann Henry Brarens Sloman, der mit Salpeterimport reich geworden war. Slomans Finanzkraft ist es zu verdanken, dass die weltberühmte Gebäudespitze durch den Erwerb kleiner arrondierter städtischer Flächen realisiert werden konnte. Neben der spektakulären Form verdanke der zehn Millionen Reichsmark teure „Klinkerkoloss“ seine Wirkung vor allem der subtilen Detaillierung der Fassaden mit seinen 72 Zentimeter breiten Pfeilern zwischen den zahlreichen Fenstern, betont Lange: „Diese relativ kompakten Stützen werden durch Vorlagen aus jeweils zwei Ziegeln pro Mauerschicht überspielt, die um 45 Grad gegenüber dem Gebäude gedreht sind, sodass sie zu den Vorderseiten hin als spitze Grate in Erscheinung treten.“
Das imposante Kontorhaus ist das Hauptwerk von Fritz Höger, der es in seiner expressionistischen Phase erschuf. Der Architekt stammte aus einfachen Verhältnissen. Geboren 1877 in Bekenreihe bei Elmshorn, absolvierte er zunächst eine Lehre als Zimmermann. Doch der ehrgeizige junge Mann hatte einen Traum: Er wollte Baumeister werden! Deshalb zog er nach Hamburg, wo er die Baugewerkschule am Museum für Kunst und Gewerbe besuchte. Nach ersten Berufserfahrungen als angestellter Architekt machte er sich 1907 selbstständig. Die Aufträge ließen nicht lange auf sich warten: Der rastlose, von seiner Arbeit besessene Höger schuf bereits vor dem Ersten Weltkrieg im neuen Hamburger Stadtzentrum wegweisende Bauten, die den typisch hamburgischen Kontorhaus-Stil prägten. Zusammen mit Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher machte Höger den norddeutschen Backsteinbau populär, der den in der Hansestadt bis dato üblichen Putzbau ablöste.